Azubi -

Interview mit Susanne Nonnen "Vielen fehlt Hilfe durch das Elternhaus"

Senior Experten unterstützen Azubis: 2014 standen die Ruheständler mehr als 2.000 Jugendlichen zur Seite. SES-Geschäftsfüherin Susanne Nonnen über Defizite bei Azubis in Sachen Leistung und Sozialkompetenz und was dagegen hilft.

DHZ: Frau Nonnen, man kennt den Senior Experten Service vor allem durch Einsätze im Ausland. Seit 25 Jahren ist der SES auch im Inland tätig. Wie kam es dazu?

Nonnen: Damals kamen die ersten Hilferufe aus den neuen Bundesländern. Die Wende war gerade vorbei. Viele Unternehmen wollten sich auf die Marktwirtschaft einstellen. Sie wollten mit dem Westen kooperieren und hatten Fragen. Unsere Experten im Ruhestand konnten helfen. Es war ein Boom für drei oder vier Jahre. Danach war in den Betrieben das notwendige Knowhow vorhanden.

DHZ: Und die SES-Experten im Inland arbeitslos?

Nonnen: Ganz und gar nicht. Bis heute helfen unsere Experten Betrieben in ganz Deutschland. Dabei verstehen sie sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den Betriebsberatern der Kammern. Sie unterstützen Unternehmer in der Gründungsphase oder in den ersten Jahren. Sie helfen, neue Geschäftsfelder aufzubauen oder den Schritt ins Ausland zu wagen. Wichtige Ratgeber sind sie auch bei der Nachfolgeregelung.

DHZ: Welche Handwerker sind für den SES interessant?

Nonnen: Wir suchen Handwerker aus allen Gewerken. Wer neben seinem Fachwissen auch Englisch, Französisch oder gar Portugiesisch mitbringt, kann lokale Handwerksbetriebe im Ausland ausgezeichnet unterstützen oder sein Wissen als Ausbilder in Ländern wie Indien, Mosambik oder Tunesien an berufsbildende Einrichtungen weitergeben. Man kann – wie gesagt – auch Betrieben in Deutschland weiterhelfen oder junge Leute in der Ausbildung begleiten.

DHZ: Kann ein Ruheständler hier tatsächlich etwas bewirken?

Nonnen: Oft brauchen Jugendliche nur einen Menschen, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht und sie immer wieder ermutigt. Vielen fehlt diese Unterstützung durch das Elternhaus oder die Schule. Ein Mentor, mit dem man Konflikte im Betrieb oder in der Schule besprechen kann und der aus seiner Lebenserfahrung heraus Ratschläge gibt, ist sehr wertvoll.

DHZ: Wie viele Auszubildende haben SES-Experten im vergangenen Jahr begleitet?

Nonnen: 2014 haben unsere Senior Experten mehr als 2.270 Jugendliche in der Ausbildung begleitet. Dabei zeigt unsere Erfahrung, dass die allermeisten der begleiteten Jugendlichen ihre Ausbildung erfolgreich abschließen. Das ist deshalb so erfreulich, weil heute leider etliche Auszubildende Defizite in Sachen Leistung und Sozialkompetenz haben. Wenn sie dann die Ausbildung erfolgreich meistern, ist das auch für die Betriebe sehr, sehr wichtig.

DHZ: Müsste man nicht noch früher ansetzen und schon in die Schulen gehen?

Nonnen: Da setzt unser Programm "Neue Impulse für Schülerinnen und Schüler" an. Auf Nachfrage der Schulen sind Senior Experten unterrichtsergänzend aktiv. Das fängt mit Projekten oder Projektwochen in Grundschulen an, wo wir beispielsweise das Interesse für Naturwissenschaften oder das Handwerk wecken. Und es reicht bis zu Projekten zur Berufsorientierung und Berufswahl. Da geht es dann darum, Praktikumsplätze zu finden, Bewerbungen zu ­schreiben oder ein Vorstellungsgespräch zu trainieren. Gerade bei Betriebspraktika hat sich gezeigt, dass sowohl Jugendliche als auch Betriebe die Arbeit der Senior Experten sehr schätzen. Einsatzfelder gibt es also mehr als genug.

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