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Restaurierung von Teppischen und Wandbehängen Textile Schätze in der Werkstatt

Die Textil- und Gobelinmanufaktur Halle restauriert alte Teppiche und Wandbehänge. Für Kunsthistoriker aus ganz Deutschland ist sie erste Anlaufstelle für diese Arbeiten.

Isabell Schneider
Schwerstarbeit: Eine Handwebmeisterin webt an einem Bezugsstoff für Futons. -

Der Teppich müffelt. Die etwa vier mal fünf Meter auf einem Tisch ausgelegte Tapisserie dünstet den Muff und Staub vergangener Jahrzehnte aus, die sie ungewaschen im Schloss Friedenstein in Gotha an der Wand hing. Nicht umsonst trägt die Restauratorin Mundschutz, Kittel und Handschuhe. Ihre Arbeit an dem guten Stück wird noch Monate dauern.

Tanz in ganz eigenem Rhythmus

Geduldig zieht sie Faden für Faden aus dem Stoff, um das rückwärtig angenähte Futter abzutrennen. Hunderte kurze Fäden liegen schon vor ihr in einem Kästchen und nicht mal ein Drittel des Stoffes ist befreit. Etwa bis Ende des Jahres werde es dauern, bis der Bildteppich wieder hergerichtet ist und fehlende querlaufende Fäden und brüchiger Stoff ersetzt sind, erklärt Dirk Willmann. Diese Restaurierungsarbeiten sind das tägliche Brot der Textil- und Gobelinmanufaktur in Halle. Willmann ist ihr Geschäftsführer und berichtet nicht ohne Stolz, dass die Manufaktur inzwischen als erste Anlaufstelle in Deutschland für solche Arbeiten gilt.

Aus Schlössern, Museen, Gedenkstätten und von Stiftungen kommen Aufträge für die Wiederherstellung wertvoller Stoffdekore. So unterschiedliche Stoffe wie Vorhänge aus einem Schloss der Bayerischen Schlösserverwaltung, eine Häftlings-Beinbinde aus der Gedenkstätte KZ Lichtenburg oder Kleider aus dem Archiv der Stiftung Bauhaus werden in Halle vor ihrem Verfall bewahrt und erstrahlen nach Ausbesserung und Reinigung wieder in voller Pracht.

Restauration mit Mundschutz
© Foto: Frank Muck

Bilden diese Restaurierungsarbeiten mit 60 Prozent Umsatzanteil zwar das Hauptstandbein, so bietet die Manufaktur in Halle doch deutlich mehr. Isabell Schneider etwa produziert ganz neue Stoffe. Sie sitzt am Webstuhl und lässt das Schiffchen durch die Fäden gleiten. Tag für Tag, Stunde für Stunde, achteinhalb Stunden am Tag. Freitags nur halbtags. Ihre Füße tanzen auf den Holzpedalen hin und her und heben die Gewirke auf und ab. Im je eigenen Rhythmus. Sie webt einen Bezugsstoff für einen Seidenfuton. Unten weiß und oben grau mit braunen Fäden durchwirkt.

Was bei der Handwebmeisterin so leicht und locker aussieht, ist Schwerstarbeit. Bei jedem querschießenden Faden muss sie den Schützen vor- und zurückziehen, um den neuen Faden anzudrücken und ihre Füße müssen in immer gleicher Abfolge die Pedale betätigen, damit sie keine Fehler einwebt und das Webmuster erhalten bleibt.

Ganz besonders in einem so gleichmäßigen Stoff wie hier gewünscht. Die Weber, Wirker und Designer stellen auf Flachweb-, Jacquard- oder CAD-Webstühlen für Privatkunden auch neue Teppiche, Bezugsstoffe oder Gobelins her.

"Die Kunden wissen inzwischen, dass hier die Experten sitzen", sagt Dirk Willmann. Selbst in ganz Deutschland gibt es nur eine Handvoll Handwerker, die dieses Können aufweisen. Es gebe auch europaweit wahrscheinlich kein anderes Unternehmen, das diese Leistungen bringen kann. Und die haben ihren Preis. Der liegt schnell bei 150 bis 200 Euro pro Meter.

Von dem, was hier in einem Gründerzeitbau im hallensischen Paulusviertel gemacht wird, erwarten die Kunden dementsprechend eine besondere Qualität, Maßarbeit am gewebten Stoff. Handarbeit statt Industrieware.

Die Manufaktur hat eine lange Tradition. Ihre Geburtsstunde hat sie 1946 mit der Einstellung einer Weberin in die damalige Handwerkerschule Burg Giebichenstein. Nach Verstaatlichung und dem Ausbau zur Teppichmanufaktur mit Hochweberei geht die Textil- und Gobelinmanufaktur Halle 1990 in den Besitz des Landes Sachsen-Anhalt über. Erst 1991 kommen Restaurierungs- und Konservierungsleistungen hinzu.

2010 war bisher erfolgreichstes Jahr

Seit Anfang der 50er Jahre arbeitet die Manufaktur mit der Kunsthochschule in Halle zusammen. Begründet wurde die Zusammenarbeit von Professor Willi Sitte, einem der berühmtesten Maler der DDR. In den Fachbereichen textile Künste und Malerei, Textildesign, Mode und Innenarchitektur bildet das Unternehmen Studenten aus. Die Hochschule forscht und entwickelt gleichzeitig über den Einsatz von Geweben und Stoffen. Die wissenschaftliche Arbeit ist der ideelle Zweck der Manufaktur, der den Besitz durch das Land Sachsen-Anhalt rechtfertigt.

Geld verdienen lässt sich damit nicht, gibt Willmann gerne zu. Doch die Manufaktur ist inzwischen so gut, dass die Restaurierung so viel Gewinn abwirft, dass ihr ideeller Zweck erhalten bleiben kann. Nicht nur das. Der Betrieb erlebte 2010 das erfolgreichste Jahr seiner Existenz.

Und Willmann will das Ergebnis im laufenden Jahr nochmal überbieten. "Würden wir Verluste schreiben, müsste die Manufaktur umstrukturiert werden, zu einer Art Hochschulwerkstatt mit weniger Leuten und weniger Einsatzmöglichkeiten", sagt er. Doch die Forschung kostet nicht nur Geld. Sie eröffnet der Fabrik auch neue Geschäftsfelder, etwa beim Einsatz von Stoffen in der Medizin oder bei Kunst am Bau.

Naturfasern
© Foto: Textil- und Gobelinmanufaktur

Viele Studenten bekommen hier außerdem ihre handwerklichen Grundlagen. An CAD-Webstühlen können sie ihre zum Teil sehr ausgeklügelten Entwürfe eins zu eins umsetzen. Der computergesteuerte Webstuhl ist auch sonst bei schwierigen Fällen im Einsatz. Denn manchmal stoßen die Weber und Wirker der Manufaktur an ihre Grenzen.

Bestimmte Brokatstoffe zum Beispiel sind so ausgeklügelt gewebt, dass heute niemand mehr weiß, wie die Handwerker das damals gemacht haben, oder es gibt einfach keine Maschinen mehr dafür. Dann kommt der CAD-Webstuhl zum Einsatz und fertigt ein Replikat des Stoffes. Die Maschine kann jedes komplexe Gewebe nachbilden. Das Ergebnis ist dann so perfekt, wie es beim Original nie gewesen ist.

Der Wert vieler Gewebe bleibt verborgen

Ob Restaurierung oder Replikat das Ergebnis hat in jedem Fall seinen Preis, den viele Kunden unterschätzen. Allein weil sie nicht wissen, welche Schätze sie besitzen. Willmann berichtet von einem Herrn, der mit einem Wandbehang von Gunda Stölzel auftauchte. Er wusste nicht, dass das Gewebe der Bauhaus-Schülerin einen Wert von 80.000 Euro hat. Schnell war klar, dass sich eine Restaurierung lohnt, auch wenn sie letztlich 6.000 Euro kostete.

Um kulturelle Werte und seien es nur ideelle zu erhalten, zahlen viele Kunden inzwischen aber auch gern den Preis dafür. So treffen Kunstschätze und Industrieware in Halle aufeinander. Das kann dann auch mal Großmutters alter Teppich sein, der für die Enkelin nur Erinnerungswert hat. Für Dirk Willmann ist das völlig in Ordnung: "Man muss das machen, was man gut kann."

Teppichmanufakturen

Nach Auskunft von Geschäftsführer Dirk Willmann gibt es in Deutschland und wahrscheinlich europaweit kein vergleichbares Unternehmen wie die Textil- und Gobelinmanufaktur Halle. In der Summe der angewandten Techniken sei sie einzigartig. Für einzelne Geschäftsfelder wie Sticken, Weben oder Restaurierung gebe es durchaus noch Betriebe. Deren Anzahl schätzt Willmann auf unter 100 in Deutschland.

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