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"Plusminus" zu Rückstellungen für Pfandflaschen TV-Kritik: Brauer fürchten die "tickende Pfandbombe"

Sie gehören zu den großen Sorgenkindern in der Corona-Krise. Brauereien, gerade die kleinen Handwerksbrauer, haben durch den Shutdown und die anschließende Konsumzurückhaltung seit März gravierende Einbußen hinnehmen müssen. Jetzt beschäftigte sich das ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" mit einer steuerrechtlichen Besonderheit, die weitere Löcher in die Kassen der Brauer reißen dürfte – bis hin zur möglichen Pleite.

Es ist ja nicht immer automatisch so, dass die öffentlich-rechtlichen Sender dem Mittelstand im allgemeinen und dem Handwerk im besonderen sehr wohlgesonnen wären. Ob "verbraucherfreundliche" Handwerker-Tests oder ausgiebige Berichte über die schwarzen Schafe der Branche - mitunter gibt es viel Kritik am Handwerk zu sehen.

Wenn das ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" einen Beitrag also mit der Zeile "Steuern auf Bierpfandflaschen - eine Schnapsidee" überschreibt, ist Aufmerksamkeit gefragt, denn hier scheint es einmal um eine Berichterstattung zu gehen, die sich nicht in erster Linie an den Bedürfnissen der Verbraucher orientiert. Und in der Tat: Das, was die ARD-Redakteure berichteten, verortet sich am besten irgendwo zwischen Schildbürgerstreich und knallharter Benachteiligung - und das liegt an einer Kombination des deutschen Pfand- und Steuersystems.

Der unbeleckte Zuschauer, der zwar gern mal ein Bierchen trinkt, sich aber über die Besonderheiten der Flasche, aus der er dies tut, in der Regel keine Gedanken macht, staunte in der Folge nicht schlecht: Es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen den normalen Einheits-Bierflaschen, die in den meisten Kisten stehen, und solchen, auf die Brauereien einen Schriftzug etwa mit ihrem Namen haben prägen lassen. Denn erstere befinden sich immer im Eigentum desjenigen, der sie gerade besitzt, also erst der abfüllenden Brauerei, dann des Händlers und schließlich des Verbrauchers. Die individuellen Flaschen dagegen bleiben stets Eigentum der Brauerei, die sie herstellen ließ.

Eine nicht besonders gut versteckte Steuererhöhung

Und weil das so ist, entschied der Bundesfinanzhof schon 2013 in einem Urteil, dass alle Rückstellungen, die für die normalen Feld-Wald-Wiesen-Flaschen im Rahmen des Pfandsystems gebildet werden und steuermindernd wirken, aufgelöst werden müssen. Nur die individuellen Flaschen sind davon nicht betroffen, da sie eben jederzeit der Brauerei gehören und somit für sie Rückstellungen gebildet werden dürfen. Jetzt will das Bundesfinanzministerium dieses Urteil endgültig umsetzen. Und weil die allermeisten Flaschen, gerade auch von kleineren Brauereien, eben nicht individuell hergestellt sind, handelt es sich für viele Brauereien um eine nicht besonders gut versteckte Steuererhöhung.

Wolfgang Koehler, Geschäftsführer der Darmstädter Privatbrauerei, eines Familienbetriebs, jedenfalls benannte in dem interessanten, wenn auch sehr komplexen und nicht leicht verständlichen Beitrag die Summe, die an zusätzlichen Steuerzahlungen auf ihn zukomme, mit etwa 150.000 bis 200.000 Euro. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, Holger Eichele, sekundierte: "Wir kennen Brauereien, die würden das finanziell nicht überleben." Und der Sprecher aus dem Off nannte die ganze Situation eine "tickende Pfandbombe".

Zynisch: Der Staat spielt sich als Helfer auf - und erhöht heimlich die Steuern

Das wird für zahlreiche Brauereien eine treffende Beschreibung der Realität sein. Denn derzeit sind gerade die kleineren Handwerksbrauer noch von einem Phänomen betroffen, das in der Sendung leider gar nicht vorkam: der Corona-Krise. Die wochenlangen Schließungen von Kneipen und Restaurants, das nun aktuell erst wieder verlängerte Verbot von größeren Veranstaltungen und die Kontaktbeschränkungen haben bei vielen Brauern ordentlich ins Kontor geschlagen. Da reichte zum Ausgleich auch der Auslandsmarkt nicht, auf dem es ja auch shutdownbedingt nach unten ging.

88 Prozent der deutschen Brauereien hätten im Verlauf der Krise Kurzarbeit angemeldet, heißt es vom Brauer-Bund, der Absatz sei bereits Ende April um etwa ein Viertel bis ein Drittel eingebrochen gewesen. In traditionellen Biergegenden wie der Fränkischen Schweiz zwischen Nürnberg, Bayreuth und Bamberg, wo alleine rund 70 Klein- und Kleinstbrauereien teils nur einige Hundert Hektoliter pro Jahr brauen, geht mancherorts die blanke Angst um, wie es weitergehen soll. Denn auch nach dem Shutdown schauen viele verunsicherte Kunden kurzarbeits- oder arbeitslosigkeitsbedingt aufs Geld - und setzen den Rotstift natürlich vornehmlich beim Gang in den Biergarten oder ins Restaurant an.

Verkraften können das indes eher die großen, international orientierten Brauereikonzerne, die Hektoliter-Giganten, in denen schon lange kein Handwerk mehr praktiziert wird - und nicht die kleinen Handwerksbetriebe. Und jetzt auch noch die verkappten Steuererhöhungen, in einer Zeit, da der Staat sich als Helfer aufspielt und den Unternehmen vollmundig verspricht, ihnen in Form etwa von Überbrückungshilfen unter die Arme zu greifen - das klingt jedenfalls eher zynisch. Schade, dass dieser wichtige Aspekt keinen Eingang in die ansonsten gute Reportage fand.

Mehr Umweltbelastung, mehr Dosenbier - oder beides?

Dafür deckten die Reporter noch einen weiteren Effekt auf, den die neue Regelung mit sich bringt: einen negativen für die Umwelt. Denn wenn es die kleinen Brauer über die Corona-Zeit schaffen, Geld in die Hand nehmen und künftig auf die steuerbegünstigten individuellen Flaschen setzen, denn führt das im Rahmen des deutschen Pfandsystems zu deutlich längeren Rücklieferungen dieser Flaschen an die jeweiligen Brauereien. Denn sie müssen - da Eigentum der Brauerei - immer dorthin zurückkehren, während die Standard-Flaschen flexibel jeweils immer von Brauerei zu Brauerei weitergegeben werden.

Wenn sie denn abgegeben werden und nicht vorzeitig im Glasmüll landen, dürften durch ganz Deutschland dann noch mehr LKW mit speziellen Flaschen an Bord rollen - keine gute Entwicklung für die Umwelt und die Verkehrslast auf den Straßen. Oder es würde gleich wieder vermehrt auf Dosenbier und damit Einweg gesetzt. Schlecht für die Umwelt, den Gaumen - und die bislang vorbildliche Mehrwegquote der Bierbrauer von rund 80 Prozent. Da wirkte es geradezu paradox, dass das Bundesfinanzministerium sich der ARD gegenüber lapidar äußerte, die Anwendung der neuen Grundsätze ließen maximal sehr geringe Auswirkungen auf die Bierbranche erwarten.

Der Ärger und die Kosten, die die Brauer zudem heute schon beim händischen Aussortieren individueller Flaschen aus den Kisten haben, erwähnte der Beitrag schließlich nur noch am Rande. Und dieser Aspekt ist wohl auch die kleinste Belastung. Denn angesichts des unheilvollen Zusammenspiels von Pfand- und Steuersystem sowie der alles überlagernden Corona-Krise geht es vielerorts bald wohl nicht um solche Details, sondern schlichtweg darum, ob die kleine Brauerei im Ort überhaupt noch weiter existiert - mit all ihrer kulinarischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung.

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