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TV-Kritik: ARD - "hart aber fair" zu Corona-Krise, Impfstoff und zweitem Lockdown Viel Impfstoff-Euphorie, wenig Diskussion über Nöte der Betriebe

Wie geht es weiter in der allgegenwärtigen Corona-Krise? Reicht es aus, den Lockdown im November durchzuziehen, um danach die Maßnahmen wieder lockern zu können? Und welche Rolle spielt dabei ein potenzieller Impfstoff? All diesen Fragen ging Frank Plasberg bei "hart aber fair" am Montagabend nach - mit einigen neuen Ansichten, aber wenig guten Perspektiven für etwa die Gastronomie und die Unternehmen, die mit ihr zusammenarbeiten.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Die Redaktion von "hart aber fair" reagierte am Montag schnell. Hatte das Thema der Sendung bis zum Nachmittag noch "Ratlos in der Virus-Welle - welcher Ausweg bleibt noch?" gelautet, so hieß es danach plötzlich "Durchbruch beim Impfstoff: Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter". Auch wenn das natürlich der Wechsel von einem Extrem ins andere war, so hatte das Plasberg-Team doch seinem Ruf als eine der besten Talkshow-Redaktionen des Landes wieder mal alle Ehre gemacht. Auch bei den Gästen hatte sich zudem noch eine Veränderung ergeben. Mit dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach - seit Beginn der Krise allgegenwärtig - war ein weiterer Politiker in die Runde eingeladen worden.

Und das führte dann auch zu einer Diskussion, die vor allem, als es um die aktuellen Maßnahmen im Rahmen des "Lockdowns Light" ging, emotional wurde. Beim Thema Impfstoff waren sich natürlich alle in der Runde einig, dass er lieber früher als später zur Verfügung stehen sollte. Lauterbach bezeichnete den von den Unternehmen Biontech und Pfizer am Montag als äußerst wirksam vorgestellten Impfstoff sogar als "Game Changer", der die Pandemie grundlegend verändern könne. Allerdings war sich die Runde auch einig darin, dass die Verabreichung des Stoffes an ein Volk von mehr als 80 Millionen Menschen keine triviale Angelegenheit sei - logistisch wie in der Frage, wer zuerst und wer zuletzt geimpft werden solle. Doch hier kam es auch schon zu den ersten kleineren Unstimmigkeiten.

Bis zur "Durchimpfung" dauert es das ganze Jahr 2021

Während etwa der Erste Bürgermeister von Hamburg, Peter Tschentscher (SPD) dafür plädierte, zunächst die potenziellen Risikopatienten mit dem Impfstoff zu versorgen, war Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) dafür, bei den Ärzten und Pflegekräften in den Krankenhäusern anzufangen, denn "wenn die massenhaft krank werden, dann haben Sie ein Problem", sagte Kubicki. Und dann war da noch die Frage, wann endlich dieser Impfstoff einerseits zur Verfügung stünde und wann andererseits genügend Menschen geimpft seien, dass die Pandemie vorüber sei. Da tat sich vor allem Lauterbach erneut hervor. Auch wenn ab Januar genügend Impfdosen in Deutschland verfügbar seien und man in den bundesweit geplanten 60 Impfzentren praktisch durchgehend arbeiten würde, würde es sicherlich das ganze Jahr 2021 dauern, bis eine ausreichende "Durchimpfung" in der Bevölkerung vorhanden sei.

Koch Steffen Henssler traut dem Frieden nicht

Wenn die Politik sich in der Show unterhielt, klang es immer einigermaßen hoffnungsvoll, auch wenn Lauterbach manche Dinge pessimistischer sah als etwa Kubicki. Doch sobald Moderator Plasberg einen weiteren Gast in der Runde nach seiner Meinung fragte, herrschte viel Skepsis. Koch Steffen Henssler, der nicht nur im Fernsehen hinter dem Herd steht, sondern auch mehrere Restaurants betreibt, traute dem Braten augenscheinlich nicht. Das klänge ja alles ganz toll, war sein Credo, doch die Situation für ihn und seine Mitarbeiter sei gerade, ganz aktuell, im derzeitigen Lockdown eben schlecht, und da helfe ihm auch keine Aussicht auf einen Impfstoff irgendwann im Jahr 2021. In der Tat haben gerade nicht nur die landesweit geschlossenen Restaurants, Kneipen, Bars und Hotels ein zweites Mal in diesem Jahr am Lockdown zu knabbern, sondern auch zahlreiche Handwerksbetriebe, von den direkt betroffenen Kosmetikern etwa bis hin zu den Gewerken, die mit der Gastronomie zusammenarbeiten oder auch selbst Teile ihres Geschäfts mit Gastronomie machen, wie etwa Bäcker und Konditoren.

Entbehrung in Gastronomie und Mittelstand, Unbeweglichkeit bei vielen staatlichen Stellen

Henssler bekräftigte denn auch die Kritik vieler Gastronomen, dass gerade in diesem Bereich gute Hygienekonzepte ausgearbeitet, teilweise sogar neue Lüftungsanlagen installiert worden seien, und man nun dennoch wieder schließen müsste - während er in seiner Heimatstadt Hamburg tagtäglich Busse und Straßenbahnen sehe, die voller Menschen seien, die dicht an dicht stünden. Damit hatte er die täglich in jeder größeren Stadt zu beobachtende Schieflage zwischen den Entbehrungen, die von der Politik von Bürgern und zahlreichen Unternehmern gefordert werden, und der weitgehenden Unbeweglichkeit vieler staatlicher Stellen, wie etwa den Verkehrsbetrieben, aber auch manchen Ämtern, angesprochen. Schade, dass Plasberg, der nicht seinen besten Tag hatte, nicht auf diesen interessanten Umstand einging. Immerhin ergänzte die Journalistin Kristina Dunz, dass die Politik durchaus den Sommer über Zeit gehabt hätte, sich besser auf die absehbare Situation im Herbst einzustellen. Unterstützung bekam Henssler auch von Kubicki, der erneut forderte, man solle die Risikogruppen besser schützen, etwa die Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern, als das ganze Land von einem Lockdown in den nächsten zu schicken.

An dieser Stelle wurde die Diskussion plötzlich emotionaler. Lauterbach und Tschentscher, immer wieder unterstützt von der aus Genf zugeschalteten Virologin Isabelle Eckerle, verteidigten den Kurs des Lockdowns, weil Kontakte reduziert werden müssten, das sei absolut essenziell. Henssler hingegen sprach mitten aus der Praxis, wenn er die von Plasberg gezeigten Statistiken des Robert-Koch-Instituts dahingehend interpretierte, dass es in Restaurants praktisch zu keinen Ansteckungen gekommen sei - wobei auch nur noch 25 Prozent aller Ansteckungen derzeit nachvollziehbar sind. Dass aber nun bei den weiteren 75 Prozent die Restaurant plötzlich viel stärker repräsentiert seien, schloss Henssler aus.

Der Mittelstand ist kaum Thema

Zu diesem Zeitpunkt saß sich die Runde, die bis dahin eher routiniert-zurückhaltend diskutiert hatte, durchaus unversöhnlich gegenüber. Schade nur, dass Plasberg die Chance nicht nutzte und das Thema von der Gastronomie ausgehend erweiterte, etwa auf die Messebauer, die reihenweise vor der Pleite stehen oder auf die mittelständischen Betriebe, die direkt oder indirekt von dem Lockdown, der laut Polit-Sprech eigentlich gar nicht so schlimm sein soll, betroffen sind. Auch die "November-Hilfe" und ihre allzu deutlichen Lücken, etwa beim Cafe-Geschäft von Bäckern und Konditoren, die davon ausgenommen sind, kam nicht zur Sprache.

So kam die Runde am Ende erneut auf den Impfstoff zu sprechen, der dem Treiben ein Ende setzen solle, wobei es diesmal erneut Lauterbach und Eckerle waren, die auf die Eurphoriebremse traten. Und so endete eine Sendung, die mit einer guten Nachricht begonnen hatte, für die Zuschauer eher ernüchternd - und die echten Probleme des Mittelstands wurden dabei noch gar nicht mal angesprochen.

>>> Link zur Sendung: "hart aber fair vom 9.November

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