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TV-Kritik: TV-Kritik: NDR - „Typisch!“ über einen Bäcker ohne Laden TV-Bericht: So funktioniert das Geschäftsmodell mobile Bäckerei

Ein Bäcker ohne Ladengeschäft? Das kann funktionieren, wie eine Reportage des NDR in der Reihe "Typisch" zeigte. Georg Oetzmann aus Edendorf in der Lüneburger Heide setzt auf den mobilen Verkauf - und auf handwerkliche Qualität ohne Fertigmischungen. Eine sehenswerte, aber mitunter doch ein wenig sentimentale Reportage.

Eigentlich hatte Georg Oetzmann seinen Frieden mit der Tatsache gemacht, dass er wohl keinen Nachfolger für seine Bäckerei finden würde. Er selbst hatte den Betrieb bereits mit 19 Jahren von seinem Vater übernommen und lange ohne einen einzigen Gesellen gearbeitet, hat selbst allerdings keine Kinder, und so war die klassischen Unternehmensnachfolge von vornherein nicht möglich. Doch als sein Neffe Marten zusagte, in den Betrieb einzusteigen, eine Bäckerlehre anfing und dafür sein Elektrotechnik-Studium abbrach, änderten sich die Dinge. Jetzt hat Oetzmanns Betrieb eine langfristige Perspektive - und damit auch sein spezielles Geschäftsmodell.

"Ein ganz anderes Verhältnis zu den Kunden"

Der Bäcker aus Norddeutschland verkauft seine Waren nämlich nicht in einem eigenen Laden, sondern ist mit mehreren mobilen Wagen unterwegs auf "Brottour", wie er es nennt, also an verschiedenen Tagen und unterschiedlichen Orten in seiner Region. Zudem steht er auf Märkten und verkauft auch dort erfolgreich seine Backwaren. Ein Onlinehandel rundet das Vertriebsportfolio ab. Wenn spontan irgendwo auf der Tour Bedarf ist, hält der Wagen auch mal außerplanmäßig. "Hier fährt man bei den Kunden auf den Hof", sagt Oetzmann an einem abgelegenen Hof, den der Betrieb seit mehr als 100 Jahren versorgt. "So haben wir einen ganz anderen Anschluss und ein ganz anderes Verhältnis zu den Kunden." Die goutieren es mit einer regen Nachfrage.

Irmchen, die gute Seele

Und auch sonst ist in dem Betrieb in der Lüneburger Heide manches besonders. Irmchen, Oetzmanns Tante, ist mit 82 Jahren der gute Geist des Unternehmens. Sie hat den heutigen Chef nach dem Tod von dessen Mutter mit großgezogen und kümmert sich heute noch um die hauseigene Pension. Mit Sätzen über sich selbst, wie "wenn’s auch hier und da mal zwickt, aber die Klappe geht immer noch ganz gut", sorgt sie für gute Stimmung im Unternehmen. Ohne sie, heißt es an einer Stelle der Reportage, hätte der Familienbetrieb nicht überlebt. Und auch heute muss sich der Bäckermeister immer mal etwas Neues einfallen lassen, um am Puls der Zeit zu bleiben - wobei ihn sein junger Nachfolger kompetent unterstützt. Die enge Zusammenarbeit mit Bauern und Müllern in der Region, durch die auch spezielle Brotsorten, etwa solche mit eigenem Dinkelmehl, möglich werden, gehört zu den Spezialitäten, die den Betrieb erfolgreich sein lassen.

So manche Frage bleibt offen

Dabei ist es nicht so, dass die Probleme, die im Lebensmittelhandwerk an der Tagesordnung sind, an Oetzmann spurlos vorbeigehen. Gerade auf dem Land haben es Bäcker oder Metzger auch mit der sinkenden Bevölkerungszahl und damit einer abnehmenden Zahl potenzieller Kunden zu tun, zudem mit sich verändernden Lebens- und Einkaufsgewohnheiten und der Konkurrenz durch Discounter und Supermärkte - und die Arbeitszeiten sind auch bei einem mobilen Bäcker nicht die allerbesten. Und auch wenn Oetzmann all dem mit dem Fokus auf Qualität und Innovation begegnet, kamen all diese Herausforderungen in der ansonsten sehenswerten Reportage insgesamt ein wenig zu kurz. Die eine oder andere Darstellung mutete dann doch geradezu paradiesisch an, und die Frage, inwieweit solche Geschäftsmodelle etwa auch in einem anderen Kontext, etwa im städtischen Bereich und damit für eine größere Zahl an Unternehmen taugen und erfolgreich sein können, wurde ebenfalls nicht gestellt.

So blieb am Ende eine halbe Stunde Fernsehen, die gut fürs Handwerker- und vor allem Bäckerherz war, sauber produziert und in schönen, teils sentimentalen Bildern eingefangen, deren Inhalte aber wohl doch nicht als prototypisch für den breiten Querschnitt der Bäckerszunft angesehen werden sollten.

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