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Entwicklung der Innungen "Tradition und Standesethos spielen kaum mehr eine Rolle"

Markus Glasl, Geschäftsführer des Ludwig-Fröhler-Instituts, spricht über die aktuelle Verfassung des Innungswesens, eine neue Anspruchshaltung im Handwerk und den Trend zu Fusionen. Interview: Steffen Guthardt

Herr Glasl, die Innungen gehören zu den wichtigsten Interessenvertretungen des Handwerks. Wie schätzen sie ihre aktuelle Situation ein?

Das kann man nicht pauschalisieren, aber mit Ausnahme weniger Branchen stehen die Innungen vor großen, teilweise existenzbedrohenden Herausforderungen.

Welche sind das?

Die Mitgliederzahlen schrumpfen zumeist seit vielen Jahren, mit der Konsequenz sinkender finanzieller Budgets und oftmals wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung liegt in einer geänderten Denkhaltung der Handwerker. Anders als im 20. Jahrhundert spielen Tradition und Standesethos bei der Entscheidung über Ein- und Austritt kaum mehr eine Rolle.

Woran wird die Innungsmitgliedschaft heute bemessen?

Es werden in der Regel knallharte Kosten-Nutzen-Überlegungen angestellt. Zugrunde gelegt werden dabei die subjektiv wahrgenommenen Vorteile einer Innungsmitgliedschaft. Kollektivleistungen wie beispielsweise die politische Interessensvertretung spielen in diesem Kalkül somit keine Rolle, weil man von den Ergebnissen auch als Trittbrettfahrer profitieren kann.

Aber die Innungen bieten ihren Betrieben doch weit mehr.

Andere Leistungen der Innung werden zu niedrig bewertet. Dis gilt unter anderem für die kostenlose Vertretung bei Arbeitsgerichtsprozessen. Solange man keine Streitigkeiten hat, ist man geneigt, den Wert gering zu schätzen. In der Konsequenz entscheiden sich immer mehr Betriebsinhaber gegen eine Innungsmitgliedschaft.

Haben Sie Zahlen dazu?

Aktuelle Zahlen zu regionalen Unterschieden liegen mir nicht vor. Tendenziell aber liegt der Organisationsgrad in den östlichen Bundesländern etwas niedriger als im Westen.

Gibt es auch Unterschiede zwischen den Berufsgruppen.

In der Tat. So ist der Organisationsgrad gerade bei den Schornsteinfegern, im Gesundheits-, Bäcker-, und Kfz-Handwerk besonders hoch. Ausschlaggebend sind hier exklusive Leistungen, von denen ausschließlich Mitglieder profitieren können. Ich denke hier beispielsweise an die Vergabe von Kehrbezirken, die Vertretung gegenüber den Krankenkassen, die Abgassonderuntersuchung und die Einkaufsgenossenschaft.

Von den Handwerkskammern erfasste Zahlen zeigen, dass Fusionen zunehmen. Woran liegt das?

Dem Schwund der Innungen geht ein Mitgliederschwund voraus. So ist die Zahl der Mitgliedsbetriebe in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Innungen benötigen jedoch eine bestimmte Größe, um ein ausreichend breites Leistungsspektrum anbieten zu können. Die Fusion von Innungen ist hier ein möglicher Weg, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Einrichtung zu stärken und das Leistungsportfolio zu erhalten oder sogar zu erweitern.

Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Kurzfristig wird eine Trendumkehr nur sehr schwer zu schaffen sein, denn gerade die jüngere Generation steht der Innung sehr kritisch gegenüber. Für eine erfolgreiche Zukunft müssen die Innungen die wahrgenommene Kosten-Nutzen-Relation deutlich verbessern. Dies kann über neue exklusive Leistungen erreicht werden, die auf ausgewählte Zielgruppen zugeschnitten sind. Hinzu kommt eine bessere Kommunikation des Angebots unter Herausarbeitung der Vorzüge einer Mitgliedschaft.

Sie sagen, die Jüngeren seien besonders kritisch gegenüber den Innungen eingestellt. Können Sie das belegen?

Wir haben 2009 eine Befragung der Innungen in den Kammerbezirken Halle und Erfurt durchgeführt. Schon damals zeigte sich, dass überproportional viele ältere Betriebsinhaber organisiert sind. Während nur 29 Prozent der unter 40-jährigen Unternehmer Mitglied der Innung waren, lag der Organisationsgrad bei den über 60-Jährigen bei 79 Prozent. Zudem waren kleine Betriebe etwas unterrepräsentiert. Diese Trends dürften sich noch verstärkt haben.

Werden die Innungen denn genug gefördert?

Es geht meines Erachtens nicht nur um finanzielle Förderung, sondern auch um ideelle Unterstützung und teilweise auch nur darum, keine Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Ich denke hier beispielsweise an die fallweise Verlagerung von Gesellenprüfungsausschüssen zu den Handwerkskammern oder das konkurrierende Angebot an fachspezifischen Kursen. Beides führt bei den Innungen zu Einnahmenausfällen und gefährdet in letzter Konsequenz deren Existenz.

Trotz der angesprochenen Probleme. Braucht es die Innungen noch?

Innungen sind zusammen mit ihren übergeordneten Fachverbänden ein wichtiger Bestandteil der Handwerksorganisation. Sie bilden sozusagen die fachliche Heimat eines jeden Gewerks und können ihre Leistungen auf die speziellen Bedürfnisse der Branche zuschneiden. Dabei kommt ihnen gerade in der Aus- und Weiterbildung eine entscheidende Rolle zu. Für eine wohnortnahe Beschulung von Lehrlingen sind sie beispielsweise unverzichtbar.

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