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Maschinenbaubetrieb BMF stellt Innovation vor Twister: Ein Wirbelwind für das Sandstrahlen

Mit dem Twister hat der Maschinenbaubetrieb BMF aus Grüna bei Chemnitz einen Automaten vorgestellt, der die Oberflächenveredelung durch Sandstrahlen revolutioniert. Die Qualität steigt, die Kosten sinken.

Sandstrahlautomat Twister

Bei der Endmontage: Chris Tettalowsky (li.) baut das Schleuderrad ein, begutachtet von seinem Chef Ronny Bernstein. -

Nur wenige Technologien sind über das 20. Jahrhundert hinweg der Automatisierung entgangen. Das Sandstrahlen, 1870 vom Amerikaner Benjamin Chew Tilghman zum Patent angemeldet, bedurfte seither der ruhigen Hand eines erfahrenen Bedieners. Bis eine Entwicklung aus Sachsen diesen traditionellen Arbeitsprozess durcheinanderwirbelte.

Innovationskraft stärker als Anlaufprobleme

Als Ronny Bernstein mit seiner Frau Dörte und deren Schwester Antje Tatusch im Jahr 2007 das Unternehmen BMF – Bernstein Mechanische Fertigung – in Grüna bei Chemnitz gründete, konnte er diese Zukunft nicht vorhersehen, genauso wenig wie die unmittelbar bevorstehende weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise.

Am Ende des ersten Monats nach Produktionsbeginn standen 237 Euro Umsatz auf der Habenseite des auf Prototypen, Einzelteile und Klein­serien fokussierten Maschinenbaubetriebes – bei Investitionen von rund einer halben Million.

Doch die Innovationskraft des Gründers überwog die Anlaufprobleme. Die Entwicklung eines Sandstrahlautomaten, mit dem Kleinteile in gleichbleibend hoher Qualität, schnell und energiesparend bearbeitet werden können, folgt Bernsteins Strategie, dem Unternehmen mit eigenen Endprodukten ein solides Fundament zu setzen.

Feinwerkmechaniker nutzt ZIM-Projekt

Dabei konnte sich der Feinwerkmechanikermeister, der sein Wissen auch als Dozent bei der Meisterausbildung an der Handwerkskammer Chemnitz und als Mitglied im Prüfungsausschuss weitergibt, auf breite Unterstützung verlassen. Im Rahmen eines ZIM-Projektes trieben ein vierköpfiges Team von BMF zusammen mit Wissenschaftlern des Steinbeis-Innovationszentrums Chemnitz unter Leitung von Prof. Eberhard Köhler das Vorhaben voran – bis zu einem marktreifen Produkt.

„Ich bin sehr dankbar für die Förderprogramme von Bund und Land sowie für den Rückhalt durch unsere Hausbank. Man bekommt zwar nichts geschenkt, aber ohne diese Hilfe wäre vieles nicht möglich“, sagt Ronny Bernstein, der seit September jeden Monat mindestens einen Twister ausliefert.

Schleuderrad mit patentierter Schaufelgeometrie

Die Weltneuheit ermöglicht laut BMF gleichmäßige und reproduzierbare Oberflächenstrukturen bei minimalem technischem und energetischem Aufwand. Das Strahlmittelwird über ein zentrales Schleuderrad gegen die zu bearbeitenden Werkstücke geworfen, die wiederum um das Schleuderrad rotieren.

Auch die zehn Werkstückträger selbst drehen sich, so dass die Oberfläche der Werkstücke von allen Seiten bearbeitet werden kann – bis zu 100 Werkstücke pro Durchlauf.

Sandstrahlautomat Twister

Durch die patentierte Schaufelgeometrie sinkt der Verschleiß des Schleuderrades und die Strahlmittelwolke trifft besonders schonend auf die Oberfläche der Bauteile, so dass Werkstücke mit einer Wandstärke von weniger als einem halben Millimeter gestrahlt werden können. Weswegen sich sogar Unternehmen aus der Medizintechnik und der ­Uhrenindustrie für den Twister interessieren.

Refinanzierung in einem Jahr

Ronny Bernstein rechnet damit, dass sich die Anschaffung eines Twisters schon im ersten Jahr refinanziert. Gegenüber konventionellem Sandstrahlen würden die Energiekosten pro Teil bei einem Strompreis von 25,43 Cent/kWh von 0,038 auf 0,0018 Euro sinken. Die Lohnkosten pro Teil würden sich bei einem Stundenlohn von zehn Euro von 0,31 auf 0,03 Euro reduzieren. Die Kosten für Verschleiß beziffert Bernstein auf einen Euro pro Stunde.

Der Twister ist nicht das erste Finalprodukt aus dem Hause BMF. Schon ein Jahr nach der Firmengründung stellte das Unternehmen seine erste Eigenentwicklung vor: einen Schweißautomaten für Kunststoff-Folien, mit dem unter anderem Lkw-Planen geschweißt werden können.

Viel Aufträge während der Krise

Zwei Jahre später war diese Weltneuheit laut Bernstein sogar bei der Eindämmung der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Einsatz. Da war das Unternehmen trotz Wirtschafts- und Finanzkrise schon auf Wachstumskurs, der Umsatz längst im sechsstelligen Bereich.

„Während der Krise war es relativ leicht, an Arbeit zu kommen. Wir haben diese Zeit ohne Kurzarbeit überstanden und sogar Personal aufgebaut“, blickt Ronny Bernstein zurück. Viele Kunden schätzten die Flexibilität von BMF.

Heute zählt das Unternehmen rund 300 feste Kunden aus den Bereichen Medizintechnik, Maschinen-, Sondermaschinen, Prototypen- und Automobilbau. Die Belegschaft ist auf 16 Mitarbeiter, darunter drei Meister, angewachsen. Fünf Lehrlinge wurden ausgebildet, die in der BMF-Werkhalle modernste Maschinen – vom CNC-Automaten bis zum Roboter – kennenlernen.

Einfach war dieser Weg nicht. Im Maschinenbau sind Neugründungen schwierig, nicht zuletzt wegen der hohen Anfangsinvestitionen. Doch Ronny Bernstein hatte einen erfahrenen Berater an der Seite.

Schwiegervater als Berater

Sein Schwiegervater Gunter Bernstein betrieb am gleichen Standort zu DDR-Zeiten einen kleinen, privaten Maschinenbaubetrieb. Der inzwischen 76-jährige Ingenieur half beim Ausarbeiten des Businessplans und unterstützte die jungen Leute beim Aufbau ihrer Firma. „Die Geschäftseröffnung war für mich eine Glücksstunde“, sagt Gunter Bernstein, der auch dem Entwicklungsteam des Twisters mit Rat und Tat zur Seite stand.

Die Auszeichnungen für den Sandstrahlautomaten – vom intec-Preis 2013 über den Seifriz-Preis für Technologietransfer 2014 bis zum Bundespreis bei der diesjährigen Internationalen Handwerksmesse – sind der Lohn für die Tüftler-Schmiede an der Grünaer Dorf­straße, die mit ihrem Twister auch beim IQ-Innovationspreis Mitteldeutschland sowie beim sächsischen Innovationspreis unter den Finalisten ist.

Beide Preise werden Anfang Juli verliehen und könnten BMF weiteren Rückenwind verleihen, der den Marktstart des großen Bruders vom Twister beflügeln könnte. Der neue Sandstrahlautomat heißt Tornado.

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