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Tierwohl in der Diskussion Warum der Preis für Schweinefleisch steigen muss

Die Schweine der deutschen Landwirte brauchen mehr Platz im Stall. Das hat ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ergeben, doch das, was als Vorschlag zur Änderung des Tierschutzgesetzes vorliegt, reicht Tierschützern nicht aus. Damit sich überhaupt etwas ändern kann, muss der Preis für Schweinefleisch steigen. Aus Sicht des Fleischer-Verbands wäre die kürzlich geforderte Erhöhung der Mehrwertsteuer allerdings der falsche Weg.

Die Forderung nach einer höheren Mehrwertsteuer auf Fleisch hat eine Diskussion um das Wohl der Tiere ausgelöst, deren Fleisch wir essen. Würden die Deutschen wirklich weniger davon essen, wenn es teuerer wäre? Würde das den Tieren etwas bringen – würden sie artgerechter und gesünder leben bis zur Schlachtung?

Die mögliche Wirkung einer Mehrwertsteuer-Erhöhung wurde bereits kurz nachdem sie öffentlich war, stark angezweifelt – auch vom Deutschen Fleischer-Verband (DFV). So sei es vollkommen unklar, wie die Erhöhung der Steuer das verfolgte Ziel des besseren Tierschutzes fördern soll, sagt dazu Gero Jentzsch, der Sprecher des Verbands. Die Mehrwertsteuer sei nicht zweckgebunden, so dass die Mehreinnahmen in den allgemeinen Haushalt fließen würden und nicht für bestimmte Maßnahmen verwendet werden könnten. Besonders wichtig sei zudem: "Insbesondere hochwertiges Fleisch von Tieren, die nach höheren als den gesetzlichen Standards gehalten werden, würde aufgrund der Preissteigerung im Verhältnis zu Fleisch von Tieren aus konventioneller Haltung an Attraktivität verlieren", erklärt Jentzsch. Es sei außerdem zu befürchten, dass der Import von Fleisch aus Ländern mit geringeren Anforderungen an die Tierhaltung zunimmt, wenn der Preisdruck steigt. Dennoch sei eine Diskussion sowohl über Verbesserungen bei der Tierhaltung und den Preis für Fleisch und Fleischprodukte nötig.

Das sehen Umfragen zufolge auch die Verbraucher so. So sprechen sich immer mehr dafür aus, dass ihnen das Tierwohl wichtig ist. Dem aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschafts (BMEL) zufolge wären 50 Prozent der Deutschen bereit fünf Euro pro Kilo Fleisch zu bezahlen, wenn es aus artgerechter Tierhaltung kommt. Dennoch ist der Markt dafür noch begrenzt und die Masse isst Fleisch und Fleischprodukte, über deren Herkunft und Haltung der Tiere sie wenig wissen. Auf die Teller der Deutschen kommt dabei am häufigsten Geflügel- und Schweinefleisch. Dabei steht vor allem die Haltung der Schweine bei deutschen Landwirten derzeit stark in der Kritik und es wird auch über den Schweinefleischpreis diskutiert. So forderte der Bauernverband jüngst, dass sich dieser verdoppeln müsse, damit die Bauern die geforderten strengeren Auflagen in der Tierhaltung künftig noch erfüllen können. Der Deutsche Fleischer-Verband ist hierbei zögerlicher.

Schweinehaltung: Fleischerverband warnt vor Schlupflöchern für Großunternehmen

"Die Vorstellung, dass die Mehrheit der Verbraucher mehr oder weniger freiwillig den doppelten Preis für ein Lebensmittel zahlen würde, sehen wir eher zurückhaltend", sagt Gero Jentzsch und weist darauf hin, dass die Fleischpreise schließlich nicht politisch bestimmt, sondern den Gesetzen des Marktes unterworfen sind. So sei es entscheidend, dass der Verbraucher flächendeckend höhere Preise akzeptiert und es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommt. Eine Befürchtung der Fleischer: Fleisch von Schweinehaltern aus Deutschland könnte teurer werden und im Supermarkt werden dann Fleisch und Fleischprodukte aus dem Ausland angeboten, weil industrielle Wettbewerber ihren Bedarf am billigeren Auslandsmarkt decken oder der Gesetzgeber Schlupflöcher für Großunternehmen einbaut. Das würde Handwerksfleischer benachteiligen, die oft noch mit örtlichen Bauern zusammen solche für den Handwerksbetrieb maßgeschneiderten Tiere erzeugen oder einem Markenfleischprogramm angehören.

Doch Jentzsch betont auch: "Wir befürworten selbstverständlich, wenn es mehr hochwertiges und auch unter höheren Standards produziertes Fleisch auf dem Markt gibt." Er bezieht sich dabei auf die Entwicklungen, die sich derzeit bei der Schweinehaltung abzeichnen und auf die auch der Bauernverband anspielt, wenn er davon spricht, dass die Schweinehalter künftig einen höheren Aufwand und höhere Kosten haben könnten. So ist einerseits das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration geplant und die Schweinehalter müssen dafür Alternativen nutzen. Ab wann es wirklich gelten soll, wird noch debattiert. Andererseits müssen Schweinehalter künftig wohl auch ihre Ställe umbauen, um strengeren Anforderungen zu genügen. Denn die Mastschweine in den meisten Ställen haben zu wenig Platz.

Mehr über das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration und warum die Versorgung mit regionalem Schweinefleisch dadurch in Gefahr gerät, lesen Sie hier.>>>

Mastschweine haben zu wenig Platz

Schon im Jahr 2016 hat das Bundesverwaltungsgericht das sogenannte Magdeburger Urteil bestätigt und damit festgelegt, dass die Standard-Ställe bzw. die sogenannten Kastenstände im Deckzentrum der Schweinehalter zu klein sind. Die Sauen, die hier mehrmals im Jahr rund neun Wochen am Stück verbringen, sollten wenigstens ihre Beine ausstrecken können. Das sei in den wenigsten Haltungen derzeit gewährleistet. Der Deutsche Tierschutzbund hält die Kastenhaltung grundsätzlich für nicht tierschutzgerecht und die aktuelle Situation demnach für rechtswidrig. "Die Kastenstände müssten breiter sein oder wenigstens die Möglichkeit lassen, dass die Sauen ihre Beine durch unbelegte Lückenausstrecken können", erklärt Christina Höbel, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund, das Minimum, das durch das Urteil eigentlich für alle Tierhalter gelte.

Grundsätzlich sollen die Sauen nicht mehr fixiert werden dürfen. Sie sollen mehr Zeit in der Gruppe verbringen, denn Schweine leben nicht gerne allein. Ähnliches gilt für den sogenannten Abferkelbereich, für den ebenfalls ein höherer Platzbedarf in der Diskussion steht. Hier sind die Sauen derzeit etwa eine Woche vor der Geburt und vier Wochen danach fixiert, bevor sie sich wieder freier bewegen können.

Änderung der Sauenhaltung erst in 17 Jahren Pflicht?

Auf das gerichtlich angeordnete Verbesserung der Schweinehaltung in Deutschland hat das BMEL mit einem Gesetzesvorschlag zur Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutzV) reagiert. Dieser befindet sich gerade in der sogenannten Verbändeabstimmung. Er sieht Neuerungen für die Schweinehaltung vor, die allerdings erst nach einer Übergangsfrist von 15 bis 17 Jahren verpflichtend greifen sollen. Christina Höbel kritisiert es vehement, dass die Politik derat lange Fristen setzt und auch, dass die geplanten Änderungen viel zu kurz greifen bzw. sogar rechtswidrig seien im Sinne des Tierschutzes.

Vorgesehen ist unter anderem,

  • … nur dass die Kastenstände minimal verbreitert werden sollen – von 65 Zentimetern für Jungsauen und 70 Zentimetern für Sauen wie es derzeit laut Tierschutzbund üblich ist auf 65 cm für Jungsauen, 75 cm für Sauen mit einer Schulterhöhe bis zu 90 cm und 85 cm für Sauen mit einer Schulterhöhe über 90 cm.
  • Die Vorgabe, dass es jedem Schwein möglich sein muss, sich in einem Kastenstand hinzulegen und in Seitenlage die Gliedmaßen jederzeit ungehindert auszustrecken, soll aus der Verordnung gestrichen werden.
  • Die sogenannte Fixationszeit von Sauen soll nicht verboten, sondern  verkürzt werden auf acht Tage im Deckzentrum und fünf Tage im Abferkelbereich.

Da die Änderung in der Schweinehaltung für die Landwirte teilweise aufwendige Umbauarbeiten bedeuten, drängt unter anderem der Bauernverband auf die langen Fristen für die Umstellung und eben einen notwenigen höheren Fleischpreis, der die Kosten auffängt. Auch der Tierschutzbund sieht die Umstellungskosten, doch um die Fristen zu verkürzen sei eben auch staatliche Unterstützung nötig. Höhere Fleischpreise könnten außerdem helfen. "Aber dabei muss sichergestellt sein, dass das Geld bei den Landwirten ankommt", sagt Christina Höbel.

Tierschutz und das von den Verbrauchern geforderte Mehr an Tierwohl gebe es nicht zum Nulltarif. Der Fleischerverband setzt sich ebenfalls dafür ein, weist aber auch gleichzeitig darauf hin, dass die Politik Strukturen schaffen müssen, in denen auch kleine Betriebe – sowohl Landwirte als auch Fleischereien – noch eine Überlebenschance haben.

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