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Werkstatt statt Schulbank Traditionelle Praxis, moderne Lösungen: Geschichten aus der Meisterschule

Die Vereinbarkeit der traditionellen handwerklichen Praxis und der modernen Strukturen der heutigen Zeit schafft ein Ausbilder des Bildungszentrums Würzburg täglich. Meisterschüler und Nachwuchshandwerker, die er unter seine Fittiche nimmt, haben Erfolg. Doch was genau verschafft der Meisterschule so einen Bekanntheitsgrad?

500 bis 600 Kursteilnehmer kommen täglich unter seinem Dach zusammen, neue Gesichter in jeder Woche. Bernd Bratek leitet das Bildungszentrum Würzburg, in dem betriebliche Aus- und Weiterbildung stattfindet. Das Institut zeigt, wie vielfältig und praxisnah die Ausbildung im Handwerk aussieht.

Man kann die Anstrengung der Meisterschüler geradezu spüren, nichts soll in diesen Momenten schiefgehen. Vier Schweißkabinen befinden sich in der Ausbildungswerkstatt des Bildungszentrums Würzburg, die Eingänge sind jeweils mit roten Streifenvorhängen aus Plastik geschützt. Von außen sieht man nicht, was innen gerade passiert. Plötzlich ist ein Zischen zu hören: Ein Schüler hält sein Werkstück nach dem Schweißen in eine Wanne mit Wasser, um es abzukühlen. "Aufgrund des Materials muss man beim Aluminiumschweißen schnell arbeiten, was die Aufgabe anspruchsvoll macht", erläutert Bernd Bratek, Leiter des Bildungszentrums Würzburg.

Vier Schweißverfahren werden hier unterrichtet. Der Ausbildungsmeister für Schweißlehrgänge, Olaf Sturm, erzählt: "Gerade findet hier Prüfungsvorbereitung statt, das Aluminiumschweißen einer Arbeitsprobe ist dabei eine typische Aufgabe in der Spengler-Meisterschule." Sturm ist bereits seit Juli 1988 am Institut angestellt. "Nach all den Jahren begeistert mich noch immer das Arbeiten mit jungen Menschen", sagt er. " Eigenes Fachwissen weiterzugeben ist toll, das ist mir so in meiner Lehre nicht widerfahren."

Im Würzburger Bildungszentrum kommen Handwerker zusammen

Insgesamt befinden sich acht Meisterschulen unter dem Dach des Würzburger Bildungszentrums. Damit ist das Institut die größte Bildungseinrichtung des unterfränkischen Handwerks. Neben den Spengler-Schülern erwerben auch Schreiner, Kfz-Techniker, Installateur- und Heizungsbauer, Uhrmacher, Gold- und Silberschmiede, Friseure und Bäcker in Würzburg ihren Meistertitel. Die Spengler-Meisterschule hat laut Bratek " bundesweit einen hervorragenden Ruf und Meisteranwärter aus ganz Deutschland kommen nach Würzburg, um an den Kursen teilzunehmen". Ähnlich verhalte es sich mit den Meisterschülern aus dem Uhrmacherhandwerk. Die anderen Meisterschulen haben einen stärkeren regionalen Bezug, die Schüler kommen aus dem Großraum Würzburg, Kitzingen und der Region Main-Spessart.

Kleine Klassen ermöglichen effektives Arbeiten

Die Hälfte der 500 bis 600 Kursteilnehmer, die sich jeden Tag in Würzburg weiterbilden, sind jedoch keine Meister-Schüler sondern Auszubildende. Die überbetriebliche Ausbildung findet ergänzend zur Berufsschule statt und stellt einen festen Bestandteil im dualen Ausbildungssystem dar. Kleine Klassen mit maximal zwölf Teilnehmern, wiederum unterteilt in Zweier- oder Dreier-Gruppen, ermöglichen "effektives Arbeiten, eine gute Lernstruktur und den hohen Praxisbezug", führt Bratek aus.

Ob Holz oder Schulungsfahrzeug – genügend Übungsstücke gibt es

Denn durch praktische Übungen sei der Lernerfolg ein anderer. "Darum führen wir die Fehlersuche an realen Fahrzeugen durch", erklärt Rudolf Jones, der Ausbildungsmeister für Kraftfahrzeugtechnik, seinen Ausbildungsbereich. Er schildert: "Ohne Diagnosetechnik läuft heute gar nichts mehr. Mit deren Hilfe kreist man Fehler ein, bis die Fehlerursache lokalisiert ist." Ein geöffneter Ordner mit Schaltplänen, die in einzelne Klarsichtfolien gesteckt wurden, liegt neben ihm. Er wird verwendet, um Fehler zu überprüfen. So laufe aktuell auch die Prüfung ab, ergänzt Bratek. Im Bildungszentrum sind in fünf Kfz-Ausbildungswerkstätten über 40 Schulungsfahrzeuge verschiedenster Modelle und Ausstattungen untergebracht. Ein älterer Pkw steht mit geöffneter Motorhaube in einer Werkstatt, eine Gruppe Auszubildender im ersten Lehrjahr beugt sich über ihn und begutachtet die Fahrwerkstechnik. Der Geruch von Benzin und Motoröl liegt in der Luft. "Die älteren Fahrzeuge sind bei der Reparatur meist besser zugänglich. Bei allen Modellen hier handelt es sich um reine Schraubermodelle, die gehen im Laufe der Zeit auch kaputt", erklärt Jones.

Moderne Lösungen für moderne Anforderungen

Etwa 35 eigene Mitarbeiter sowie rund 200 freie Dozenten sind im Bildungszentrum in der beruflichen Aus- und Weiterbildung tätig. Die freien Dozenten werden bewusst eingesetzt, weil sie am Puls der Zeit sind und "aufgrund ihrer Kunden- und Marktnähe auf Markttrends und -veränderungen reagieren können", erklärt Bratek. Die Kurse werden sowohl im Vollzeit- als auch Teilzeit-Modell angeboten. Unter das Teilzeit-Angebot fallen dabei auch Kurse, die in mehreren Blockwochen stattfinden.

Übung macht den Meister

Dazu gehören unter anderem die Maschinenkurse für Schreiner-Lehrlinge. Die Azubis kommen im Laufe ihrer Ausbildung für mehrere Wochen in die Schreinerwerkstatt, um ihr Wissen zu erweitern. Dort liegt der warme und kräftige Geruch von Holz in der Luft, laute Sägegeräusche sind zu hören. Ein Auszubildender steht über eine Maschine gebeugt und wechselt ein Sägeblatt. "Am Montagmorgen standen ein bis zwei Stunden Formalitäten und Organisatorisches auf dem Programm, seitdem sind wir nur noch in der Werkstatt", beschreibt Schreinerlehrling Marius Lösch seine erste Kurswoche im Bildungszentrum Würzburg. Dadurch werde man mit den Maschinen schnell warm und lerne das sichere Arbeiten. Ausprobieren, auch mal Fehler machen dürfen, Erfahrungen sammeln – nur so kann ein guter Handwerker heranwachsen, wie Bratek betont: "Bei Berufen im Handwerk ist Praxis alles."

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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