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dOCUMENTA (13) Vom Handwerk zum Kunstwerk

Was ist Kunst? Schon allein eine Idee oder nur ein fertiges Objekt? Auch ein Apfelbaum, eine kühle Prise oder ein schöner Klang? Bei der Documenta 13, die derzeit in Kassel stattfindet, geht es um mehr als einen greifbaren Kunstbegriff. Es geht um die Fähigkeiten der Künstler und der Kunst, den Betrachter zum Nachdenken anzuregen. Und das gelingt mit Kopfarbeit und Handwerk.

Nähwerkstatt von István Csákány
Sogar kleine Details wie Kabel und Steckdosen hat István Csákány nachgebaut und fasziniert damit die Besucher der Documenta. -

Hinter den großen Museen und Galerien gibt es einen Trampelpfad. Nur ein paar hundert Meter lang, sandig und eng. Er führt in Schlangenlinien in die Kasseler Karlsaue. Doch der Trampelpfad ist nicht nur ein Trampelpfad. Er ist Teil der Documenta, der weltweit bedeutendsten Ausstellung moderner Kunst, die alle vier Jahre in Kassel stattfindet. Wagt man die kurze Kletterpartie über diesen Trampelpfad, wird es geheimnisvoll, spannend und lustig zugleich, denn der Pfad macht Geräusche.

Überall in den Büschen sind Lautsprecher versteckt, aus denen immer wieder Tierstimmen ertönen. Mal kräht ein Hahn, mal meckert eine Ziege und dann ertönen wieder Rufe, die keiner kennt. Wann und aus welcher Richtung sie zu hören sind, weiß keiner. Und so zuckt auch so manch einen Documenta-Besucher plötzlich zusammen, wenn es neben ihm plötzlich gurrt oder krächzt.

Ein sinnliches Erlebnis

Aber nicht nur auf dem Trampelpfad spielen Töne und Klänge eine besondere Rolle. Auch viele andere Installationen der insgesamt 160 Documenta-Künstler vermitteln ein sinnliches Erlebnis, bei dem man die Augen auch mal schließen und einfach nur hinhören kann. Auch wenn die Kuratorin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, schon im Vorfeld immer davon gesprochen hat, das sie absichtlich kein Konzept für gesamte Ausstellung habe, wirken die Räume der Museen, die Galerien und die Stadt selbst wie ein großes Gesamtkunstwerk. Alles ist wohlproportioniert aufeinander abgestimmt und möchte augenscheinlich demonstrieren, wie wichtig die Kunst ist und was sie den Menschen geben kann.

Die Documenta als die weltweit bedeutendste Ausstellung moderner Kunst wirkt als Gesamtes und in Einzelteilen. Farben, Formen, Lichter und Klänge sind Teil der Ausstellung. Doch dabei lassen es die Künstler bewusst aus, eine klare Definition von Kunst zu geben. Es geht nicht um den Anspruch, alles immer verstehen zu müssen, sondern auch um den Genuss der Kunst und die Gefühle, die beim Betrachten entstehen. Und es geht um die Auseinandersetzung mit der Kunst als solche, mit den Fähigkeiten der Künstler und der Wirkung von Ideen, Installationen und Werken.

Politisches sei demnach auch untrennbar von einem sinnlichen Bündnis zwischen Wissenschaft und Kunst, schreibt die Kuratorin im Vorwort des Begleitbuchs zur Ausstellung. Sie möchte zeigen, dass auch Wissenschaft, Technik und Natur – also Bereiche, die nicht per se als Kunst angesehen werden – zur Kunst dazugehören.

Ein eigener Platz für die Natur

Konkret wird das bei der Documenta, wenn auch Forschungsvorrichtungen der Quantenphysik, laufende Auto- und Flugzeugmotoren und Regale voller DNA-Proben zu Teilen der Kunstausstellung werden. Gleichzeitig bekommt auch die Natur einen eigenen Platz. So hat etwa die Künstlerin Kristina Buch vor dem Staatstheater eine Blumeninsel aufgebaut und dort mehrere hundert Schmetterlingsraupen eingenistet, die während der Documenta schlüpfen sollen.

Eine ganz besondere Kunstausstellung

Doch neben dem ästhetisch sinnlichen Erlebnis ist die Blumeninsel auch als Symbol für den Überfluss gedacht. Scheinbar mit den ptimalen Lebensbedingungen ausgerüstet, sind die Schmetterlinge doch gefangen auf ihrer Insel, auf der die Nahrungsmittel schnell knapp werden, wenn zu viele Tiere schlüpfen. So wie dieses Beispiel zeigt, transportieren auch die meisten anderen Documenta-Werke eine manchmal eindeutige und manchmal versteckte Botschaft. Christov-Bakargiev nennt dies eine "Vision, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübertritt."

Scheibenwischermotor von Thomas Bayrle

Scheibenwischer mal anders: Thomas Bayrle zeigt, wie schön Technik ist, die wir fast alltäglich gebrauchen.

Ein Teil der Werke wird stark von einer bestimmten Idee getragen. Dieser Teil macht nachdenklich und wirkt sehr zerbrechlich. Ein anderer Teil wirkt dagegen klar und eindeutig und überzeugt vor allem durch die künstlerische und handwerkliche Arbeit, die darin steckt. So hat der rumänische Künstler István Csákány die Beziehung zwischen Kunst und Handwerk ganz bewusst in den Vordergrund gestellt und eine komplette Nähwerkstatt – von den Maschinen über die Möbel bis hin zu kleinen Details wie Kabel und Steckdosen – nachgebaut. Er möchte den handwerklichen Arbeitern damit ein Denkmal in der Öffentlichkeit setzen und deutet darauf durch seine eigenen künstlerischen Fähigkeiten hin.

Handwerkliches Können im Mittelpunkt

Handwerk steht aber auch in einigen anderen Documanta-Werken im Mittelpunkt. So hat sich der amerikanische Künstler Theaster Gates das verfallene Hugenottenhaus in Kassels Innenstadt vorgenommen, um es gemeinsam mit Teilnehmern an Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Chicago und Kassel wieder aufzubauen. Die Teilnehmer wurden speziell dafür in Bauberufen ausgebildet. Die Künstlergruppe möchte das Haus mit Materialen aus anderen Abbruchhäusern restaurieren und so ein "bewohnbares Labor für Objekte, Performances, Diskussionsveranstaltungen, Festessen und Installationen" zu schaffen.

Noch bis zum 16. September dieses Jahres hat die Documenta geöffnet. Doch mit ihrem Ansatz zum Nachdenken und in vielen Fllen direkt zum Mitmachen anzuregen, wird sie vermutlich auch danach noch weiter wirken. Wahrscheinlich deshalb soll hier auch kein eindeutiger Kunstbegriff festgelegt werden. Jeder soll sich einen eigenen Eindruck machen können.

Propellermotor von Thomas Bayrle

Die lauten Geräusche der Motoren sollen dem Künstler zufolge an eintöiges Beten erinnern. Sie deuten auf die Technikgläubigkeit der Menschen hin.

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