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Raus aus dem Studium, rein ins Handwerk Studienaussteiger als Azubis: Im Handwerk willkommen

Immer mehr Studenten brechen ihr Studium ab, weil sie damit unzufrieden sind. Im Handwerk sind sie als Auszubildende willkommen - aber noch wenig verbreitet.

Nach drei Semestern wusste Tassilo Mrasek: Das Studium zum Maschinenbauer ist es nicht. Zu theoretisch, zu viel zum Auswendiglernen – er hat zu viel davon erwartet. Also brach der heute 23-Jährige sein Studium ab. Heute ist er Auszubildender zum Dachdecker und ab September im dritten Lehrjahr.

Ein Problem einen Ausbildungsplatz zu finden hatte Mrasek nicht. Auch eine neue Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) zeigt: Die Betriebe stehen den Studienaussteigern aufgeschlossen gegenüber. Demnach kommt es für drei von vier Unternehmen infrage, ehemalige Studenten auszubilden. Und von ihnen gibt es viele. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung bricht jeder vierte Bachelor-Student sein Studium ab, in Fächern wie Mathematik ist es sogar jeder zweite.

Beruf für die Zukunft

Zwar ist Mrasek eher zufällig zu seiner Ausbildungsstelle gekommen. Denn nachdem er das Studium hingeschmissen hatte, ging er erst einmal ins Ausland. "Als ich wieder am Frankfurter Flughafen gelandet bin, hatte ich noch genau 20 Euro", erzählt der Azubi. Es musste Geld her. Deshalb bewarb er sich erst einmal für Hilfsarbeiterstellen. Acht Monate arbeitete er schließlich als Helfer in seinem jetzigen Ausbildungsbetrieb. "Ich habe schon als Student gejobbt, aber das erste Mal machte ich etwas, das ich wirklich mit meinem Gewissen vereinbaren konnte", sagt der baldige Dachdecker. Etwas für die Zukunft.

Also bewarb er sich als Auszubildender im kleinen Betrieb von Manfred Meyer Bedachung in Pullenreuth in der Oberpfalz. Dabei ist er jedoch die Ausnahme. Zwar verfügt laut Studie jeder dritte Ausbildungsbetrieb bereits über Erfahrungen mit der Ausbildung von Studienaussteigern – die Zahl im Handwerk ist aber deutlich geringer. Gerade Kleinbetriebe mit weniger als 20 Beschäftigten haben demnach bislang kaum Erfahrungen mit Studienabbrechern gesammelt. Ein Grund ist: Die Befragten hatten trotz Projekten wie "Jobstarter Plus" Probleme mit den Abbrechern in Kontakt zu treten.

Konzentration auf wenige Ausbildungsberufe

Hinzu kommt: "Studienaussteiger steigen meist in eine thematisch verwandte Ausbildung ein", erläutert Susanne Walter vom BIBB. Das seien dann vor allem Berufe in der IT und in kaufmännischen Bereichen. "Die Konzentration auf wenige Ausbildungsberufe ist unter Studienabbrechern noch stärker als bei Auszubildenden, die direkt in die Berufsausbildung einsteigen“, sagt sie. Ein möglicher Grund: Abiturienten kommen mit den Möglichkeiten der dualen Ausbildung weniger in Kontakt und kennen daher nur eine geringe Anzahl an Ausbildungsberufen.

Für Mrasek war es die richtige Entscheidung ins Handwerk zu gehen. Der Beruf sei sehr beständig, in einer Zeit, in der sich alles wandele. "Ich finde es ziemlich cool mit meinen Händen etwas zu erschaffen, das mich als Mensch womöglich überdauert", sagt der Dachdecker-Azubi.

Fragen zur Anrechnung

Dass es jungen Leuten bei der Arbeit nicht mehr nur auf das Geld ankommt, können kleine, familiär geführte Handwerksunternehmen für sich nutzen. "Betriebe im Handwerk müssen mehr Werbung für sich machen", sagt BIBB-Mitarbeiterin Walter. Gerade weil die "Generation Y" eher auf die Arbeitsbedingungen fixiert sei, hätten diese Betriebe eine reelle Chance, um Studienaussteiger zu werben.

Laut der Umfrage des BIBB haben die Unternehmen jedoch keine Sorge vor der Ausbildung von Studieneinsteigern. Das Problem ist eher: Sie haben Schwierigkeiten einzuschätzen, welche Studienleistungen auf die Ausbildung angerechnet werden könnten.

Weil Mrasek das Abitur hat, kann er seine Lehrzeit deutlich verkürzen und ist schon im Februar mit seiner Ausbildung fertig. Dann will er auf jeden Fall den Meister machen. Ob er bei seinem Ausbildungsbetrieb bleiben kann, weiß er noch nicht. Langfristig ist es für den Lehrling eine Option wieder ins Ausland zu gehen. Dafür ist der Beruf des Dachdeckers optimal. Mrasek: "Ich habe in kurzer Zeit eine wertige Ausbildung gemacht, mit der ich auf der ganzen Welt etwas anfangen kann."

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