Meisterstücke -

Erster elektrischer Bestattungswagen Trauerfahrt im Tesla

Luxuriöse Bestattungsfahrzeuge auf Mercedes-Basis sind die Spezialität der Firma Binz. Nun kommt mit dem Binz.E das weltweite erste elektrische Serienmodell auf den Markt – ein umgebauter Tesla.

Es kommt nicht oft vor, dass die Tagesschau ihren angestammten Sendeplatz um 20 Uhr räumen muss. Am 1. Juli 2017 war so ein Tag. Fast 2,5 Millionen Fernsehzuschauer verfolgten die Trauerzeremonie für Helmut Kohl, die bis nach 20 Uhr andauerte. Seine letzte Reise trat der Altbundeskanzler in einer umgebauten Mercedes-E-Klasse an, auf dessen Kühlergrill nicht der bekannte Stern, sondern ein großes B prangte.

Das B ist das Markenzeichen der Firma Binz, einem Fahrzeugbauer aus dem württembergischen Lorch, der sich auf Bestattungswagen spezialisiert hat. Binz gilt im Bestatterhandwerk als erste Adresse, wenn es um luxuriöse Fahrzeugumbauten geht. Seit Jahrzehnten ist das 1936 als Lorcher Karosseriefabrik Binz gegründete Unternehmen Marktführer in seinem Segment. Neben dem Kerngeschäft werden in den Werkstätten von Binz auch Begleit- und Behördenfahrzeuge für Staats- und Regierungsorganisationen gefertigt.

Keine Werbung mit Promis

Gegenüber seinen Geschäftspartnern legt Binz-Chef Thomas Amm viel Wert auf eine diskrete Zusammenarbeit. Es verstehe sich von selbst, prestigeträchtige Aufträge wie Helmut Kohls Trauerfeier nicht für eigene Marketingzwecke zu nutzen. "Das gehört sich einfach nicht", sagt Amm, der weiß, wovon er spricht. Vor seinem Wechsel zu Binz war er 30 Jahre in der Bestattungsbranche tätig, unter anderem als Deutschland-Chef von Service Corporation International, dem größten Bestattungsunternehmen der Welt.

Weder auf der Webseite von Binz noch in Broschüren wird mit den "Promi"-Bestattungen geworben. Die Politik schätzt Binz deshalb als leisen und loyalen Partner. Die Anfrage des Bundesministeriums des Inneren anlässlich Helmut Kohl war nicht die erste ihrer Art. Auch bei den Staatsakten für Helmut Schmidt, Walter Scheel oder Roman Herzog waren Bestattungsfahrzeuge der Firma Binz im Einsatz.

Binz E-Klasse

Als Basis für seine Fahrzeuge nutzt das Unternehmen seit jeher Modelle aus dem Hause Daimler. Die lange Partnerschaft gründet nicht nur auf der räumlichen Nähe zum Daimler-Sitz in Stuttgart, sondern auch auf den beruflichen Anfängen von Firmengründer Michael Binz. Der gelernte Wagner war von 1906 bis 1919 bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in der Stellmacherei beschäftigt. Nach dem Schritt in die Selbständigkeit produzierte Binz zunächst Kastenaufbauten für Lastwagen von Mercedes-Benz. Später kamen unter anderem Ambulanzfahrzeuge auf Basis von Mercedes-Fahrgestellen hinzu.

Bis heute steht Binz aber vor allem für seine luxuriösen Bestattungsfahrzeuge. Erst vor ein paar Wochen wurde ein neues Binz-Modell auf Basis der im vergangenen Jahr eingeführten E-Klasse W213 vorgestellt. Durch die Auf- und Umbauarbeiten ist der Bestattungswagen stattliche 5,80 Meter lang und kostet einen sechsstelligen Betrag – doppelt so viel wie eine handelsübliche E-Klasse.

E-Klasse unterm Messer

Der Preis hat seinen Grund. Der Umbau eines Pkw zum Bestattungsfahrzeug in den Werkstätten von Binz dauert acht Wochen. Die teure Limousine wird in der Mitte auseinandergeschnitten und mit einem Zwischenstück und einem Aufbau im Fond versehen und danach wieder zusammengeschweißt. Nur so ist es möglich, ausreichend Platz für das wichtigste Transportgut des Bestattungswagens zu schaffen – den Sarg. Damit sich das fast sechs Meter lange Gefährt ohne unnötiges Zusatzgewicht sicher zum Friedhof manövrieren lässt, verbaut Binz vor allem Leichtbaustoffe.

Der Innenraum ist mit edlen Hölzern und indirekter Beleuchtung ausgestattet, um die Reise so vornehm wie möglich zu machen. Passend zum Gesamtkonzept von Binz wird jeder verkaufte Wagen persönlich auf einer Bühne in einer kleinen Präsentation überreicht. Amm weiß, dass er seine Kunden vor allem eines bieten muss: Exklusivität. Nur dann sind Bestatter bereit, ein kleines Vermögen bei Binz auszugeben. Amm selbst lebt diese Philosophie vor. Stets tritt er im eleganten Anzug auf, beim Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung stilecht mit rotem Einstecktuch.

Doch allein auf seine Tradition und die loyale Kundschaft will sich Amm nicht verlassen. Sehr genau verfolgt er die politische Debatte zu Fahrverboten für Verbrennermotoren – die auch Binz treffen könnte.

Lautlos zum Friedhof

Seine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist bereits fertig. Der Binz.E – das weltweite erste vollelektrische Bestattungsfahrzeug in Serie – kommt gerade auf den Markt. Damit will Binz zukunftsfähig bleiben und sich zugleich ein Stück unabhängiger machen.

Binz hat sich dafür keinen geringeren als US-Autobauer Tesla zum Partner gemacht. Aus seiner Sicht passen die Eigenschaften der Tesla-Limousine Model S ideal zu den Bedürfnissen im Bestatterhandwerk: "Keine Geräusche, keine Abgase – wie geschaffen für die Fahrt zum Friedhof", schwärmt Amm.

Mit dem neuen Modell soll auch eine nachkommende Generation an Bestattern begeistert werden, die das digitale Konzept des Fahrzeugs interessiert und ihrer Branche damit ein moderneres Image verleihen will. Denn eigentlich, so Amm, sei der Tesla ein schicker Computer auf vier Rädern.

Binz.E - Innenraum

"Der große Touchscreen in der Mittelkonsole des Model S in Verbindung mit einem LTE-Modul ermöglicht es zum Beispiel, mit einem Klick Trauermusik abzuspielen oder während der Standzeiten seine E-Mails zu lesen."

Für Binz ist die E-Mobilität aber auch ein Wagnis. Mit dem Einkauf der Fahrzeuge ist es nicht getan. Das Unternehmen muss einen Teil seiner 80 M itarbeiter fit für die Elektromobilität machen und in Weiterbildungen investieren. Der Aufbau eines Tesla unterscheide sich grundlegend von dem einer E-Klasse. "Mein Personal muss wissen, wie man ein Auto mit Akkus im Boden auseinanderschneidet", nennt Amm als Beispiel.

Der aufwendige Umbau zum Bestattungsfahrzeug treibt den ohnehin schon hohen Preis eines Tesla in die Höhe. Etwa 200.000 Euro kostet das Modell.

Viel Geld, das aus Sicht von Amm aber gut angelegt ist. "Mit diesem Fahrzeug haben Bestatter ein absolutes Alleinstellungsmerkmal", sagt Amm. Zudem, rechnet der Binz-Chef vor, müssten Interessenten die Gesamtkosten über eine Nutzungsdauer von etwa 10 Jahren betrachten. "Die Einsparungen bei den Verschleißteilen und Verbrauchskosten machen den Binz E auf lange Sicht kaum teurer als den Mercedes."

Amm hat keinen Zweifel, dass der Plan aufgeht. Dafür spreche das große Interesse seiner Kunden und der Medien: "Die ganze Welt berichtet über dieses Auto", sagt Amm und zupft sein Einstecktuch zurecht.

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