Panorama -

Eine Frau auf der Walz Tischlerin Noemi und die Jahre der Tippelei

Früher Pflicht, heute eine absolute Besonderheit: die Wanderschaft von Gesellen. Nicht viele junge Handwerker wagen dieses Abenteuer: Drei Jahre lang mindestens 50 Kilometer von der Heimatstadt entfernt, neue Orte, Menschen und Arbeitstechniken kennenzulernen. Tischlerin Noemi gehört zu den wenigen Frauen in Deutschland, die auf der Walz sind. Bei einem Zwischenstopp erzählt die junge Handwerkerin von ihren Erfahrungen.

Mitte Mai ging es für Noemi los. Die Junghandwerkerin, die für die Zeit der Walz ihren Nachnamen abgelegt hat und nun als Noemi, frd. Tischlerin-Aspirantin Axt & Kelle, unterwegs ist, nahm von ihrer Heimatstadt Mainz Abschied, um sich auf die dreijährige Wanderschaft zu begeben. “Die ersten zwei bis drei Monate wird man von einem Exportgesellen begleitet, der einem die Regeln näherbringt und zeigt, wie die Walz funktioniert“, erklärt die Tischlerin. So gibt es für Wandergesellen eine Bannmeile um den Heimatort herum, welche sie während der Zeit auf der Walz nicht überschreiten dürfen. Zudem dürfen sie kein eigenes Fahrzeug oder Smartphone benutzen, keine Reichtümer anhäufen, müssen unverheiratet und kinderlos sein und dürfen keine Schulden haben.

Doch wie kommt eine junge Frau auf die Idee, die Zelte abzubrechen und über drei Jahre auf Reisen zu gehen? “Der Gedanke, auf Wanderschaft zu gehen, entstand während meiner Zeit der Ausbildung“, erzählt Noemi. Ihr ehemaliger Chef habe viel mit Wandergesellen zusammengearbeitet, was bei der jungen Frau das Interesse und die Neugier an der Tradition weckte. “Nachdem ich bei den Sommer- und Wintertreffen der Wandergesellen war und Kontakt zu einer ehemaligen Reisenden des Schachts Axt & Kelle aufgenommen habe, stand für mich die Entscheidung fest.“ Freunde und Familie befürworteten ihr Vorhaben und freuten sich mit Noemi über die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln.

Unterstützung gefragt

“Die Zeit auf der Walz bietet die Chance, tolle Erfahrungen zu sammeln, neue Menschen und Orte kennenzulernen und in verschiedensten Betrieben zu arbeiten“, fasst Noemi die Vorteile der Zeit als Wandergesellin zusammen. Angst oder Unsicherheit vor der Reise hat sie nicht. “Die Unterstützung, die man von anderen Handwerksunternehmen oder auch von der Gesellschaft bekommt, ist überwältigend.“ Egal, ob es um die Verpflegung, eine Übernachtungsmöglichkeit oder eine Arbeitsstelle geht: Die Hilfsbereitschaft anderer sei extrem hoch.

Neue Abenteuer wagen

“Ich kann allen Gesellen nur raten, die Möglichkeit der Wanderschaft zu nutzen und keine Angst vor neuen Erlebnissen zu haben“, appelliert die Tischlerin. Die Zeit der Tippelei helfe vor allem, sich weiterzubilden und neue Arbeitsweisen kennenzulernen. “Also nutzt die drei Jahre zum Erleben und Genießen.“ Sie selbst hat in diesem Jahr noch eine weite Reise vor sich: Gemeinsam mit anderen Wandergesellen wird sie den Sommer in Spanien verbringen und für einen guten Zweck auf einer Sommerbaustelle arbeiten.

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