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Über den Dächern zu Hause

Armin Bohl hat mit 250 Jahren einen der ältesten Schornsteinfegerbetriebe in Deutschland. Doch die Ära Bohl geht bald zu Ende

Ob er den ältesten Schornsteinfegerbetrieb in Deutschland hat, weiß Armin Bohl nicht genau. Jedenfalls hat er niemanden gefunden, der ein ähnlich stolzes Jubiläum vorweisen kann. Seit 250 Jahren übt man in der Familie Bohl das Handwerk des Schornsteinfegers aus. Wenn er den Rekord hält, wird er ihn sicher bald abgeben müssen, denn die Ära Bohl wird mit Armin zu Ende gehen.

Angefangen hat alles das ist urkundlich belegt mit der Geburt von Josef Bohl 1759. Er arbeitete als Schornsteinfeger in der Umgebung von Crailsheim. Zwar taucht der Name Bohl auch in älteren Urkunden der Stadt Crailsheim schon auf, aber eine direkte Verbindung zur Familie von Armin Bohl lässt sich nicht mehr herstellen.

Großvater Josef (geboren 1895) und sein Vater Erich (geboren 1918) kannten noch die körperlichen Mühen des Schornsteinfegerhandwerks. Man zog von Dorf zu Dorf. Teilweise mussten Strecken von bis zu 30 Kilometer zurückgelegt werden. Immer mit dabei: Steigleiter, Schultereisen und Reisigbesen. Im Sommer konnten viele Wege mit dem Fahrrad bewältigt werden, im Winter sorgten Eis und Schnee dafür, dass die Schornsteinfeger nur zu Fuß weiterkamen. Doch das war nicht das Einzige, was die Arbeit schwergemacht hat. Die Kamine in alten Bauernhäusern mussten noch von innen bestiegen werden. Unten, wo der Kamin noch breit war teilweise hatten sie eine Grundfläche von bis zu drei Quadratmeter , konnte man noch von der Steigleiter aus die Wände vom Ruß befreien. Dann aber musste man sich mit Ellbogen, Knien und Gesäß in die Spitze des Kamins vorarbeiten. Nicht ungefährlich. Aber Stürze und Abschürfungen gehörten eben zum Berufsrisiko.

Gelöhnt wurde in Naturalien

Ach ja, dann waren da noch der viele Ruß und der Staub. Dagegen schützte nur das typische Halstuch. Weit bis ins 20. Jahrhundert war die Staublunge eine anerkannte Berufskrankheit. Zur Unfall- und Krankheitsgefahr kam der unbeständige Alltag ohne Heim und Familie. Nach getaner Arbeit war es meist zu spät, um noch zum nächsten Gehöft zu ziehen, so dass die Schornsteinfeger in den Ställen ihr Nachtlager aufschlugen. Heißes Wasser zum Waschen aus Holzkübeln und ein Abendessen waren meist inbegriffen. Für das Reinigen der Feuerstellen wurde oftmals nicht in Geld, sondern in Naturalien gelöhnt. Die Bauern bezahlten mit Eiern, Speck, oder einer Gans. Jetzt erwies sich auch der Zylinder, den die Schornsteinfeger aufgrund eines fürstlichen Edikts offiziell tragen durften, als nützlich. Hier konnte man das nächste Frühstück sicher verstauen. Regulär verdiente ein Schornsteinfegergeselle damals zwischen 13 und 18 Mark in der Woche. Zusätzliche Lebensmittel waren also immer willkommen.

Der Beruf des Schornsteinfegers entwickelt sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Damals setzten viele Fürsten und Städte erste feuerpolizeiliche Gesetze durch. Denn es hatte sich herausgestellt, dass mit der regelmäßigen Wartung der Feuerstätten, insbesondere dem Abkratzen der Rußablagerungen, die Brandgefahr in den Häusern und Höfen reduziert werden konnte. Einem Umstand, dem die Schornsteinfeger ihren Ruf als Glücksbringer verdanken. Ursprünglich stammte das Handwerk aus Norditalien, von wo auch die geschlossenen Kamine kamen, die langsam die großen, offenen Feuerstellen ablösten. Die engen Kamine mussten von innen bestiegen werden, eine Arbeit, die oftmals von Kindern ausgeführt wurde. Die Kinder wurden von ihren Eltern damals aus purer Not an die durch die Dörfer ziehenden Schornsteinfeger verkauft. Denn das Einkommen der einfachen Leute reichte nicht aus, um die vielköpfige Familie zu ernähren. Eine Kinderschreckfigur hat auch hier ihren Ursprung: Der „Schwarze Mann“, der die Kinder verschleppt. Die erste große Veränderung für die Schornsteinfeger und damit eine Aufwertung des Berufsstandes war das 1935 beschlossene „Gesetz über das Schornsteinfegerwesen“. Es teilte das damalige Deutsche Reich in Kehrbezirke ein und teilte jedem einen Bezirksschornsteinfegermeister zu. Das Kehrmonopol war geschaffen. „Das Gesetz wurde 1969 auf eine neue rechtliche Grundlage gestellt. Das Prinzip ist aber geblieben“, erklärt Bohl. Rund 8.000 Kehrbezirke gibt es heute in Deutschland, das Handwerk zählt etwa 20.000 Beschäftigte. Bohl selbst ist für den Kehrbezirk Calw Nr. 4 der beliehene Bezirksschornsteinfeger. In seinem Betrieb arbeiten noch ein Geselle und ein Lehrling. „Mehr tragen die Kehrbezirke auch nicht“, sagt er. Schließlich bestimmt ein Schornsteinfeger die Preise nicht selbst. Sie sind in einer bundesweit einheitlich geregelten Gebührenordnung festgelegt.

Bohl erlernte den Beruf bei seinem Vater, der als Bezirksschornsteinfegermeister in Altensteig den besagten Kehrbezirk betreute. Nach seiner Meisterprüfung verschlug es Armin Bohl zunächst als Bezirksschornsteinfeger nach Reutlingen, bevor er sich 1997 wieder nach Altensteig versetzen lassen konnte. „Hier bin ich aufgewachsen und es ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen, als ich den Bezirk von meinem Vater übernehmen konnte. Den Namen Bohl kennt man hier einfach.“

Der Beruf selbst hat inzwischen einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Der Schornsteinfeger überprüft und reinigt nicht mehr nur den Kamin und den Schornstein. Er misst auch die Abgasbelastung, kontrolliert Heizung und Durchlauferhitzer oder erstellt Energiepässe.

Berufswahl war nie eine Frage

Die größte Umstellung steht aber noch bevor. 2013 wird das ausschließlich in Deutschland geltende Kehrmonopol gelockert, was einer Revolution gleichkommt. Die EU wertete das Kehrmonopol als Verstoß gegen die grundsätzliche Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit und will für mehr Wettbewerb sorgen. So können ab 2013 die Schornsteinfeger um die Kehrbezirke in ganz Deutschland konkurrieren. Zwar gibt es dann immer noch einen auf sieben Jahre gewählten Schornsteinfeger im Bezirk, die Kunden sind aber nicht mehr auf dessen Leistungen alleine angewiesen. Er führt nur noch eine Pflichtprüfung durch. „Natürlich ist das für uns eine große Umstellung“, sagt Bohl. „Aber ich sehe auch Chancen. Wir sind in der Preisgestaltung flexibler und die Kunden können jetzt von der erhöhten Konkurrenz profitieren.“

Bohl selbst hat schon vorgesorgt. Mit Kollegen hat er bereits eine GmbH gegründet, die ein Ofenstudio und Service rund um Schornsteinsysteme und Gebäudetechnik anbietet. „Die Zahl der Kehrbezirke wird sich reduzieren“, ist sich Bohl sicher. „Es wird langfristig nur noch große Schornsteinfeger GmbHs geben, die zusätzlich eine Reihe von Serviceleistungen anbieten.“ Der Name Bohl wird dann aber nicht mehr unter den Schornsteinfegern auftauchen. Seine beiden Söhne haben sich für eine andere Berufslaufbahn entschieden. „Das ist heutzutage einfach so. Für meine Vorfahren und mich war der Weg vorgegeben, heute hat man schließlich die Wahl, das zu tun, was man will“, sagt er und fügt hinzu „Das war für mich aber auch nie die Frage.“

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