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Studie zu mitarbeitenden Ehefrauen im Handwerk Unternehmerfrau 2018: Führungsposition statt Aushilfe

Die erste umfassende Studie über die Bedeutung der Unternehmerfrauen im Handwerk liegt vor. Sie zeigt, was die typische Unternehmerfrau leistet, welche Aufgaben sie übernimmt und wie gut sie ausgebildet ist. Außerdem: In Zukunft wird ihre Mitarbeit noch viel wichtiger.

Wenn Familienangehörige im Betrieb mitarbeiten, hat das nicht selten Vorteile – nicht nur steuerlich. Absprachen sind manches Mal einfacher zu treffen und auch die Aufteilung der Arbeitszeiten – vor allem bei gemeinsam arbeitenden Paaren mit Kindern – lässt sich dadurch eventuell flexibler gestalten. Der Anteil mitarbeitender Familienangehöriger im Handwerk wird derzeit auf rund 14 Prozent geschätzt. 43 Prozent davon sind Lebenspartner/innen der Betriebsinhaber/innen – wiederum mit einem Frauenanteil von über 90 Prozent. Diese Zahlen zeigen, welch große Rolle die Unternehmerfrau im Handwerk spielt, also die im Betrieb mitarbeitende Ehefrau des Firmeninhabers.

Da die statistische Datenlage zur Lebens- und Arbeitssituation von Unternehmerfrauen im Handwerk bisher eher schlecht war, hat der Bundesverband der UnternehmerFrauen im Handwerk (BV UFH) eine Studie beim Deutschen Handwerksinstitut in Auftrag gegeben, um genau dies nachzuholen. Die Ergebnisse dieser Studie liegen nun vor.

Unternehmerfrau oft in Führungsposition

Die Studienautoren gingen dabei von den Zahlen der Handwerkszählung des statistischen Bundesamtes aus und damit von rund 5,1 Millionen Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig in Deutschland. Aufgrund dieser Basis kamen sie zu einer Schätzgröße von etwa 280.000 Unternehmerfrauen, die derzeit in deutschen Handwerksbetrieben arbeiten. Meist sind sie in den Betrieben kaufmännisch tätig. Nicht selten übernehmen sie vielfältige Management- und Personalführungsaufgaben und haben durchaus auch des Öfteren Führungsverantwortung. Zu Teilhaberinnen oder Geschäftsführerinnen werden sie jedoch nur in Einzelfällen, meist sind die angestellt.

Wie die Studie zeigt, ist die typische Unternehmerfrau im Handwerk über 40 Jahre alt. Sie hat zwei Kinder, die allerdings nicht mehr beide zuhause leben. Vor ihrem Beginn als mitarbeitende Lebenspartnerin hat sie die Realschule abgeschlossen und dann eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Der Betrieb, in dem sie sozialversicherungspflichtig angestellt mitarbeitet gehört zur Branche des Ausbaugewerbes. Ihre Arbeitszeit verbringt die typische Unternehmerfrau mehr mit Bürotätigkeiten und weniger mit handwerklichen Aufgaben.

Ausgewählte Zahlen und Fakten zur Unternehmerfrau 2018

  • Drei Viertel (78 Prozent) der befragten Frauen zwischen 41 und 60 Jahre alt. Nur sieben Prozent sind jünger als 41 Jahre und 15 Prozent sind älter als 61 Jahre.
  • Der Großteil (93 Prozent) der befragten Frauen gibt an, Kinder zu haben; die große Mehrheit (55 Prozent) hat zwei Kinder.
  • Eine berufliche Auszeit aufgrund der Betreuung von Kindern oder anderen Familienangehörigen hat der Großteil der befragten Frauen in Anspruch genommen (65 Prozent). Über ein Drittel (35 Prozent) hat dagegen zu keiner Zeit beruflich ausgesetzt.
  • Hinsichtlich der schulischen Bildungsabschlüsse zeigt sich bei den befragten Frauen, dass 17 Prozent der Teilnehmerinnen über einen Hauptschulabschluss und 52 Prozent über einen Realschulabschluss verfügen. 31 Prozent besitzen Abitur oder haben die Hochschulreife abgelegt.
  • Mehr als die Hälfte der Unternehmerfrauen hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert (60 Prozent). Weitaus weniger schlossen eine soziale (15 Prozent) oder eine handwerkliche Ausbildung (17 Prozent) ab. Etwa fünf Prozent verfügen über den Meisterbrief.
  • Fast die Hälfte (46 Prozent) der befragten Frauen arbeitet in der Branche des Ausbaugewerbes. Weitere 19 Prozent sind im Bauhauptgewerbe und ca. zehn Prozent in Handwerken für den gewerblichen bzw. den privaten Bedarf beschäftigt. Innerhalb des Ausbaugewerbes ordnen sich über ein Drittel (34 Prozent) der befragten Frauen dem Bereich Sanitär-Heizung-Klima zu.
  • 43 Prozent der befragten Frauen haben angegeben, dass sie den Betrieb zusammen mit ihrem Partner gegründet haben.
  • Für die Weiterbildung nutzen die Unternehmerfrauen hauptsächlich handwerkliche Verbände wie Innungen oder Verbände der UFH (72 Prozent). Via „Learning by doing“ eignete sich die Hälfte (50 Prozent) ihr Fachwissen an. Ebenso konnten die Frauen durch den Erfahrungsaustausch und durch Angebote der HWK und IHK profitieren (44 Prozent bzw. 41 Prozent). Auf externe Beratung setzten 23 Prozent.
  • Es zeigt sich, dass die befragten Frauen die meiste Zeit pro Woche (∅ 10,2 Stunden) für die Buchhaltung und Finanzen aufbringen. Nach wie vor zählen eher Bürotätigkeiten und weniger handwerkliche Tätigkeiten zu ihren Aufgaben im Handwerksbetrieb.
  • Zwei Drittel (75 Prozent) der befragten Frauen sind sozialversicherungspflichtig im Unternehmen sind. Elf Prozent dagegen beziehen ihr Einkommen ohne Sozialversicherungspflicht, neun Prozent sind geringfügig beschäftigt und ein Bruchteil (sechs Prozent) arbeitet unentgeltlich.
  • Die befragten Frauen, die eine Führungsposition innehaben sind im Vergleich zu denjenigen ohne eine Führungsposition häufiger ohne Sozialversicherungspflicht angestellt, dagegen jedoch seltener geringfügig oder unentgeltlich beschäftigt.
 Quelle: UFH

Die typische Unternehmerfrau im Handwerk arbeitet zwar in einer eher klassischen Rollenverteilung – im Büro statt beispielsweise direkt mit auf der Baustelle; außerdem ist sie meist auch für die Betreuung der Kinder zuständig – dennoch hat sich ihre Position insofern verändert, als dass sie nicht nur Mitarbeiterin ist, sondern oft gemeinsam mit ihrem Partner eine Doppelspitze bildet und ebenso Führungsverantwortung hat. Sie ist meist in einer festen Anstellung sozialversicherungspflichtig beschäftigt, wird leistungsgerecht entlohnt und kann so auch entsprechend ausreichend für ihre Rente vorsorgen. Auch das besagt die Studie.

Unternehmerfrauen: Gut ausgebildet und mit selbstbewusst

Dieser wichtigen Position sei sich die Unternehmerfrau von heute auch bewusst, teilt der BV UFH im Zusammenhang mit den Studienergebnissen mit und weist darauf hin, dass so eine neue selbstbewusste Einstellung gegenüber den Leistungen entstanden sei. Besonders wichtig dabei ist auch die gute Ausbildung und die gezielte Weiterbildung, die vielen Unternehmerfrauen nutzt. So eignen sich die notwendigen Fachkenntnisse die meisten heute nicht mehr nur in der praktischen Arbeit direkt im Betrieb an, sondern im Rahmen von qualifizierten Weiterbildungen.

Genau deshalb wird dem Verband zufolge die Bedeutung der Unternehmerfrauen in Zukunft auch noch wichtiger werden. Ausschlagegebende Gründe sind der Fachkräftemangel und der demografische Wandel, so dass es für Betriebe insgesamt schwieriger wird, geeignetes qualifiziertes Personal zu finden. Das Handwerk könne sich also nicht erlauben, auf die vielen gut qualifizierten Frauen zu verzichten, meldet der BV UFH und fordert sogleich die Handwerksorganisation auf, geeignete Strategien zu entwickeln, um die mitarbeitenden Unternehmer-Ehefrauen und Partnerinnen gezielt zu fördern.

Gemeint sind damit vor allem neue Weiterbildungsangebote. "In der Studie wird festgestellt, dass die mitarbeitenden Ehefrauen heute höher qualifiziert sind als früher", erklärt dazu Anne Dohle, die Geschäftsführerin des BV UFH. Es bestehe aber weiterhin ein hoher Weiterbildungsbedarf. Bisher nutzen die meisten Unternehmerfrauen die Fortbildung zur Geprüften Kaufmännischen Fachwirtin sowie zur Geprüften Betriebswirtin nach der Handwerksordnung. Der Bedarf an Weiterbildung ergibt sich laut Dohle vor allem aus dem kontinuierlichen Wandel der Aufgabengebiete – Stichwort Digitalisierung – und an den steigenden Ansprüchen der Frauen an ihre Arbeit.

Meist bestehe der Wunsch nach zertifizierten Weiterqualifikationen, die sich nach der speziellen Situation der Unternehmerfrauen richten. "Hier könnten die Handwerkskammern und Fachverbände noch mehr Angebote machen", sagt die Geschäftsführerin und weist als Beispiel auf eine Informationsaufbereitung von gesetzlichen Änderungen und bürokratischen Auflagen hin. Des Weiteren würde die Studie aufzeigen, dass neue Angebote wie Webinare, die von zuhause aus besucht werden können, wichtiger werden. "Die Weiterbildungen sollten zeitlich an den Alltag von Frauen mit Kindern angepasst sein", ergänzt Anne Dohle.

Berufliche Bildung attraktiver machen

Warum es angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels wichtig, aber dennoch schwierig sei, an gut ausgebildeten Frauen zur Mitarbeit in der Position als Unternehmerfrau zu motivieren, erklärt sie so: "Junge Frauen verfügen heute in einem weitaus größeren Maße als früher über eine eigenständige qualifizierte Ausbildung. Ihre schulischen und beruflichen Abschlüsse sind häufig besser als die der Männer. Frauen, die sich in ihrem erlernten Beruf positioniert haben, fällt es nicht leicht, ihr berufliches Umfeld aufzugeben und als Unternehmerfrau in einen Handwerksbetrieb einzusteigen." Die Gründe: Die Frauen können die Kenntnisse aus ihrem erlernten Beruf in der Regel nur begrenzt einbringen. Außerdem sei mit diesem Schritt häufig die teilweise oder völlige Aufgabe der finanziellen Unabhängigkeit verbunden.

Laut Dohle haben die einseitige Werbung für Abitur und Studium und die einseitige Förderung von Hochschulen in den letzten Jahren dazu geführt, dass fast 60 Prozent der Schulabgänger eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen. "Die guten Chancen und Perspektiven, die sich im Handwerk bieten, wurden zu wenig gesehen." Um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern, müssten daher die berufliche Bildung attraktiver gemacht werden. Junge Frauen seien dabei eine wichtige Zielgruppe.

Die Studie "Die Bedeutung mitarbeitender Unternehmerfrauen für ein zukunftsfähiges Handwerk" können Sie hier nachlesen.>>>

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