Gesundheit -

Handwerker setzt Standards Gehörschutz mit Sprachfilter: Der Türsteher fürs Ohr

Der Gehörschutz und die ICP-Hörgeräte der Firma Hörluchs sperren Lärm aus und lassen Sprache durch. Hörgeräteakustiker Thomas Meyer hat eine Lösung für schwerhörige Mitarbeiter an Lärmarbeitsplätzen gefunden, die mittlerweile auch von den Berufsgenossenschaften anerkannt ist.

Hörgeräteakustiker Thomas Meyer
Thomas Meyer strahlt: Das von ihm entwickelte Hörsystem ist einmalig und gewinnt einen Preis nach dem anderen. -

Wer in Lärmbereichen arbeitet, muss seine Ohren schützen. Für Gesunde heißt das, ab 85 dB(A) durchschnittlicher Lärmbelastung muss ein Gehörschutz auf die Ohren. Für Menschen mit einer Hörminderung beginnt die Tragepflicht von Gehörschutz schon bei 80 dB(A). Für Hörbehinderte war das lange Jahre auch deshalb ein Problem, weil sie unter dem Gehörschutz keine Hörgeräte tragen durften. Herkömmliche Hörgeräte verstärkten unter der Kapsel den Schall, so dass die Gefahr bestand, dass sich die Hörschädigung noch verschlimmerte. Für die Betroffenen bedeutete das ein Dilemma, denn ohne Hörgeräte und mit Gehörschutz war für sie Kommunikation und damit vernünftiges Arbeiten nahezu unmöglich.

Diese zusätzliche Einschränkung von Menschen mit einer Schwerhörigkeit ist nun anerkanntermaßen vorbei: Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) hat ein spezielles Prüfverfahren entwickelt, mit dem sich feststellen lässt, ob ein Hörgerät gleichzeitig auch als Gehörschutz funktioniert. Die Kosten für ein solch spezielles Hörgerät können die Berufsgenossenschaften übernehmen, wenn der Betroffene eine anerkannte, beruflich verursachte Lärmschwerhörigkeit hat.

Den Weg hierfür hat ein Handwerker aus Hersbruck in Mittelfranken geebnet. "Unser Hörsystem ist bis heute weltweit das Einzige mit EU-Zulassung für den Lärmarbeitsplatz. Die Nutzer können es sowohl bei der Arbeit als auch zu Hause tragen", erklärt Erfinder Thomas Meyer, Geschäftsführer von Hörluchs, stolz.

In Forschungsarbeit hineingerutscht

Hätte Meyer allerdings gewusst, was auf ihn zukommt, hätte er sich wohl nicht an diese Erfindung herangetraut. Heute lacht der Hörgeräteakustikmeister darüber: "Ich war sehr blauäugig." Eine Betriebsärztin hatte ihn angesprochen: Ein Meister aus dem von ihr betreuten Industriebetrieb trug ein Hörgerät, arbeitete aber an einem Lärmarbeitsplatz, wo Hörgeräte nicht zugelassen waren. Ohne die Hörhilfe und zusätzlich durch Gehörschutz gegen den Lärm von der Außenwelt abgeschnitten, konnte der Mann seine Arbeit nicht mehr ausführen.

"Ich fand, dafür muss es eine Lösung geben und fing an zu tüfteln", beschreibt Meyer, wie er in die Forschungsarbeit hineinrutschte. Er musste nicht nur herausfinden, wie ein Hörgerät schädlichen Lärm ausblenden und gleichzeitig wichtige Informationen wie Sprache durchlassen kann. Beinahe ebenso schwierig war im Anschluss der Hindernislauf durch das Zulassungsverfahren – selbst Gesetze mussten für sein ICP-Hörgerät (Insulating Communication Plastic) geändert werden, denn bis dahin galt grundsätzlich: Keine Hörgeräte am Lärm­arbeitsplatz.

Ungezählte Arbeitsstunden und 400.000 Euro investiert

Hörsystem von Hörluchs
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Trotz ungezählter Arbeitsstunden und 400.000 investierten Euro sind Meyer und sein Co-Geschäftsführer Norbert Deinhard heute froh. Das Zulassungsverfahren, das speziell für ihre Erfindung entwickelt wurde, ist jetzt Standard. Mittlerweile hat sich auch der Kundenkreis der Firma ausgeweitet. Das Unternehmen hat 500 Lizenzträger, 1.500 Hörgerätefilialen geben das spezielle Hörgerät ab.

Die Tatsache, dass der potenzielle Kundenkreis für die speziellen Hörsysteme relativ klein ist, bedeutet für Hörluchs auch einen Schutz: Für die Industrie war die aufwändige Entwicklung eines solchen Geräts bisher nicht lukrativ. Meyer und Deinhard sind nach wie vor einziger Anbieter am Markt.

Um dennoch nicht ganz vom Erfolg des Hörsystems abzuhängen, suchten sie nach einem weiteren Standbein: Sie entwickelten einen angepassten Schutz für alle, die ihr Gehör vor Lärm schützen müssen, die aber gleichzeitig noch Sprache, Warnsignale oder Musik hören wollen. "Heute ist der Gehörschutz mit Filtertechnik Hauptumsatzträger unserer Firma", erklärt Meyer. Interessenten gehen zu ihrem Akustiker vor Ort und lassen dort einen Abdruck ihres Gehörgangs machen. Anhand dieser Vorlage stellt Hörluchs den maßgefertigten Gehörschutz her.

Die im Vergleich zu Einweg-Produkten höheren Kosten amortisieren sich laut Hörluchs am Lärmarbeitsplatz nach eineinhalb Jahren. "Bei sechs Jahren Lebensdauer des angepassten Gehörschutzes spart sich der Träger sogar Geld", rechnet Meyer vor. Die Jahre der Tüftelei haben sich für die Firma gelohnt. Aus dem 2-Mann-Betrieb im Jahr 2010 ist heute ein 19-Mann-Unternehmen geworden, das einen Preis nach dem anderen für seine Erfindungen einfährt, zuletzt den Deutschen Arbeitsschutzpreis 2013.

Laut Statistik trugen 2014 in Deutschland rund 1,9 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter ein Hörgerät.

Weitere Informationen: hoerluchs.com und auf baua.de.

Taub vor lauter Arbeit

Rund fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland bei gesundheitsgefährdendem Lärm. Maschinengeräusche, Knalleffekte, aber auch Dauergeräusche belasten den Organismus. Am auffälligsten reagiert das Gehör. Schädigungen entstehen entweder allmählich durch dauerhaften Lärm oder aber plötzlich durch einen einzelnen Knalleffekt von über 140 Dezibel. Lärmschwerhörigkeit ist irreparabel und kann als Berufskrankheit anerkannt werden.

Neben dem Gehör leidet auch der Gesundheitszustand unter Lärm. Der Stress steigt, das erhöht auf Dauer die Gefahr von Erkrankungen des Herz-Kreislauf- oder des Verdauungssystems. Hinzu kommt das Unfallrisiko: Bei Lärm sinkt die Konzentration, man macht mehr Fehler und läuft Gefahr, Signale und Warnrufe zu überhören.
Wie der Einzelne Lärm verkraftet, hängt nicht nur von der Schallintensität ab, sondern auch von Begleitumständen: Arbeitshaltung, Tageszeit, Umgebungstemperatur oder Schwingungen können die Wirkung von Lärm auf den Körper verstärken.

Zum Schutz vor übermäßigem Lärm gelten gesetzliche Regelungen: Arbeitgeber müssen sich an die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung, die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge und die Arbeitsstättenverordnung halten. Im Durchschnitt eines achtstündigen Arbeitstages dürfen Mitarbeiter nicht mehr als 80 bzw. 85 dB(A) ausgesetzt werden. Die Spitzen dürfen 135 bzw. 137 dB(C) nicht überschreiten. Sind die Werte höher, obwohl alles getan wurde, um die Lärmquellen zu mindern, muss den Mitarbeitern ein Gehörschutz zur Verfügung gestellt werden.

Hersteller von Maschinen, Produkten oder Geräten, die Geräusche verursachen, müssen sich nach dem Produktsicherheitsgesetz richten.

Gesetze und Verordnungen finden Sie unter:

gesetze-im-internet.de/l_rmvibrationsarbschv

gesetze-im-internet.de/arbmedvv

gesetze-im-internet.de/bundesrecht/arbst_ttv_2004/gesamt.pdf

gesetze-im-internet.de/prodsg_2011

Dieser Artikel wurde am 27. April 2015 aktualisiert.
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