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Personalführung Unbegrenzter Urlaub – ein Experiment

Ein Unternehmer gab seinen Mitarbeitern so viel bezahlten Urlaub wie sie wollten. Ein Jahr lang dauerte das Experiment mit einem überraschenden Ergebnis.

Unbegrenzter Urlaub – ein Experiment
Unbegrenzter Urlaub klingt nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Realität sieht oft anders aus. Wer flexiblen Urlaub will, muss ihn sich in manchen Unternehmen erst hart verdienen. -

Nathan Christensen ist der Geschäftsführer des US-Personaldienstleisters Mammoth. Das Unternehmen beschäftigt 40 Angestellte. Christensen bot ihnen  ein Jahr lang die Möglichkeit, so viel Urlaub zu nehmen wie sie wollten.

Ergebnis: Die Urlaubstage sind nicht gestiegen

Christensen habe die Idee gemocht, mit unbegrenzten Urlaubstagen die Wertschätzung der eigenen Mitarbeiter zu demonstrieren. Auch Arbeitspsychologe Thomas Rigotti sieht den Abbau von Kontrolle und Bürokratie in der Urlaubsplanung als ein Zeichen von Vertrauen. Informelle Regeln können sich positiv auf die Firmenkultur auswirken.

Und das hat sich in dem Fall von Unternehmer Christensen scheinbar ausgezahlt. Unter dem Strich machten die Angestellten genauso häufig frei wie vor der Zeit des unbegrenzten Urlaubs. Jedoch konnte trotz unbegrenzten Urlaubs nicht jeder Urlaubswunsch ermöglicht werden, berichtet der Unternehmer Christensen in seinem Erfahrungsbericht.

Arbeitspsychologie: Vertrauen wird nicht missbraucht

Dass die Mitarbeiter im Vergleich zum Vorjahr den unbegrenzten Urlaub nicht voll ausgeschöpft hatten, überrascht den Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nicht. Rigotti würde den Urlaub jedoch nicht als unbegrenzt, sondern vielmehr als flexibel oder selbstbestimmt bezeichnen.

"Der Missbrauch dieser freien Urlaubsregelung ist eher unwahrscheinlich", sagt Rigotti. Erstens würde es zu Spannungen mit den Kollegen kommen, sollte einer der Angestellten unverhältnismäßig mehr frei haben als die anderen. Zweitens würde es in der Folge auch unweigerlich zu Problemen mit dem Vorgesetzten führen.

Urlaubstage im internationalen Vergleich

Die meisten Urlaubstage

In Brasilien liegt der gesetzliche Urlaubsanspruch bei 30 Tagen im Jahr. Hinzukommen noch 11 Feiertage.
In Finnland gibt es auch 30 Tage Urlaub. Noch nicht eingerechnet sind die 10 Feiertage zusätzlich.
Frankreich belegt mit mit 30 Tagen Urlaubsanspruch und 10 Feiertagen den dritten Platz. Ein Vergleich: In Deutschland liegt der Urlaubsanspruch bei 20 Tagen im Jahr.

Die wenigsten Urlaubstage

In Kanada liegt der Urlaubsanspruch bei nur 10 Tagen im Jahr plus 9 Feiertage
China belegt Platz zwei mit 10 Tagen Urlaub. Dazukommen noch 11 Feiertage.
In Indien gibt es mit 12 Tagen etwas mehr Urlaub bei 16 Feiertagen im Jahr. Ein Vergleich: In Deutschland sind je nach Region maximal 11 Feiertage.

(Quelle: Statista 2015)

Angestellte verzichten freiwillig auf ihren Urlaub

Obwohl sich das Konzept der unbegrenzten Urlaubstage nach unbegrenzter Freiheit anhört, sieht die Realität in manchen Unternehmen ganz anders aus. Arbeitspsychologe Rigotti spricht in dem Zusammenhang von einer Pseudo-Autonomie – einer vermeintlichen Selbstbestimmung, die keine ist.

Auch beim IT-Dienstleister Evernote haben die Angestellten das Vertrauen ihres Vorgesetzten, so viel Urlaub zu nehmen, wie sie es für richtig halten und möchten. Das Problem ist nur, dass manche deshalb seit Jahren keinen Urlaub genommen haben. Heute bezahlt Evernote seinen Mitarbeitern eine Prämie für Urlaub: 1.000 Dollar gibt es oben drauf, wenn sich der Mitarbeiter eine Woche Auszeit gönnt. "Angestellte, die keinen Urlaub nehmen und sich nicht erholen, schaden nicht nur sich selbst, sondern auch dem Unternehmen", erklärt Rigotti. Die Prämie bei Evernote soll die Mitarbeiter deshalb zum Urlaub animieren.

Professor Rigotti

Nur wer sich traut, nimmt Urlaub

Dass sich manche der Angestellten in der Folge kaum oder keine freie Zeit nehmen, könnte laut Rigotti auch daran liegen, dass der selbstbestimmte Urlaub eine Doppelbotschaft in sich trägt. Wie beispielweise beim britischen Unternehmen Virgin Group . Wie der Gründer Sir Richard Branson in seinem Blog erklärt, sollen sich seine Mitarbeiter ein paar Stunden, Wochen oder einen Monat frei nehmen können – wann immer sie wollen und ohne vorher mit dem Vorgesetzten sprechen zu müssen.

Doch diese große Freiheit ist an eine Bedingung geknüpft: Der Arbeitnehmer dürfe sich nur Urlaub nehmen, wenn er sich zu 100 Prozent sicher fühlt, dass das Team und die Projekte im Zeitplan liegen und dass die Abwesenheit in keinem Fall das Geschäft oder der eigenen Karriere schadet.

"Es kann beim Arbeitnehmer dann Druck entstehen. Mancher zeigt dann lieber Präsenz als in den Urlaub zu gehen", sagt Arbeitspsychologe Rigotti.

Selbstbestimmter Urlaub: Eine Option für den Mittelstand

Selbstbestimmter, flexibler Urlaub sei eher in kleinen Familienunternehmen oder bei Mittelständlern möglich. "Wenn man sich kennt und einander vertraut, müssen die Urlaubstage und Zeiten nicht zwingend kontrolliert werden", so Rigotti.  

Stimmt die Vertrauensbasis so können Bürokratie und Kontrolle abgebaut werden, ohne dabei Arbeitgeber oder Arbeitnehmer zu benachteiligen.

Flexibler Urlaub: Fünf Tipps vom Unternehmer

Obwohl Christensens Mitarbeiter die unbegrenzten Urlaubstage wichtig waren, haben sie diese nicht ausgenutzt. Nach der einjährigen Testphase sollen seine Angestellten auch weiterhin unbegrenzten Urlaub erhalten.  Er hat das Konzept ausgearbeitet und enthält fünf wichtige Ergänzungen.

1. Flexibel statt unbegrenzt

Der Begriff "unbegrenzt" passe laut Christensen nicht. Er klinge nach Maßlosigkeit und vernachlässige die Tatsache, dass es auch Grenzen gebe wenn der Mitarbeiter beispielsweise seine Arbeit nicht schafft. Begriffe wie flexibel oder selbstbestimmt wären demnach die bessere Wahl.

2. Teil der Firmenwerte

Christensen rät, die flexible Urlaubsregelung den Firmenwerten zu verankern. So wisse jeder, warum und wie die Regelung gestaltet sei.

3. Urlaub ist keine Einbahnstraße

Christensen sieht die Flexibilität in der Urlaubsplanung als Investition in die Mitarbeiter – die auf Gegenseitigkeit beruhen soll. Im Gegenzug erwarte er, dass die Angestellten die Arbeit so erledigen, dass die Firma weiter wachse, die Kundenzufriedenheit erhalten bleibe und auch Kollegen zu ihrem Freizeitausgleich kommen können.

4. Wann ist Urlaub gerechtfertigt?

Christensen erzählt, dass in dem Testjahr Urlaubsanträge auch abgelehnt wurden. Es sei für den Mitarbeiter wie auch für den Vorgesetzten unangenehm gewesen. Deshalb rät er dazu, einfache Richtlinien aufzustellen, die Mitarbeitern beantworten können, wann Urlaub gerechtfertigt ist und wann nicht.

5. Leistung versus Uhr

Leistung wird wichtiger als die konkrete Arbeitszeit. Deshalb bräuchten Führungskräfte und Mitarbeit Unterstützung dabei, wie sie ermitteln können, was von ihnen erwartet wird. So könnten Mitarbeiter ihre Arbeit selbstständig planen.

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