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Hintersteiner Tal Unter Adlers Augen

Ein Tal ganz ohne Liftanlagen und Seilbahnstationen, dafür aber mit viel Ruhe und die Chance seltene Vogelarten zu entdecken. Eine Wanderung im Hintersteiner Tal.

Im Winter gönnt sich die Natur eine Pause. Doch der Mensch mag nicht verschnaufen und drängt auf die Skipisten. Wer stattdessen die Ruhe in den Bergen sucht, wird im Hintersteiner Tal bei Bad Hindelang fündig, das ganz ohne Seilbahnstation auskommt.

Vom Parkplatz am Ende der Ortschaft Hinterstein bringt der Bus Skibergsteiger und Winterwanderer zum Giebelhaus. Gleich nebenan steht die Adlerhütte des bayerischen Landesbundes für Vogelschutz. Ihr Name ist Programm. Die Berghänge im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen bieten dem Steinadler ein sicheres Revier. Am knapp 2.000 Meter hohen Giebel lebt das fruchtbarste Steinadlerpaar Deutschlands.

Auf der Suche nach dem Adlerpaar

Der Biologe Hennig Werth wartet mit Stativ und Fernrohr auf seine Begleiter. Auf dem Weg zur Schwarzwasserhütte, 1.380 Meter hoch gelegen, wird Ausschau gehalten nach den Adlern. Es ist kalt, die Schneefälle der letzten Tage haben die Berghänge entlang des Flusses Ostrach in eine Postkartenidylle verwandelt. Die Suche dauert nicht lang. Henning Werth weiß, wo sich der Horst des Paares an den Berghang schmiegt. Bald hat der Biologe die Greifvögel im Visier.

Alle zwei Jahre zieht das Hintersteiner Steinadlerpaar zwei Jungvögel auf, so viel wie kein anderes in Deutschland. Offenkundig kommt den Steinadlern, die laut Roter Liste zu den stark gefährdeten Tierarten gehören, die winterliche Ruhe des Hintersteiner Tals entgegen. Und so können hier Urlauber unter fachkundiger Führung die seltenen Vögel beobachten. Mit etwas Glück bekommen sie sogar Greifvögel zu Gesicht, die eigentlich schon ausgerottet waren.

Heute ist so ein Tag. Mit dem Gespür des erfahrenen Vogelkundlers hat Henning Werth die Lawinenhänge abgesucht, als plötzlich ein majestätischer Bartgeier ins Blickfeld schwebt. Ein solches Ereignis kann selbst den Biologen begeistern, seit 1997 sei in der Gegend kein Bartgeier mehr gesichtet worden.

Hintersteiner Tal

Bartgeier - der größte flugfähige Vogel

Einst als Lämmergeier verschrien, haben die um ihre Haustiere besorgten Bergbewohner dem fliegenden Jäger so lange nachgestellt, bis er Anfang des
20. Jahrhunderts im Alpenraum als ausgerottet galt. Heute weiß man, dass sich der Bartgeier, mit einer Spannweite von knapp drei Metern einer der größten flugfähigen Vögel der Welt, ausschließlich von Aas und Knochen ernährt.

In den vergangenen Jahrzehnten ist es Naturschützern gelungen, den Bartgeier wieder auszuwildern. Auf knapp 200 Vögel wird die Population in den Alpen geschätzt, aber keines der standtreuen Tiere brütet in Deutschland. So muss der Bartgeier wohl aus Tirol in den deutschen Luftraum vorgedrungen sein.

Henning Werth montiert seine Kompaktkamera auf das Okular des Fernrohrs, um das seltene Ereignis zu dokumentieren. Er wird den Bartgeier in den nächsten Tagen noch ein paar Mal aufspüren, ehe sich der seltene Gast wieder verabschiedet. Derweil kreisen in der Schwarzwasserhütte bei einem Glühwein die Gespräche um die Schönheit der alpenländischen Bergwelt. Eine Seilbahn vermisst niemand.

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