Halle (Saale) -

Berufsorientierung für Flüchtlinge Viele Fragen sind noch offen

Zwölf junge Männer nehmen am Projekt "Berufsorientierung für Flüchtlinge" teil. Im Bildungszentrum Halle-Osendorf versuchen sie sich im Handwerk.

In der aktuellen Diskussion um die zukünftige Flüchtlingspolitik kommen sie nicht vor. Sie „fallen hinten runter“ gewissermaßen: die Flüchtlinge und Migranten, die bereits in Deutschland sind. Und während in Berlin gestritten wird, sitzen zwölf junge Männer im Bus nach Halle-Osendorf, weil sie am Projekt „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ (BOF) der Handwerkskammer Halle teilnehmen. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und Guinea-Bissau. Der Jüngste ist 18, der Altersdurchschnitt liegt bei 23 Jahren. Die Mehrzahl von ihnen ist 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen.

Ohne dass man es sieht, treffen an diesem Tag ganz viele verschiedene Erwartungen und Vorstellungen aufeinander. Da ist Projektmitarbeiterin Sylvia Pogert, die die Männer nach dem 15-wöchigen Projekt gern in eine Ausbildung bringen möchte, da ist Metall-Ausbilder Thomas Schmidt, der die Flüchtlinge im Schweißen unterrichtet und sich über deren Selbstständigkeit und Geschicklichkeit freut, und da sind sie: die Flüchtlinge, die gern lernen und arbeiten möchten.

Aber nur die Hälfte von ihnen hat eine Aufenthaltsgenehmigung – man spricht auch von „Aufenthaltstitel“ und damit eine sogenannte „Bleibeperspektive“. Für die anderen ist der Aufenthalt nur geduldet oder – wenn der Asylantrag noch nicht abgelehnt wurde – gestattet. Eine Sicherheit, in Deutschland bleiben zu können, gibt es bisher für diese nicht.

Die Berufswünsche

Alfha Balde weiß genau, was er will: Busfahrer ist sein Traum. Er hat schon als Fahrer gearbeitet, erzählt er. Zaman Ali Nazari will wieder in seinem Beruf als Maurer arbeiten. Auch der 19-jährige Shayan Parsa aus Afghanistan hat einen Berufswunsch: „Metallbauer. Das ist mein Traum“, sagt er. Der 21-jährige Ahmad Rezeq aber verbessert ihn: „Das ist kein Traum. Das ist ein Ziel.“ Der junge Syrer spricht fließend deutsch und hofft, bald eine Sprachprüfung für das Sprachniveau C1 (das Zweithöchste, danach kommt nur noch das Mutterspracheniveau) zu bestehen. „In Deutschland ist alles gut, außer die Sprache“, lacht Ahmad.

„Warum muss man in Deutschland eine dreijährige Ausbildung machen?“, das fragen sie. In Syrien und Afghanistan gibt es so etwas nicht, da lerne man ein paar Wochen und übt dann den Beruf aus. „Auch wenn sie irgendwann mal zurückgehen würden in ihre Länder, was nütze ihnen da die lange Ausbildung, wenn die dort ja gar nicht gebraucht wird? Und was verdient man bei der Ausbildung?“, das fragen sie auch. Ein wenig Enttäuschung ist ihren Gesichtern anzusehen. Dass sie solange auf eine Ausbildung oder Arbeitserlaubnis warten müssen, hatten sie nicht erwartet.

In den Werkstätten arbeiten sie fleißig und probieren sich aus im Metall-, Kfz-Mechatronik sowie Maler- und Lackiererbereich. Shayan Parsa ist gelernter Schweißer. Er könnte im Bildungszentrum in einem zweimonatigen Schweißerkurs ein in Deutschland gültiges Zertifikat erhalten, berät ihn Thomas Klokow, Fachbereichsleiter Metallgewerke, der in der Werkstatt vorbeischaut.

„Schweißen ist einfach“, sagt Shayan und er möchte mehr machen als „nur“ schweißen. Er verschwindet in der Schweißkabine und unterstützt Ahmad Rezeq. Er zeigt ihm den richtigen Abstand für das Schweißgerät. Ahmad möchte Fahrzeuglackierer werden oder Kfz-Mechatroniker. In Syrien hat er Abitur gemacht, aber keinen Abschluss.

Er erzählt, dass die Schulbesuche am Ende nur sporadisch waren, der Krieg war überall. Kontakte zur Familie unterhält er: „Aber in Syrien gibt es kein Internet. Meine Familie muss hundert Kilometer fahren, um telefonieren zu können.“ Er würde gern mehr lernen, denn Physik und Mathe – da habe er ja vieles Gelernte bereits vergessen. „Kann man das Abitur hier nochmal machen? Brauche ich da zwei Fremdsprachen?“ Der junge Mann hat viele Fragen. Er weiß um die Wichtigkeit der Sprache. „Das ist ein Problem. Viele von uns sind in Heimen untergebracht. Dort sprechen sie ihre Heimatsprache. So kann man die deutsche Sprache nicht lernen.“ Er hat Glück. Er wohnt in Merseburg in einer Wohnung.

Hoffnungen und Aussichten

Woran müssen sie sich gewöhnen in Deutschland? „Die Zeit“, sagt Ahmad und meint die Pünktlichkeit. „Bei uns gehört es dazu, ein paar Minuten nach der verabredeten Zeit zu kommen. Es ist Tradition.“ Im Juli werden sie ein sechswöchiges Praktikum in Handwerksbetrieben absolvieren und dann?

Projektmitarbeiterin Sylvia Pogert: „Dann hoffen wir, dass wir alle in eine Einstiegsqualifizierung vermitteln können. Es ist wichtig, dass es weitergeht für sie.“ Nach dem Projekt „fallen“ die Flüchtlinge wieder in den Kompetenzbereich von Agentur und Jobcenter zurück. Diesen aber sind die Hände gebunden, solange kein Aufenthaltstitel oder eine Ausnahmegenehmigung für die Ausbildung von der Ausländerbehörde vorliegt.

Das Handwerk sucht Nachwuchs. Warum nicht denen eine Chance geben, die jetzt da sind? Die Unternehmer sind bereit, aber die Weichen dafür sind in Berlin zu stellen.

Info

Das BOF-Projekt wird durch Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert, das mit dem Bundesinstitut für ­Berufsbildung (BIBB) kooperiert.

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