Stuttgart -

Treffen mit Europapolitiker „Trauen Sie sich was zu, mischen Sie sich ein“

Wie schaffen es 751 Abgeordnete aus 28 EU-Staaten, sich in Sachen Flüchtlingsströme oder Schuldenkrise zu einigen? Das erfuhren Auszubildende und Studenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg vom Vizepräsidenten des Europaparlaments, Rainer Wieland.

Begleitet von Jürgen Schäfer, Geschäftsführer von Handwerk International, reisten 50 angehende Fachkräfte im Handwerk im Dezember nach Straßburg und durften hinter die Kulissen blicken.

Politik-Highlight hautnah

„Wir wollen Azubis mit hervorragenden Zwischenprüfungen und angehenden Betriebswirten im Hand-werk die Chance bieten, handwerkspolitische Themen aus europäischer Sicht zu betrachten und alle Fragen zu stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen“, erklärte Jürgen Schäfer.

Von der Besuchertribüne aus ­erlebte die Gruppe gleich zum Auftakt einen politischen Höhepunkt: Ensaf Haidar nahm den Sacharow-Preis stellvertretend für ihren inhaftierten Ehemann, den saudischen Menschenrechtsaktivist Raif Badawi, entgegen. Zuvor würdigte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz den Preisträger: „Raif Badawi ist eine Symbolfigur für alle, die in der Welt für Grundrechte kämpfen.“

Arbeitsteilige Gesellschaft


Danach gewährte Rainer Wieland seinen Gästen Einblick in den Alltag eines Berufspolitikers. Der 58-Jährige ist seit 1997 Europaabgeordneter für die Region Stuttgart und die Stadt Heilbronn und gehört zur EPP, der European People’s Party (Christian Democrats). Momentan ist der Gerlinger Mitglied des Entwicklungsausschusses und des Ausschusses für konstitutionelle Fragen. „Wenn wir zum Beispiel Gesetzesvorhaben diskutieren, wird so lange um Details und Formulierungen gerungen, bis das Papier mehrheitsfähig ist.“

Offen gibt der Politiker aber zu: „Ich kenne mich in meinen Fachgebieten aus. Bei anderen Themen verlasse ich mich auf die Meinung meiner Fraktionskollegen.“ Sich alles selbst anzueignen, sei schlichtweg nicht möglich. „Wir sind arbeitsteilig organisiert.“ Diese Auffassung befremdete den 25-jährigen Studenten Johannes Regner, der für den Studiengang BWL-Handwerk von Nürnberg nach Stuttgart kommt: „Ich hoffe, dass
alle Abgeordneten sich vorbereiten und nicht nur blind der Fraktion ­folgen.“

Ein Politiker bezieht Position

Zerbricht die europäische Gemeinschaft an der Flüchtlingskrise? Dies beschäftigt auch die Azubis und Studenten aus der Region Stuttgart. Wieland plädiert für eine europäische Flüchtlingsquote. Zwingend erforderlich sei eine lückenlose Registrierung der Flüchtlinge: „Menschen aus Kriegsgebieten brauchen unseren Schutz, aber mehr als 50 Prozent sind Wirtschaftsflüchtlinge.“

Für wie wahrscheinlich Wieland es halte, dass Griechenland aus dem Euro aussteigen müsse, wollte der 26-jährige Julian Schulze, Student der Dualen Hochschule, der in der elterlichen Bäckerei in Urbach seine Praxisphasen absolviert, wissen. Der Abgeordnete gab sich optimistisch: „Wir können das mit Griechenland hinbekommen.“

Engagieren und einmischen

Für die Azubis und Studenten hatte das frühere engagierte Junge-Union-Mitglied Wieland eine wichtige Botschaft: „Trauen Sie sich was zu, auch mit Blick auf eine Selbstständigkeit als Unternehmer, und mischen Sie sich ein.“ Möglichkeiten gebe es zuhauf, ob bei den Innungen, der Handwerkskammer oder der Partei-Jugend. Das steigere auch die Sozialkompetenz. Denn „allein kommt man schnell vorwärts, aber weit kommt man nur gemeinsam“.

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