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Luftfeuchtigkeit in Innenräumen Vermehrtes Lüften kann im Winter zu Schäden an Massivhölzern führen

Lüften ist das Gebot der Stunde. Doch in der kalten Jahreszeit kann zu viel frische Luft in Innenräumen Möbel und Parkett angreifen. Warum und was man dagegen tun kann.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

In der kalten Jahreszeit wird aus berechtigter medizinischer Sicht zu einem vermehrten Lüften gegen die Ausbreitung von Corona-Aerosolen in Innenräumen geraten. Der Luftaustausch von warmer Luft gegen kalte Luft führt jedoch in Verbindung mit der Heizung zu einer fortschreitenden Absenkung der relativen Luftfeuchtigkeit in Innenräumen. So sind durch den Klimawandel in den warmen Monaten mittlerweile 55-60 Prozent relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen als normal anzusehen, wohingegen im Winter bei einem Luftaustausch durch bisheriges Stoßlüften bereits schon eine Absenkung der relativen Luftfeuchtigkeit auf Werte von 40-45 Prozent verursacht wurden.

Durch das jetzt empfohlene vermehrte Lüften in der kalten Jahreszeit ist eine noch wesentlich niedrigere relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen zu erwarten, was bei Materialien aus Massivholz (z.B. Möbeln, Parkett, usw.) zu erheblichen Schäden durch Schwundrisse und bei antiken Möbeln, die häufig auf Massivholz zusätzlich noch furniert sind, zu weiteren Schäden durch Furnierablösungen führt.

Künstliche Luftbefeuchtung in Innenräumen sinnvoll

Nun ist die Gesundheitsvorsorge sicher höher zu bewerten, aber es ist auch wünschenswert, unnötige Schäden an Möbeln und Parkett möglichst zu verringern oder ganz zu vermeiden. Dazu ist in den Monaten von Oktober bis April eine kontrollierte künstliche Luftbefeuchtung sinnvoll, die das Austrocknen von Innenräumen durch vermehrtes Lüften ausgleicht.

Gemessen wird die Luftfeuchtigkeit mit einem Hygrometer. Je nach Messgerät stellt oder hängt man es in Innenräumen auf, möglichst nicht zu nah an geöffneten Fenstern. Zu beachten ist hierbei, dass ein Messen der relativen Luftfeuchtigkeit zu Anfang der Heizsaison zu falschen Schlussfolgerungen führen kann. Denn Materialien aus Holz haben in ihren Zellen Luftfeuchtigkeit in Form von Holzfeuchte gespeichert und passen sich dadurch immer unmittelbar an die Umgebungsfeuchte an, das heißt, sie geben je nach der herrschenden umgebenden relativen Luftfeuchte zeitnah Holzfeuchtigkeit ab, oder nehmen zeitnah wieder Luftfeuchtigkeit auf.

Dieses ständige zeitnahe Anpassen der Holzfeuchte hört entgegen der landläufigen Meinung in der Bevölkerung bei dem Werkstoff Holz niemals auf. Wird nun zu Beginn der Heizperiode die relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen während des Lüftungsvorganges messbar abgesenkt, steigt sie bereits kurz nach dem Schließen der Fenster zeitnah wieder an, weil Holzmaterialien quasi unmittelbar als Spender fungieren und Holzfeuchte an die Innenluft abgeben.

Insofern wird zu Anfang der Heizperiode nach dem Lüften bereits nach wenigen Minuten die relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen wieder messbar ansteigen und alles scheint soweit in Ordnung zu sein.

Im Verlaufe der Heizperiode wird also erst nach Wochen auch eine anhaltende Absenkung der relativen Luftfeuchte messbar, weil dann die ausgetrockneten Hölzer nicht mehr als Spender fungieren können. Zu diesem späteren Zeitpunkt ist allerdings die Holzfeuchte bereits soweit abgesenkt worden, dass jetzt schon Beschädigungen in Form von Schwundrissen und Furnierablösungen sichtbar werden.

Luftfeuchtigkeit bereits zu Beginn der Heizperiode erhöhen

Um diese Schäden an Möbeln und Parkett möglichst von Anfang an zu verringern bzw. möglichst zu vermeiden, reicht aufgrund der geschilderten Tatsachen also ein trügerisches Messen der relativen Luftfeuchtigkeit zu Anfang der Heizperiode nicht aus. Im Rückschluss sollte demnach in Innenräumen bereits zu Anfang der Heizperiode mit einer geringen künstlichen Luftbefeuchtung begonnen werden, die im Verlaufe der Heizperiode dann je nach den Messwerten des Hygrometers entsprechend steigernd angepasst werden sollte. Um die Luftfeuchtigkeit in den kalten Monaten in Innenräumen kontrolliert zu erhöhen, eignet sich ein Luftbefeuchter in Verbindung mit einem Steckdosen-Hygrostat.

Durch dieses frühzeitige geringfügige und im späteren Verlauf der Heizperiode steigernde Zuführen von Luftfeuchte in Innenräumen müssen Holzmaterialien nicht als Spender zum Erhöhen der Luftfeuchte fungieren und trocknen folglich auch nicht aus.

Um Schimmelbildung in Innenräumen zu vermeiden, sollten wenig beheizte Räume nicht zusätzlich befeuchtet werden und die künstliche Luftbefeuchtung im Winter vorsorglich auch nicht zu Werten von deutlich über 50 Prozent relativer Luftfeuchte führen.

Zum Autor: Andreas Herrlein ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Tischler-Handwerk bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main

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