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Stuttgarter Tatort-Kommissar im Interview Felix Klare: "Ich habe die Ausbildung im Handwerk nie bereut"

Schauspieler Felix Klare war gestern im Stuttgarter Tatort "Der Mann, der lügt" bereits zum 22. Mal als Hauptkommissar Sebastian Bootz zu sehen. Seine ersten beruflichen Schritte machte er aber nicht an der Schauspielschule, sondern im Handwerk: Klare ist gelernter Schreiner und verbringt auch heute noch viel Zeit an der Hobelbank in seiner Garage.

DHZ: Bevor du den Weg ins Handwerk und später zur Schauspielerei gefunden hast, hast du eine ziemlich turbulente Schulzeit erlebt. Wie sah die aus?

Felix Klare: Ich war in zwölf unterschiedlichen Klassen auf verschiedenen Schulen. Und jedes Mal war es für mich die gleiche schwierige Situation: Ich war immer „der Neue“. Meine Noten waren dann auch nicht sonderlich berauschend.

DHZ: Einen Ausbildungsplatz hast du trotzdem gefunden. Warum fiel die Wahl auf den Beruf Schreiner?

Klare: Ich glaube, auch auf den Druck meines Vaters hin. Der sagte mir damals, ich solle erstmal was Bodenständiges machen. Schreiner war zwar nicht unbedingt mein Traumberuf, aber das Material gefiel mir. Mit Holz kann ich was anfangen.

DHZ: Was gefällt dir so an Holz?

Klare: Das Entscheidende für mich ist, dass Holz aus der Natur kommt. Und dass es davon so viele verschiedene Arten gibt und Holz einfach seit jeher der Baustoff Nr. 1 ist.

DHZ: In der Ausbildung bist du trotzdem nicht glücklich geworden. Warum nicht?

Klare: Ich hab nur das erste Jahr gemacht, das Berufsgrundschuljahr. Da lernst du alles – egal, ob Schlitz-, Zapf- oder Schwalbenschwanzverbindung. Die nächsten zwei Jahre bist du dann im Betrieb, aber wenn du Pech hast, fegst du da nur Sägespäne. Die Grundausbildung hat mir total gefallen, aber ich wurde intellektuell zu wenig gefordert. Es fehlte mir einfach was. Also habe ich es an der Schauspielschule versucht, das war dann sozusagen meine dreizehnte Klasse. (lacht)

DHZ: Und dort lief es besser?

Klare: Ich hab schnell gemerkt: Auf dieser Schule hast du kein Physik, Mathe oder Latein, sondern zum Beispiel Pantomime und Tanz. Da konnte ich kreativ sein. Und ich war endlich mal nicht einer der Schlechtesten, sondern einer der Besten in der Klasse. Das war für mich ein wahnsinnig tolles Erlebnis. Anschließend habe ich am Theater angefangen, bevor ich zum Film kam und 2007 auch „Tatort“-Kommissar wurde.

DHZ: Hast du deine Entscheidung je bereut?

Klare: Nein. Ich habe aber auch die Ausbildung im Handwerk nie bereut, im Gegenteil: Es ist für mich immer noch ein super Ausgleich. Wir haben hinten im Garten eine Garage – da passt gar kein Auto rein, weil meine Hobelbank drin steht und alles voller Holz und Farbtöpfe ist. Da bin ich alle paar Monate drin und bau irgendwas. Das genieße ich unheimlich, weil ich am Ende sehe, was ich gemacht habe – und zwar nicht nur einen Text oder eine Excel-Tabelle am Computer. Als Handwerker hast du am Ende was Schönes in der Hand.

DHZ: Was zum Beispiel?

Klare: Wenn es um Holz geht, mache ich fast alles selbst. Das geht los bei Reparaturen und Holzspielzeug.  Aber ich hab auch unser erstes Bett und drei Kinderbetten gebaut. Außerdem ein Baumhaus und ein maßgefertigtes Schuhregal für sechs Personen - ein Megateil, genau abgemessen für den Platz zwischen Eingangstür und Kellertreppe. Und einen Hasenstall! (lacht)

DHZ: Wie unterscheidet sich diese handwerkliche Arbeit von der als Schauspieler?

Klare: Der größte Unterschied ist der: Wenn ich als Schreiner einen Tisch baue, kann ich ihn anschließend wegschieben und fragen: Gefällt er euch? Ist er sauber gearbeitet? Ist es euer Stil? Aber es ist nicht so wahnsinnig persönlich, auch wenn ich natürlich Herzblut reingesteckt habe. Als Schauspieler bist du selbst der Tisch. Du fragst dich: Wie siehst du aus, was hast du für eine Ausstrahlung? Wie sprichst du, wie nehmen die Leute dich wahr? Das muss man erstmal lernen. Und das ist ein Prozess, der geht nicht von heute auf morgen. Er verändert einen.

DHZ: Gibt es etwas, was dich am Schauspielerdasein stört?

Klare: Auf jeden Fall. Ich beobachte zum Beispiel wahnsinnig gern Menschen. Das ist mein Material, denn ich habe noch nie einen Fernseher gehabt und suche lieber auf der Straße nach Situationen und Gegebenheiten, die mich für meine Rollen inspirieren. Wenn ich aber in der Stadt rumlaufe, erkennen mich viele Leute, und das ist dann komisch. Die Natürlichkeit ist in dem Moment weg.

DHZ: Stell dir vor, eines deiner Kinder träumt davon, Schauspieler zu werden, ist aber handwerklich sehr begabt. Was würdest du ihm raten?

Klare: Ich glaube generell, dass die Fähigkeit, was in die Hand zu nehmen und was daraus zu machen, bei Jugendlichen in Zeiten von Internet und Instagram abnimmt. Wenn du auf dem Smartphone rumtippst, bewegst du nur noch deinen Daumen. Da sehe ich ein Stück weit eine Gefahr drin. Meinem Kind würde ich sagen: Mach, was du für richtig hältst! Probier es aus, wenn es dein Ding ist. Und vielleicht ist der Weg ja am Ende genau andersrum wie bei mir und mein Kind merkt: Auf der Schauspielschule fehlt mir das Handwerkliche und ich mach jetzt lieber eine Schreiner-Ausbildung. Oder es wird Werkzeugmacher, so wie Richy.

DHZ: Du sprichst es an: Dein Tatort-Kollege Richy Müller hat vor seiner Schauspielausbildung auch an der Werkbank gestanden. Wer von euch beiden ist denn der bessere Handwerker?

Klare: Wenn es um Metall geht, wahrscheinlich Richy – aber wenn es um Holz geht, dann wahrscheinlich ich.

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