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Bundesbildungsministerin Johanna Wanka im Interview Wanka: "Ich will keinen Reparaturbetrieb"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung wieder erhöhen. Im DHZ-Interview spricht sie über unbesetzte Lehrstellen, volle Hörsäle und die Chancen präventiver Berufsberatung.

Johanna Wanka
Einsatz fürs Handwerk: Johanna Wanka (CDU) ist seit Februar 2013 Bundesbildungsministerin. Ihr erklärtes Ziel: die berufliche Bildung stärken. -

DHZ:  Frau Ministerin, mehr als die Hälfte aller Abiturienten eines Jahrgangs studieren. Gleichzeitig wird das Handwerk dieses Jahr wohl 18.000 Lehrstellen nicht besetzen können. Was läuft schief? 

Wanka: Es geht nicht darum, zu sagen, was schiefläuft. Es geht darum, zu überlegen, wie wir mit der Situation umgehen. Jeder, der studieren will und ein Studium erfolgreich absolvieren kann, sollte dies auch tun. Wir haben aber das Problem, dass von denen, die studieren, im Schnitt 30 Prozent ihr Studium abbrechen. Das ist nicht nur volkswirtschaftlich schlecht. Das ist auch für die jungen Menschen negativ.

DHZ:  Was wollen Sie dagegen tun?

Wanka: Wir müssen die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung wieder erhöhen und wir müssen für eine individuelle und flächendeckende Studien- und Berufsberatung sorgen – auch an Gymnasien.

"Stärker auf die Perspektiven hinweisen"

DHZ:  Das heißt?

Wanka: Jeder, der will, soll Abitur machen. Aber nicht für jeden Abiturienten ist ein Studium das Richtige. Wir brauchen neutrale Beratung. Wir müssen uns ganz einfach die Mühe machen, auf anspruchsvolle Ausbildungsberufe, auf verkürzte Ausbildungszeiten und auf interessante Perspektiven hinzuweisen. In den nächsten zehn Jahren gehen rund 200.000 Handwerksmeister in die Rente. Da bieten sich doch große Chancen für pfiffige junge Leute.

Bundesbildungsministerin Wanka im Interview

DHZ:  Und wer bezahlt das Ganze?

Wanka: Mit Arbeitsministerin Andrea Nahles habe ich mich darauf verständigt, dass wir in dieser Legislaturperiode mehr als eine Milliarde Euro für die Berufsberatung und Berufseinstiegsbegleitung an den verschiedenen Schultypen zur Verfügung stellen. Ich habe auch die Länderminister gebeten, sich finanziell zu beteiligen, damit wir die bisherigen Projekte zu den Bildungsketten in die Fläche ausdehnen und auch Gymnasien miteinbeziehen können.

DHZ:  Es wird immer schwerer, Lehrstellen und Ausbildungssuchende zusammenzubringen. Glauben Sie, das so in den Griff zu bekommen?

Wanka: Hier gibt es sicher keine einfache Lösung. Aber individuelle und flächendeckende Berufsberatung sind für mich der Schlüssel zum Erfolg. Dass wir 20.000 unversorgte Bewerber und gleichzeitig viele unbesetzte Stellen haben, liegt auch daran, dass Jugendliche nicht die richtigen Vorstellungen über bestimmte Berufe haben. Und es liegt auch daran, dass Betriebe über Jahre genügend Bewerber hatten und weniger über die Attraktivität ihrer Ausbildung nachdenken mussten.

"Durchlässigkeit macht die Ausbildung attraktiver"

DHZ:  Wie ist es mit denen, die weder Lehre noch Studium schaffen?

Wanka: Wir haben heute unter den 24- bis 35-Jährigen noch immer 14 Prozent ohne Berufsabschluss. Genau deshalb kommt es darauf an, präventiv zu arbeiten, zum Beispiel mit unseren Bildungsketten, bei denen schon ab der 7. Klasse Hilfestellung geleistet wird. Ich möchte keinen Reparaturbetrieb. Das gilt im Übrigen auch für Studienabbrecher.

DHZ:  Für die sich jetzt auch zunehmend das Handwerk interessiert.

Wanka: So ist es. Kammern haben mir das berichtet. Jetzt geht es darum, für eine noch bessere Anrechenbarkeit der Leistungen zu sorgen. Wer schon drei Jahre Fahrzeugbau studiert hat, sollte als Kfz-Mechatroniker eine Lehrzeitverkürzung bekommen. Wie umgekehrt der, der eine Lehre fertig hat und drei Jahre Berufserfahrung mitbringt oder den Meister hat, entsprechend ohne Eingangstests studieren können sollte.

DHZ:  Laufen wir nicht Gefahr, dann weniger Gesellen zu haben?

Wanka: Meines Erachtens macht mehr Durchlässigkeit die duale Ausbildung attraktiver. Sie lässt alle Wege offen. Zur Steigerung der Attraktivität gehört für mich auch, dass wir noch mehr berufsbegleitende Studiengänge entwickeln.

DHZ:  Frau Wanka, unter Grundschülern hat jedes dritte Kind Migrationshintergrund. Wie können wir sie später für eine Lehre gewinnen?

Wanka: Wir müssen dafür werben. Nicht umsonst wird der Integrationsgipfel bei der Kanzlerin im Dezember den Schwerpunkt Ausbildung haben. Was mein Haus betrifft, so finanzieren wir das Programm „Kausa“. Über regionale Koordinierungsstellen wollen wir so bei Unternehmern, Eltern und Schülern mit Migrationshintergrund für die duale Ausbildung werben.

"Wir werden 2016 das Meister-BAföG erhöhen"

Wanka Interview
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DHZ:  Letzte Frage, Frau Wanka: Wie beurteilen Sie Ihr erstes Jahr nach der Wahl und das der Regierung?

Wanka: Wir haben im Bildungsministerium neben Großprojekten wie der Grundgesetzänderung für die Wissenschaft und der BAföG-Reform auch von Anfang an die Grundhaltung deutlich gemacht, dass wir uns stärker für die duale Ausbildung und das Handwerk einsetzen wollen. Und das funktioniert. Neben dem Studierenden-BAföG werden wir 2016 auch das Meister-BAföG erhöhen. In der Bundesregierung arbeiten wir nach und nach den Koalitionsvertrag ab mit dem Ziel, das Bildungssystem durchlässiger und gerechter zu machen, auch hier läuft es. Aber abgerechnet wird natürlich zum Schluss.

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