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Virtuelle Realität vereinfacht Kommunikation mit Kunden VR-Brille statt Glaskugel

Eine sächsische Tischlerei experimentiert mit virtueller Realität. Das macht den Betrieb auch für den Berufsnachwuchs interessant. Seine Lehrstellen sind bundesweit begehrt.

Wir fördern den klassischen Tischler. Aus dem Mund eines Tischlermeisters klingen diese Worte nicht sonderlich spektakulär. Aber wie Nico Deutschmann seine Aussage versteht, verwundert dann doch. Denn seine Devise heißt Digitalisierung – ein Trend, dem gern die Abschaffung von Arbeitsplätzen unterstellt wird.

Genau das Gegenteil sei der Fall, sagt Nico Deutschmann mit Blick auf den Beruf des Holzhandwerkers. In der Firma "dieMeisterTischler", die Deutschmann 2003 zusammen mit Mario Schöne in Wilsdruff bei Dresden gegründet hat, sollen die Tischler von monotonen und schweren Tätigkeiten befreit werden. So bekommen sie mehr Zeit für kreative und handwerklich anspruchsvolle Arbeiten wie zum Beispiel das Setzen von Furnierbildern für hochwertige Möbel. Das Kalkül scheint aufzu­gehen.

Aussicht auf abwechslungsreichen Berufsalltag

Von Problemen, ausreichend Kandidaten für die beiden jährlich zu vergebenden Lehrstellen zu finden, kann Deutschmann nicht berichten. Im Gegenteil: Mehr als 50 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet sind allein dieses Jahr schon bei den Meistertischlern eingegangen.

Dass bei Deutschmann und Schöne eine spannende Lehre und die Aussicht auf einen abwechslungsreichen Berufsalltag geboten werden, bleibt im Zeitalter sozialer Medien nicht verborgen. "Wer für den Beruf des Tischlers brennt und nach der besten Ausbildung für sich sucht, recherchiert im Internet. Offenbar stoßen dabei viele Schulabgänger auch auf uns", sagt Deutschmann, für den die Motivation das wichtigste Kriterium für einen Lehrvertrag ist.

Ihren Betrieb haben Deutschmann und Schöne von Beginn an auf die Entwicklung von hochwertigen Innenräumen ausgerichtet. "Bei uns kann sich der Kunde fallen lassen", benennt Nico Deutschmann den Anspruch des Unternehmens. Damit die Privat- und Geschäftskunden das Gefühl haben, ihr Auftrag wird problemlos und trotz Zeitdruck fristgerecht erledigt, müssen die Meistertischler vor allem in der Arbeitsvorbereitung exakt planen und sich vernetzen. So hat das Unternehmen frühzeitig die 3D-Konstruktion eingeführt.

Betrieb orientiert sich am Building Information Modeling

Nach dem Vorbild des Building Information Modelings (BIM), bei dem alle Daten eines Bauauftrags digital gebündelt werden, sollen alle an einem Auftrag beteiligten Mitarbeiter stets den gleichen Kenntnisstand haben. Das vermeidet dann Reibungsverluste.

Um unnötiges Umplanen zu verhindern, wollen die Meistertischler in Zukunft vor allem die Kommunikation mit ihren Kunden verbessern. Aktuell experimentiert das 25-köpfige Team, zu dem neben fünf Holztechnikern auch ein Innenarchitekt und ein Designer gehören, mit virtueller Realität (VR).

Über eine VR-Brille können Kunden in die Zukunft blicken: Wie wirken die Möbel der Meistertischler in ihrer Wohnung? Wie wird das neue Büro aussehen? Mit virtueller Realität lassen sich nicht nur böse Überraschungen vermeiden, auch die für Handwerker ärgerlichen Änderungen an den ursprünglichen Wünschen lassen sich bereits im Planungsprozess vermeiden, wenn der Kunde ganz genau weiß, wie das Ergebnis aussieht.

Dass Virtual Reality im Handwerk Einzug halten wird, steht für Heidi Barzik vom Schaufenster Ost des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk außer Frage. In drei bis fünf Jahren gehören VR-Brillen in vielen Gewerken zur Normalität, glaubt sie. Vor allem auf dem Bau dürften VR-Brillen im Zuge von BIM schnell an Bedeutung gewinnen. Derweil leisten Betriebe wie die Meistertischler aus Wilsdruff Pionierarbeit. Ob die VR-Brille schon bald im Betriebsalltag zum Einsatz kommt, hängt von der Finanzierung des Vorhabens ab. Denn auch für die Digitalisierung gilt: Die Investitionen müssen sich rechnen.

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