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Hochhausbrand in London Brandbeschleuniger Wärmedämmung: Baugewerbe warnt

Sind Baumängel schuld am Hochhausbrand in London? Könnte so etwas in Deutschland auch passieren? In London gibt es Kritik an den Brandschutzmaßnahmen. Deutsche Bauverbände setzen sich für den Erhalt der strengen deutschen Vorgaben ein. Warum das nötig ist.

Warum es zu dem folgenreichen Brand in einem Hochhaus in London kam, ist noch nicht endgültig geklärt. In die Kritik geraten sind jedoch sowohl die dort geltenden Brandschutzvorgaben als auch die am Hochhaus verbauten Dämmstoffe, die die Ausbreitung des Feuers angeblich beschleunigt haben.

Nach den Ereignissen fragen sich nun viele, was bei den kritisierten Vorgaben hierzulande gilt und ob sich so eine Katastrophe auch in Deutschland ereignen könnte – vor allem aufgrund der massenhaft verbauten Dämmstoffe an Gebäudefassaden und in Dächern in den vergangenen Jahren. Deutsche Bauverbände geben jedoch Entwarnung.

Strenges Bauordnungsrecht in Deutschland

Die Verbände der beratenden und planenden Ingenieure, der Prüfingenieure und der Bauwirtschaft haben in einer Mitteilung darauf hingewiesen, dass in London zwar die Brandweiterleitung zu einem wesentlichen Teil über die Außenwandfassade erfolgt zu sein scheint. Doch in Deutschland würden hohe brandschutztechnische Anforderungen an Bauprodukte gelten. "Im Gegensatz zu Großbritannien gilt bei uns ein strenges Bauordnungsrecht", erklärt Michael Heide vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB). Darin sei bislang alles bis zum letzten Glied – auch bezüglich der Anforderungen an die verwendeten Bauprodukte – geregelt.

Die Vorgaben für die Bauprodukte stehen aktuell jedoch in Gefahr gelockert zu werden bzw. eigentlich sind sie das schon, auch wenn sich das erst bei künftigen Bauvorhaben zeigen wird. Seit Oktober vergangenen Jahres hat die EU-Kommission rechtlich erwirkt , dass die strengen deutschen Vorgaben bei den Bauprodukten nicht mehr gelten, sondern stattdessen EU-weite Vorgaben, die weitaus lockerer formuliert sind. Der Grund: Die EU-Kommission sieht eine Wettbewerbsverzerrung, wenn die Hersteller europäisch mangelhaft genormter Bauprodukte in Deutschland quasi keinen Absatzmarkt haben, weil deren Produkte eventuell nicht sicher sind.

Wärmedämmung: Vorgaben für den Brandschutz in Gefahr

Derzeit gilt für Wärmedämmungen im Bereich von Hochhausfassaden, dass diese nach hiesigen Landesbauordnungen aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen müssen. "Die Dämmstoffe müssen einer Brandtemperatur von mindestens 1.000 Grad Celsius widerstehen und dürfen dabei nicht anfangen zu glimmen. Damit wird die Gefahr ausgeschlossen, dass sich nach dem Löschen zu einem späteren Zeitpunkt das Feuer wieder an glimmenden Dämmstoffen neu entfachen kann", erklärt Michael Heide. Genau diese Vorgaben sind bei Dämmungen, die im Ausland nach europäischen Bauproduktvorgaben hergestellt sind, aber häufig nicht nachgewiesen, weshalb  sie ohne zusätzlich bestandenen Glimmtest nach deutscher Norm nicht eingesetzt werden dürfen.

Wegen dieser noch geltenden Vorgaben schließt Heide eine ähnliche Brandkatastrophe wie in London aufgrund von Mängeln bei den verbauten Dämmstoffen hierzulande aus. Doch für die Zukunft kann er nicht zusichern, dass diese Anforderungen auf Druck der EU-Kommission außer Kraft gesetzt werden. Die EU-Kommission sieht speziell in dem Glimmtest eine Vertragsverletzung und hat Deutschland erfolgreich vor dem EuGH verklagt. Hier sei die Bundesregierung gerade nach dem katastrophalen Hochhausbrand in London aufgefordert, die Anforderungen an Dämmstoffe beizubehalten und das Problem nunmehr politisch durch Gespräche mit der Kommissionsspitze zu lösen.

Voraussetzung dafür, dass in Deutschland auch weiterhin alle sicherheitsrelevanten Anforderungen an Bauprodukte aufrechterhalten werden können, ist eine Nachbesserung von über 80 mangelhaften europäischen Bauproduktnormen. Sofern die EU-Kommission auf offizielle Beschwerden Deutschlands nicht reagiert, muss die Bundesregierung gegen notfalls sämtliche mangelhaften europäischen Bauproduktnormen klagen –  wie sie es  bereits in zwei Fällen getan hat. Doch dabei müssen die für die Bauaufsicht zuständigen Bundeländer helfen.

So fordern die deutschen Bauverbände die zuständigen Landesregierungen auf, der Bundesregierung dafür eine Vollmacht zu erteilen und an den brandschutztechnisch notwendigen und sonstigen sicherheitsrelevanten Produktanforderungen ohne Abstriche festzuhalten. "Weitere  Klagen Deutschlands  erscheinen derzeit der einzige Weg, wie die hierzulande geltenden gesetzlichen Anforderungen an Bauprodukte erhalten werden können, solange die EU-Kommission den Freihandel vor die Bauwerkssicherheit stellt", sagt Heide. Außerdem fordern die Verbände in ihrer gemeinsamen Erklärung, dass bei derart sicherheitsrelevanten Produkten wie den Dämmstoffen für Hochhausfassaden weiterhin unabhängige Produktprüfungen und Fremdüberwachungen durch dafür staatlich anerkannte Prüfstellen vorzusehen seien, denn auch das stellt die EU-Kommission in Frage.

Mehr über die Klage Deutschlands gegen die EU-Kommission und die gelockerten Vorgaben bei den Bauprodukten lesen Sie hier.>>>

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