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Fernwanderweg: Kammweg Erzgebirge-Vogtland Wandern als Grenzerfahrung

Der Kammweg Erzgebirge-Vogtland meidet seine Ursprünge auf böhmischer Seite. Dabei gäbe es dort viel zu entdecken.

Wandern als Grenzerfahrung
So weit das Auge reicht: Ausblick vom Kahlberg auf die Galgenteiche bei Altenberh. -

Knapp 290 Kilometer warten aufs Wandervolk. In 17 Etappen verläuft der Kammweg Erzgebirge–Vogtland von Geising im Osterzgebirge bis ins thüringische Blankenstein, ausgezeichnet mit dem Gütesiegel "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland". Wenn das keine Einladung ist!

Der Auftakt hat es in sich. Nacheinander sind Geisingberg (824 m) und Kahleberg (905 m) zu erklimmen. Zudem steht mit 24,5 Kilometern gleich einer der längsten Tagesmärsche auf dem Programm. Aber das kann den Enthusiasmus nicht bremsen, zumal es entgegen der Wettervorhersage aufklart und der abwechslungsreiche Weg herrliche Ausblicke auf das Erzgebirge freigibt. Vorbei am malerisch gelegenen Wüsten Teich geht es durch das Naturschutzgebiet Hemmschuh nach Neu­rehefeld, wo ein Grenzübergang nach Tschechien lockt – zurück zu den Ursprüngen, möchte man sagen.

Auf den Spuren des historischen Kammweges

Denn der eigentliche Kammweg verlief überwiegend auf böhmischer Seite, was die Werbebroschüren nur nebenbei erwähnen, wenn überhaupt. Der Teplitzer Lehrer Josef Brechensbauer gilt als geistiger Vater für den Weitwanderweg von Tetschen (Dečin) bis nach Asch (Aš), der schon 1905 durchweg ausgeschildert gewesen sein soll. Wie es sich für einen richtigen Kammweg gehört, folgte er konsequent den höchsten Erhebungen des Gebirges, die heute zum größten Teil auf tschechischem Gebiet liegen.

Dass die Route des neuen Kamm­weges in Zeiten eines zusammenwachsenden Europas die böhmischen Nachbarn ausgrenzt, mag bedauert, muss aber nicht befolgt werden. Bis zum Bahnhof von Moldava sind es nur ein paar Schritte. Just vor zwei Wochen hat hier eine neue Herberge eröffnet.

Der Perspektivwechsel lohnt sich. Auf der böhmischen Seite des Erzgebirges, das dort Krušné hory heißt, bieten sich neben den Ausblicken über eine sich von den Folgen des sauren Regens allmählich erholenden Wiesen- und Waldlandschaft auch interessante Einblicke in die jüngere deutsche Geschichte.

Namen wie Klausnitzer oder Rudolf auf den Grabsteinen des Friedhofes von Moldava zeugen von jener Zeit, als der Ort noch Moldau hieß und deutsche Bewohner hier die Bevölkerungsmehrheit stellten. Viele andere Siedlungen entlang des böhmischen Erzgebirgskammes wurden nach der Vertreibung ganz aufgegeben, wie etwa das Dorf Gabrielahütte im Natschungtal, das zwei Tage später passiert wird.

Vorerst führt der Weg aber bei Český Jiřetín, dem ehemaligen Georgendorf, wieder nach Deutschland, vorbei an der Rauschenbachtalsperre nach Neuhausen, wo sich die von müden Beinen geplagten Wanderer auf eine Kaffeepause freuen. "Unser einziges Café hat heute leider Ruhetag", bedauert die freundliche Dame in der Tourist-Information, die dafür aber in der nahen Dachsbaude ein Zimmer reserviert. Wenigstens der Abend scheint gerettet, zumal der Name der Herberge ideal zum Werbeversprechen passt, das sich die Tourismusexperten für den Kammweg Erzgebirge–Vogtland ausgedacht haben: Dachs statt Dax.

Kammweg Erzgebirge-Vogtland
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Wo Fuchs und Dachs sich gute Nacht sagen

Nur der knapp 800 Meter hohe Schwartenberg mit seinem weithin sichtbaren Gasthaus, das leider komplett ausgebucht ist, muss noch überwunden werden, ehe die Dachsbaude kurz nach 19 Uhr erreicht wird. Doch was für ein Empfang: Die Küche schließt um 20 Uhr. Ein langer Wandertag klingt aus mit einer hastigen Dusche und der Erkenntnis, dass das Siegel "Qualitätsweg" offenbar nach anderen Kriterien vergeben wird.

Auch das Unbehagen, das dem Wanderer in vielen Pensionen entgegen strömt, wenn er nach einer Bleibe für nur eine Nacht fragt, passt in dieses Bild. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass Weitwanderer nicht tagelang an einer Stelle verharren wollen. Und so verwundert es nicht, dass keine Heerscharen über den Kammweg pilgern. Überlaufen ist er nicht, was in gewisser Weise schon wieder ein Qualitätsmerkmal sein kann.

Sechs Tage Zeit reichen für ein knappes Drittel der Strecke, in denen die selbst gesuchte Route abwechselnd durch Sachsen und Böhmen führt – durch das Spielzeugdorf Seiffen mit seinen vielen Handwerksbetrieben, vorbei an der Saigerhütte Grünthal in Olbernhau, dem einzigen erhaltenen Denkmal der Buntmetallurgie in Europa, über Brandov (Brandau), Načetín (Natzschung) und Schmalzgrube bis nach Vejprty (Weipert), wo sich am Grenzübergang nach Bärenstein zeigt, dass der europäische Gedanke doch mit Leben erfüllt werden kann. Für rund vier Millionen Euro ist hier die "Gemeinsame Mitte Bärenstein/Vejprty" entstanden. Aus Brachflächen und leerstehenden Gebäuden am Grenzbach wurde ein schmuckes, modernes Zentrum für beide Orte, das nicht nur zur Begegnung einlädt, sondern auch über die Geschichte aufklärt.

Wandern im Erzgebirge

Karten: Die offizielle Karte zum Kammweg umfasst 41 Teilkarten im Maßstab 1 : 25.000. Für die beschriebene Wanderung dienten die Karten vom Naturpark Erzgebirge–Vogtland als Grundlage. Es gibt drei doppelseitig bedruckte Karten im Maßstab 1 : 25.000 beim Landesvermessungsamt Sachsen.
Liedertour: Die 5. Auflage am 16. August führt entlang der Fichtelbergbahn am Kammweg von Cranzahl nach Oberwiesenthal. An 15 Stationen musizieren deutsche und tschechische Künstler und laden zum Verweilen ein.

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