25 Jahre Mauerfall -

Holzspielzeugmacher und Pfefferküchler Unbekannte Berufe aus dem Osten

Für einige Berufe, die es in DDR gab, war nach der Wende kein Markt mehr da. Andere, die es eigentlich nicht mehr hätte geben sollen, sind heute wieder Ausbildungsberuf. Zwei Beispiele.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets 25 Jahre Mauerfall
Unbekannte Berufe aus dem Osten
Kämpfte um den Beruf und gewann: Holzspielzeugmacher Tino Günther feiert dieses Jahr mit seinem Betrieb 100-jähriges Bestehen. -

Den Beruf von Tino Günther hätte es nach der Wende eigentlich gar nicht mehr geben sollen. Schließlich gab es den Holzspielzeugmacher in der damaligen Bundesrepublik schon längst nicht mehr. Doch der damals 27-jährige Sachse kämpfte um den Erhalt seines Berufs. "Wir haben uns dafür eingesetzt, dass das Berufsbild neu definiert wird", sagt Günther. Schließlich hatte schon sein Urgroßvater sein Geld als Holzspielzeugmacher verdient und 1914 den eigenen Betrieb gegründet.

Und der Einsatz hat sich gelohnt. 100 Jahre nach Betriebsgründung und 25 Jahre nach der Wende gibt es den Beruf immer noch. Nach einer Übergangszeit von fünf Jahren wurde die Ausbildung neu geordnet. Die Auszubildenden lernen heute in einer Verbundausbildung je eine Hälfte ihrer Lehrzeit in ihren Betrieben und gemeinsam an der Holzspielzeugmacherschule in Seiffen.

Die DDR hatte Berufe mit teils exotischen ­Bezeichnungen

Andere Berufe haben das Ende der DDR nicht überlebt. Entweder war ihre Tätigkeit nicht mehr gefragt oder sie gingen in westdeutschen Berufen auf. Ob und in welche Berufe die damaligen DDR-Berufe aufgegangen sind, hat die Bundesagentur für Arbeit dokumentiert.

Joachim von Hagen vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) pflegt die Genealogie der Berufe und erstellt deren Stammbäume. Berufe verschwinden, gehen in anderen Tätigkeiten auf und bekommen einfach eine andere Bezeichnung. Von Hagen kennt auch die Liste der DDR-Berufe, die nach heutigem Empfinden einige Kuriositäten bereithält, und nennt einige Beispiele.

So gab es etwa einen Kunstblumenfacharbeiter, der heute nicht mehr existiert. Augrund der teils exotischen Tätigkeiten und sehr hohen Spezialisierung wie etwa beim Akkordeonfacharbeiter sei es schwierig gewesen, die Berufe ihren westlichen Pendants zuzuordnen. Der Plast- und Elastfacharbeiter etwa ließ sich noch mit dem Kunststoffformgeber oder dem Vulkaniseur vergleichen. "Das heißt aber nicht, dass das Berufsbild als solches fort­existiert", unterstreicht von Hagen. Dennoch sei eine Zuordnung für eine spätere Rentenzuteilung wichtig gewesen.

Nicht überlebt hat auch der Meliorationsfacharbeiter, ein Beruf, unter dem man sich im Westen eher nichts vorstellen konnte. Dabei handelt es sich um jemanden, der für den Bau der Be- und Entwässerungsanlagen in der Landwirtschaft zuständig war.

Ähnlich regional verwurzelt wie der Holzspielzeugmacher, dafür aber um einiges spezieller als Beruf war der Pfefferküchler. Pfefferküchler sind im sächsischen Pulsnitz beheimatet und stellen eine regionale Lebkuchenvariante her.

Lutz Tenne, Pfefferküchler
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Pfefferküchler gingen auf die Barrikaden

Pfefferküchlermeister Lutz Tenne erinnert sich, dass es plötzlich nicht mehr möglich war, einen Lehrling anzumelden. Die damals bundesdeutsche Handwerksordnung sei übernommen worden. Einige Berufe hätten ganz einfach gefehlt. "Da sind wir auf die Barrikaden gegangen", sagt er. Schließlich sei die Herstellung rein handwerklich und grenze sich damit gegenüber der industriellen Lebkuchenherstellung in Nürnberg ab.

Alle politischen Kontakte auf Landes- und Bundesebene wurden mobilisiert. Lutz Tenne erinnert dabei an den Einsatz von Karl-Heinz Boden, den damaligen Geschäftsführer der Einkaufs- und Liefergenossenschaft für das Bäcker-, Konditoren- und Pfefferküchlerhandwerk. Acht Jahre später gab es die Ausbildung zum Pfefferküchler dann wieder – als Spezialisierung innerhalb der Bäckerausbildung.

Ganz zum Erliegen kam die Lehre in dieser Übergangszeit jedoch nicht. "Das ein oder andere Mal mussten wir einfach ausbilden, um eine Betriebsübergabe zu ermöglichen", sagt Tenne. Der 68-Jährige nennt es die sächsische Zwischenlösung. Auch die Nachwende-Realität erforderte halt manchmal Improvisation.

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