Ratgeber + Unterhaltung -

Traditionsreiches Handwerk zur besten Sendezeit TV-Kritik: Der Club der singenden Metzger

Am 27. Dezember zeigt die ARD um 20.15 Uhr das aufwändige Auswanderer-Epos "Der Club der singenden Metzger". Ob sich das Einschalten lohnt und in welchem Licht das Fleischerhandwerk darin erscheint, erfahren Sie in unserer Filmkritik.

"Das Handwerk bringt dich überall hin", lautet ein vielzitierter Slogan aus der Imagekampagne des deutschen Handwerks – und Beispiele dafür gibt es zuhauf. Egal ob als Zimmerer auf der Walz, als Uhrenbauer in Mekka oder als Steinmetz im Campus Galli: Mit dem Gesellen- oder Meisterbrief in der Tasche stehen Handwerkern alle Türen der Welt offen. Im Ausland genießt "Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan." nämlich einen ausgezeichneten Ruf – und das bereits seit vielen Jahrzehnten.

Eine solche Erfolgsgeschichte erzählt auch Starregisseur Uli Edel ("Der Baader Meinhof Komplex") in seinem knapp dreistündigen Auswanderer-Epos "Der Club der singenden Metzger", das am 27. Dezember zur besten Sendezeit am Freitagabend im Ersten ausgestrahlt wird: In der gelungenen Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers der US-Amerikanerin Louise Erdrich wagt ein junger Metzgermeister aus dem schwäbischen Ludwigsruhe nach dem Ersten Weltkrieg den Sprung über den "großen Teich" und erobert die Herzen seiner amerikanischen Kundschaft mit deutschen Wurstkreationen im Sturm.

Es war einmal… ein Metzger in Amerika

Gerade erst traumatisiert von der Front des Ersten Weltkriegs in sein schwäbisches Heimatdorf zurückgekehrt, trifft der körperlich unversehrte Metzgermeister Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) zwei Entscheidungen, die sein Leben verändern: Seinem gefallenen Kameraden Johannes erfüllt er seinen letzten Wunsch und heiratet dessen schwangere Verlobte Eva (Leonie Benesch) – und weil er in der traditionsreichen Metzgerei seiner Eltern in der von Armut geprägten Nachkriegszeit keine Zukunft sieht, wandert er mit dem Schiff nach Amerika aus, um dort eine Fleischerei zu gründen. Seine Familie will er später nachholen. Fidelis‘ Startkapital für die "Neue Welt" ist eine Kiste mit Würsten, die Messer seines Vaters (Jürgen Hartmann) und seine geheimen Rezepte. Sein Reisebudget reicht bis North Dakota.

In das kleine Westernstädtchen Argus verschlägt es auch die Hamburger Zirkusartistin Delphine (Aylin Tezel), die mit ihrem Vater, dem alkoholkranken Clown Robert (Sylvester Groth), ebenfalls ausgewandert ist und vor Ort den Indianer und Artisten Cyprian (Vladimir Korneev) kennenlernt, mit dem sie ein neues Showprogramm einstudiert. Um sein Heimweh zu lindern, gründet Fidelis einen deutschen Gesangsverein – und als Eva später mit dem Kind und der argwöhnischen Tante Lore (Therese Hämer) nachkommt, vermisst sie es ebenfalls schmerzlich, ihre Muttersprache zu sprechen. Als sich Fidelis und Delphine zufällig kennenlernen, stellt er die junge Artistin als Verkäuferin bei sich ein – und ahnt noch nicht, wie sehr er ihre Unterstützung brauchen wird…

Echtes Metzgerhandwerk statt ausufernder Chorproben

Wer mit Musicalverfilmungen und ähnlichen Filmformaten nicht anfangen kann, dem sei sogleich Entwarnung gegeben: Der Filmtitel "Der Club der singenden Metzger" täuscht erheblich! Wie in Louise Erdrichs 500 Seiten starker Romanvorlage, die die Drehbuchautorinnen Doris Dörrie und Ruth Stadler recht originalgetreu adaptiert haben, spielt das gemeinsame Singen im Dorf nur eine untergeordnete Rolle. Die Chorproben nehmen in dem knapp dreistündigen Fernsehfilm nur wenige Minuten Zeit in Anspruch – stattdessen verwenden die Filmemacher den stimmungsvollen Gesang oft als Soundtrack, während die Geschichte weitererzählt wird. Von "Muss i denn zum Städtele hinaus" über "Die Vogelhochzeit" und "Kein schöner Land in dieser Zeit" sind viele bekannte Volkslieder dabei.

Der Club der singenden Metzger

Viel interessanter als die Proben des Männerchors gestaltet sich ohnehin das, was der erstklassig ausgebildete Metzgermeister Fidelis mit seinen Messern und seinen Händen anstellt: Nach einem kurzen Gastspiel beim groben polnischen Fleischer Kozka (Maciej Salamon), der seiner deutschen Handwerkskunst um Längen unterlegen ist und seine Kundschaft schnell an den neuen "German Butcher Shop" seines Ex-Mitarbeiters verliert, stellt Fidelis in Argus sein ganzes Können unter Beweis. Ein Schwein schlachtet er zum Staunen der Dorfbewohner vor einem Spiegel, um dem Tier die Angst zu nehmen, die geheime Gewürzmischung seiner Eltern hütet er wie seinen Augapfel und beim Anblick seiner leckeren Wurstkreationen läuft einem beim Zuschauen förmlich das Wasser im Mund zusammen (wenn man denn nicht Vegetarier ist). Artistin Delphine hingegen tut sich anfangs in Amerika schwer – sie hat eben keinen Meisterbrief in der Tasche.

Ein Loblied auf den Meister – und ganz schön schlechtes Schwäbisch

"Wer hätte gedacht, dass es in der Neuen Welt ohne dich keine gute Wurscht gäb", macht die nachgereiste Eva ihrem Mann Fidelis dann auch ein wunderbares Kompliment – es ist nur eines von unzähligen Beispielen dafür, in welch positives Licht die Filmemacher das Fleischerhandwerk und den deutschen Meisterbrief als "Exportschlager" rücken, ohne dabei zu dick aufzutragen. In Zeiten unzähliger 08/15-Krimis oder belangloser Krankenhausserien, die im Fernsehen fast täglich rauf und runter laufen, ist das gleich doppelt erfreulich: Die 130 Ausbildungsberufe des Handwerks finden in solcher Ausführlichkeit nur selten den Weg auf die Mattscheibe – und im Lebensmittelhandwerk ist der Fachkräftemangel bekanntlich am größten.

Zugleich steht Evas Kompliment aber auch exemplarisch dafür, was vor allem waschechte Schwaben an Uli Edels Romanverfilmung stören dürfte: Keiner der Darsteller, die im Film die Hauptfiguren aus dem "Ländle" spielen, ist auch wirklich dort geboren. Jonas Nay stammt aus Lübeck, Leonie Benesch aus Hamburg und Therese Hämer aus Kassel – und das ist ihnen leider auch anzuhören. Wer des Englischen nicht mächtig ist, muss außerdem viele Untertitel lesen – die Dialoge wechseln pausenlos zwischen schwachem Schwäbisch und radebrechendem Englisch, das bei Fidelis‘ Besuch in der Bank ganz bewusst ( "I want… ähm… ich will mir was leihen." "You want a lion?"), manchmal aber auch unfreiwillig ( "Ai häf sam fräsch Leberwurst pripärt inse kitschen.") ins Komische abdriftet. Ein Schelm, wer dabei an eine berühmte Rede von Günther Oettinger denkt.

Überzeugende Schauspieler – und noch eine Handwerkerin

Diese verbalen Schönheitsfehler trüben den Spaß am Film aber nur bedingt, denn ansonsten geben sich die Filmemacher und der überzeugende Cast – allen voran die auch privat befreundeten, glänzend aufgelegten Leonie Benesch ("Babylon Berlin") und Aylin Tezel ("Tatort") – keine Blöße. Die westernähnliche Ausstattung bietet tolle Schauwerte, die Regie sorgt für manchen Spannungsmoment und die Änderungen im Vergleich zur Romanvorlage – Kenner des Buches müssen vor allem im Hinblick auf die Kinder der Waldvogels erhebliche Kürzungen in Kauf nehmen – straffen die Story sehr sinnvoll. Zugleich verleihen sie dem Drehbuch den dringend benötigten roten Faden, der dem bisweilen recht zäh geschriebenen Bestseller an mancher Stelle fehlt.

Erst am Ende stehlen sich die Drehbuchautorinnen mit unnötigem Kitsch und einem bemühten Running Gag um die Erfindung der "Hamburger" enttäuschend aus der Affäre – hier wäre weniger mehr und eine originalgetreue Adaption des Stoffes die bessere Wahl gewesen. Erfreulich ist aber, dass neben dem Metzgerhandwerk auch noch das Bestatterhandwerk im Film zu seinem Recht kommt: Delphines Freundin, die aufgeweckte Bestatterin Clarisse Straub (Claudia Kottal), darf eine Kostprobe ihres Könnens geben und nimmt auf die Geschichte entscheidenden Einfluss. Gestorben wird schließlich in beiden Gewerken – eine Gemeinsamkeit, die die Filmemacher sogar zum Anlass für eine pfiffig geschnittene Parallelmontage nehmen.

Wann und wo "Der Club der singenden Metzger" gezeigt wird

TV-Termin: Freitag, 27. Dezember 2019, 20.15 Uhr, Das Erste

Hier können Sie sich den Trailer zum Film ansehen.

 Weitere Informationen zum Film finden Sie hier.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten