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Aus Seiler wird Fil Ceramics Tradition bewahrt: Töpferei findet Nachfolger

In der Töpferei Seiler bleiben die Brennöfen heiß. Nach langer Suche haben die scheidenden Inhaber doch noch Nachfolger gefunden – aber nicht in Deutschland.

Die letzte große Aufgabe in ihrem langen Arbeitsleben war eine der schwierigsten. Über zehn Jahre haben Friedrich und Birgit Moll (geb. Seiler) nach einem Nachfolger für ihre traditionsreiche Töpferei in Leutershausen gesucht. Fündig geworden sind sie in der Türkei, wo ein junges Ehepaar von einer geräumigen Werkstatt träumte, in der es seiner Kreativität freien Lauf lassen kann.

Ihren Start in Mittelfranken hätten sich Nilay und Hakan Serbest zwar anders vorgestellt. Von der Corona- Krise haben sie sich dennoch nicht entmutigen lassen. Nur die feierliche Eröffnung ihres Unter­nehmens mussten sie verschieben. Dann wandelt sich die Töpferei Seiler auch offiziell in Fil Ceramics, jener Marke, unter der die Serbests ihre Produkte schon seit 2015 im Internet über die Verkaufsplattform Etsy anbieten.

Töpferei Seiler: Nachfolger führen Tadition fort

Übernahme wie ein Geschenk

Die sechswöchige Zwangspause haben Nilay und Ehemann Hakan genutzt, um die große Werkstatt über den Verkaufsräumen in der Bahnhofstraße zu renovieren, sich eine Wohnung zu suchen, ihre ersten Worte deutsch zu lernen und fleißig zu töpfern. „Wir finden es toll, mit wie viel Power die jungen Leute hier angefangen haben und dass sie so viele gute Ideen mitbringen“, freut sich Birgit Moll über die jungen Nachfolger.

Für Nilay und Hakan Serbest geht mit der Übernahme der Töpferei Seiler ein Traum in Erfüllung. „Das ist für uns wie ein Geschenk“, sagt Hakan Serbest und spielt damit nicht nur auf die geräumige Werkstatt mit den großflächigen Fenstern, zwei Brennöfen, Materialaufzug und Topfpresse an. Vor allem der Erfahrungsschatz von Töpfermeister Friedrich Moll sei für ihn und seine Frau eine große Bereicherung, findet der 30-Jährige, der an der Kunsthochschule in Istanbul Fotografie studiert hat und über seine Frau zur Töpferei kam. Nachdem auch die 27-jährige Nilay ihr Studium für Keramik- und Glasdesign abgeschlossen hatte, sind beide nach Bodrum im Südwesten der Türkei gezogen, wo sie bis Ende des vergangenen Jahres unter sehr beengten Verhältnissen ihre Töpferwaren produzierten.

Eine handwerkliche Ausbildung, wie sie in Deutschland zum Beispiel an der Fachschule für Keramik in Landshut angeboten wird, wo sich auch Friedrich Moll auf seine Meisterprüfung (1973 in München) vorbereitete, haben die Serbests freilich nicht genossen. Trotzdem wollen sie mit der Übernahme der Töpferei Seiler eine lange Tradition fortschreiben, die sowohl auf schlesischen wie auch fränkischen Wurzeln beruht.

Wurzeln in Bunzlau

Gegründet wurde die Töpferei Seiler von Birgit Molls Urgroßvater August Seiler 1868 in Naumburg am Queis, unweit von Bunzlau, dem Zentrum der weltweit bekannten schlesischen Töpferkunst. So erfreute sich das Bunzlauer Braunzeug (Koch- und Einlegetöpfe oder Backformen) bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts wegen seiner Ofenfestigkeit großer Nachfrage, ebenso wie das Pfauen­auge-Dekor als Design für Tassen, Kaffee- oder Teekannen. Birgit Molls Vater Gerhard Seiler übernahm nach dem Besuch der staatlichen Fachschule für Keramik in Bunzlau die Töpferei Ende der 1920-er Jahre in dritter Generation. Er führte 1935 die erste elektrische Drehscheibe ein. Als er in den Krieg ziehen musste, übernahm seine Frau Charlotte die Leitung der Töpferei.

Von Schlesien nach Franken

Die größte Zäsur stand den Seilers mit der Vertreibung nach Kriegsende aber noch bevor. Tochter Birgit war sieben Monate alt, als sie mit ihrer Mutter, ihrer Oma und ihrer Tante die niederschlesische Heimat verlassen musste. Knapp ein Jahr später, im Februar 1946, fanden sie auf einem Bauernhof in Höchstetten Unterschlupf, während der Vater noch in französischer Gefangenschaft war. Im benachbarten Leutershausen ergab sich schließlich die Chance, das 1930 stillgelegte Brennhaus (Baujahr 1689) der letzten Töpferei des Ortes wiederzubeleben, was Mutter Seiler mit ihrem im Herbst 1947 zurückgekehrten Ehemann gelang. Am 28. Juli 1948 eröffneten sie ihre neue Töpferei.

Welche Mühsal der Neubeginn ihren Eltern abverlangte, lässt sich aus den Erzählungen von Birgit Moll erahnen. So wurde das sogenannte Kopfgeld, das zur Währungsreform jeder Bewohner der westlichen Besatzungszonen erhielt (40 D-Mark pro Person), in Dachziegel für die marode Töpferei investiert. Um die sechs Kilometer lange Strecke von der Wohnung bis ins Geschäft zurückzulegen, stand nur ein Fahrrad zur Verfügung, das die Eltern jeweils für die halbe Distanz nutzten und dann für den Partner stehen ließen. Jedes Elternteil fuhr drei Kilometer mit dem Rad und lief drei Kilometer zu Fuß, um gleich­zeitig in der Werkstatt anzukommen.

Durch die Zwangspause in Folge der Corona-Pandemie verläuft auch der Start für Nilay und Hakan Serbest keineswegs reibungslos. Aber auch diese beiden Neuankömmlinge wollen sich durchbeißen. Immerhin arbeiten sie schon zwei Jahre daran, ihren Traum von der eigenen Töpferei in Deutschland zu verwirklichen. Damals hatte Hakan Serbests Cousin Denis Weninger den Kontakt zur Töpferei Seiler hergestellt. Der gebürtige Nürnberger hatte über die Unternehmensbörse nexxt-chance.de von der Suche der Familie Moll erfahren. Doch bis das deutsche Generalkonsulat in Izmir die notwendige Arbeits­erlaubnis erteilte, war es ein langer Weg.

Vom Studium ins Handwerk

Und dennoch stehen Nilay und Hakan Serbest erst am Anfang ihrer beruf­lichen Laufbahn, die ihre Vorgänger nun langsam ausklingen lassen können. Im März hat Friedrich Moll seinen letzten Brand gemacht. Nun verkaufen die Molls noch die Restbestände ihrer Ware und unterstützen ihre Nachfolger. Für die Mittsiebziger neigt sich damit ein langes Arbeits­leben dem Ende, das für beide mit einem Architekturstudium in München begonnen hatte.

Friedrich Moll brach jedoch sein Studium ab, um das Töpferhandwerk zu lernen. Zwei Jahre nach Abschluss der Meisterprüfung übernahm er zusammen mit seiner Frau die Leitung der Töpferei Seiler, die die Schwiegereltern mit einer Mischung aus Bunzlauer und fränkischer Tradition in einen florierenden Handwerksbetrieb verwandelt hatten.

Bis zu 22 Tonnen Ton pro Jahr

In den besten Jahren wurden von den Familien Seiler und Moll mit bis zu 13 Mitarbeitern rund 22 Tonnen Ton verarbeitet. An reichlich 130 Tagen wurden die Waren auf großen Märkten wie der Auer Dult in München verkauft. Bis zu 100 Bewerbungen um eine Lehrstelle flatterten der Töpferei in ihrer Blütezeit ins Haus. 22 Lehrlinge wurden von Friedrich Moll und seinem Schwiegervater über die Jahre ausgebildet. „Einige von ihnen haben inzwischen ihre eigenen Werkstätten, sogar in den USA und in Australien“, sagt Friedrich Moll, der sich zusammen mit seiner Frau riesig freut, dass sie nach langer Suche doch noch Nachfolger für ihre Töpferei gefunden haben. „Nilay und Hakan waren uns sofort sympathisch. Jetzt wünschen wir ihnen viel Erfolg.“

Friedrich Moll blickt auf eine Säule in der Werkstatt, die mit vielen Fotos dekoriert ist, einige noch in schwarz-weiß. Links davon sind in einer Liste die Namen aller Mitarbeiter, die seit 1948 in der Töpferei gearbeitet haben, verewigt. Ganz unten stehen Nilay Serbest, Hakan Serbest und Denis Weninger. Sie sollen dafür sorgen, dass die Brennöfen auch in Zukunft nicht ausgehen.

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