Meinung -

Kommentar "Urbane Gebiete": Die Mischung macht’s

Handwerker halten das Ökosystem Stadt am Leben. Doch der Boom im Wohnungsbau bedrängt ihre Standorte.

Die Menschen zieht es in die Stadt. Dort gibt es Arbeitsplätze und Theater, Shoppingmeilen, Schwimmhallen, Kneipen und öffentlichen Nahverkehr. Landluft schnuppern war gestern, heute wohnt der moderne Deutsche wieder gern in der City. Die Ballungszentren erleben Zuwanderung ganz ohne Flüchtlinge. Und weil in Zeiten niedriger Zinsen der Wohnungsbau zur Geldanlage wird, giert der Markt nach Flächen für neue Häuser.

Die Bundesregierung reagiert auf die gestiegene Nachfrage nach innerstädtischem Bauland mit einer Reform des Baurechts. In „urbanen Gebieten“ – einer eigens dafür geschaffenen Baugebietskategorie – darf höher und dichter gebaut werden als in den bekannten Mischgebieten. Auch beim Lärmschutz steigt der erlaubte Pegel, wenn auch nur geringfügig. Ziel ist eine Stadt der kurzen Wege mit einer gesunden sozialen Mischung.

Das klingt vernünftig. Angesichts explodierender Mietpreise in den Metropolen, in deren Folge die weniger zahlungskräftigen Einwohner aus ihren Vierteln vertrieben werden, besteht dringender Handlungsbedarf. Ob die Reform dem aber einen Riegel vorschiebt, darf bezweifelt werden. Die Gefahr, dass Handwerksbetriebe ähnlich wie die Verlierer der Gentrifizierung von schicken Wohnquartieren verdrängt werden, ist groß.

Ohne Handwerk keine Lebensqualität

Dabei bezieht eine Stadt ihre Attraktivität nicht allein aus schicken Wohnungen, Einkaufspassagen und Freizeittempeln. Für ein funktionierendes Miteinander braucht es mehr, vor allem Arbeitsplätze, aber nicht nur in den Bürotürmen oder an den Fließbändern der Industrie. Es braucht Werkstätten, Reparaturtrupps und Servicemechaniker. Sie sind es, die das Ökosystem Stadt am Leben halten – die Handwerker, die die Wohnungen bauen und instand halten, die Autos und tropfende Wasserhähne reparieren, die Heizungen warten und die den Einwohnern das Frühstück bereiten. Ohne Handwerk keine Lebensqualität.

Denn das Handwerk hat einiges zu bieten: persönliche Beratung statt Callcenter, Maß- statt Massenfertigung, frische Lebensmittel aus der Region statt in Plastik verpacktes Industriefood aus dem Supermarkt. Und nicht zuletzt Lehrstellen.

Deshalb gehört Handwerk in die Stadt, nicht auf die grüne Wiese. Und es muss sich frei bewegen können in der Stadt. Es darf weder durch Fahrverbote ausgesperrt und schon gar nicht zugunsten von Wohnungsbau vertrieben werden.

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