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Zu viel Stress: Tipps für den Berusfalltag Psychische Probleme: Stark verbreitet bei jungen Menschen

Depressionen, Anpassungsstörungen und Burnout: Häufig fehlen Arbeitnehmer in Deutschland heutzutage wegen psychischen Erkrankungen. Neue Umfragedaten zeigen nun, dass zunehmend mehr 18- bis 25-Jährige unter psychischen Erkrankungen leiden. Gründe: Leistungsdruck und Stress.

Ein aufs Maximum beschleunigtes Arbeitsleben, Wochenenden voller Termine – und eine Gesellschaft, in der vor allem das Äußere eines Menschen zu zählen scheint. Wenn der Stress bei der Arbeit und im privaten Leben zu stark zunimmt, leidet die Psyche – ein großes Problem vieler deutscher Arbeitnehmer und zunehmend besonders von jungen Menschen.

Insgesamt nehmen die psychischen Probleme in der Gesellschaft zu. Eine neue Untersuchung der Barmer Ersatzkasse, über die faz.net berichtet, zeigt nun, dass jeder Vierte im Alter zwischen 18 und 25 Jahren an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken leidet. Die Krankenkasse meldet, insgesamt seien 1,9 Millionen junge Menschen betroffen – 38 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor.  Besonders verbreitet sind Depressionen. Die Barmer geht davon aus, dass die Zahl der jungen Menschen mit psychischen Problemen in Zukunft weiter ansteigen wird. Ausschlaggebend dafür sind unter anderem der hohe Zeit- und Leistungsdruck in der Phase, in der man sich den beruflichen Weg und die vermeintliche Karriere bereitet.

Beim Vorgehen gegen psychische Erkrankungen besteht also Handlungsbedarf. Das zeigen nicht nur die neuen Zahlen der Barmer Ersatzkasse, sondern auch die Zahlen zu den Krankenständen bei den Arbeitnehmern, die schon länger im Job sind. Auch hier spielt der Stresspegel eine wichtige Rolle.

Psychisch krank: Häufiger Grund für Fehltage

So waren die Deutschen im Jahr 2017 etwas häufiger krankgeschrieben als ein Jahr zuvor. Der Krankenstand stieg laut DAK von 3,9 Prozent auf 4,1 Prozent. Dabei spielen die psychischen Erkrankungen insofern eine wichtige Rolle, als dass sie mittlerweile der zweithäufigste Grund für Fehltage sind.

Zum großen Problem wird für viele Deutsche ein zunehmender Stress bei der Arbeit und im Privatleben: Termin folgt auf Termin. Immer die Deadlines im Nacken. An die privaten Pflichten erinnert zwischendurch das Piepen des Handys: Kurznachrichten, E-Mails, soziale Netzwerke. Dort protzen Bekannte mit Reisen oder absolvierten Marathonläufen um die Wette. Bei den Werbemodels kneift kein Hosenbund. So jagt ein Reiz den nächsten. Dass das heutige Leben kaum noch Pausen kennt, kann unter Umständen an der seelischen Gesundheit nagen, fürchten Psychiatrie-Experten. Sie fordern eine bessere Erforschung der modernen Lebensumstände als Risikofaktor.

DAK-Krankenstandsreport 2017: die Fakten

  • Insgesamt stieg der Gesamtkrankenstand von 3,9 auf 4,1 Prozent.
  • Psychische Erkrankungen hatten 2017 einen Anteil von 16,7 Prozent am Gesamtkrankenstand.
  • Frauen (4,4 Prozent) waren im Jahr 2017 häufiger krankgeschrieben als Männer (3,8 Prozent).
  • Der häufigste Grund für Fehltage waren Muskel-Skelett-Erkrankungen, wie beispielsweise Rückenschmerzen. Mehr als jeder fünfte Ausfalltag (21,8 Prozent) wurde dadurch verursacht. Psychische Erkrankungen folgten auf Rang zwei mit einem Anteil von 16,7 Prozent und Atemwegserkrankungen mit 15,4 Prozent auf Rang drei.

Quelle: dak

"Alle sind leistungsfähig, schön und jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen im Verhalten der Menschen", sagte Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). "Ich würde nicht sagen, Lifestyle macht Erkrankungen. Aber Lifestyle bewirkt Verhaltensveränderungen und emotionale Veränderungen, die gegebenenfalls Risikofaktoren für eine Erkrankung werden können." Sie sieht in diesem Feld Möglichkeiten für Vorbeugung und Therapie.

Wer ist von Stress besonders betroffen?

In Zahlen schlägt sich die Befürchtung bisher nur bedingt wieder. Die "echten" psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen haben laut Hauth in den vergangenen rund 15 Jahren nicht zugenommen. "Was zunimmt, sind Befindlichkeitsstörungen unter der Schwelle einer echten psychiatrischen Diagnose." Als Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weissensee erlebe sie, dass zum Beispiel zunehmend junge Menschen mit Prüfungs- oder Partnerschaftsstress in der Notaufnahme Hilfe suchen.

Hauth zählt weitere Phänomene auf, die für sie ins Bild passen: Da sind Eltern, die ihr zappliges Kind mit Tabletten optimal durch die Schulzeit bringen wollen. Menschen, die sich fragen, ob ihre Aufenthaltsdauer im Internet noch normal ist. Frauen, die nicht mehr nur Diäten ausprobieren, sondern sich dauerhaft mit ihrem Aussehen beschäftigten und sogenannte Körperbildstörungen entwickeln. Und dann sind da noch die bis zu fünf Prozent der Berufstätigen, die mit Medikamenten Hirndoping betreiben, wie Claus Normann von der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Freiburg sagt. Tendenz steigend. "Unter Studierenden dürften die Zahlen noch höher liegen."

Was entscheidet darüber wie man mit Stress umgeht?

Besteht Grund zur Sorge um die Gesellschaft? Jein. Wie gut Menschen mit Stress zurechtkommen, ist auch eine Frage der persönlichen Verfassung. Dem Druck der Selbstoptimierung setzten sich vor allem Menschen aus, denen es an Selbstwertgefühl mangele, sagt Hauth. "Wenn ich dagegen genügend Selbstwertgefühl habe – was mit der eigenen Persönlichkeit, Vererbtem, aber auch Erfahrungen der ersten 15 bis 20 Lebensjahre zu tun hat - dann ist das ein wesentlicher Resilienzfaktor." Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, mit Widrigkeiten und Tiefschlägen umzugehen - und gesund zu bleiben.

Was hilft gegen Stress?

Jeder kann auch selbst etwas tun. Hauth ruft zu mehr Muße auf: «Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns unglaublich hilfreich.» Man müsse nicht alles machen, was der Markt biete. Ihre Patienten bringt sie dazu, sich die gelungenen Dinge des Tages vor Augen zu führen statt der Defizite. Und sie appelliert, soziale Kontakte zu pflegen: Einzelgänger, die sich isoliert fühlen, trügen ein besonders hohes Risiko für psychische Erkrankungen und seien angreifbarer als Menschen in gesunden Beziehungen.

Zumindest im englischsprachigen Raum wird derzeit Entschleunigung nach dänischem Vorbild propagiert, wie der "Guardian" kürzlich berichtete. Denn in Dänemark leben die nach Umfragen glücklichsten Menschen. Als Schlüssel gilt "Hygge", was so etwas wie Gemütlichkeit bedeutet. Das Nachmachen ist gerade zu dieser Jahreszeit ziemlich einfach: eine Kerze anzünden, Handy ausschalten, heißen Kakao trinken, zurücklehnen und dem schnellen Leben für ein Weilchen entsagen.

Auch Fitness schützt vor Stress

Allerdings ist auch manchmal das Gegenteil wahr. Schon seit den 1980er Jahren wurde vermutet, dass körperliche Fitness als Schutz vor negativen Auswirkungen von chronischem Stress dienen kann. Bisher gab es dafür allerdings kaum Nachweise. Die sind jetzt erbracht. Eine länderübergreifende Kooperationsstudie der Universität Basel und einiger schwedischer Universitäten hat den Zusammenhang zwischen Stress und dem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen (kardiovaskuläre Erkrankungen) bewiesen.

Für die Studie wurden die Teilnehmender nach ihrem subjektiven Stressempfinden befragt und anschließend in zwei Gruppen mit jeweils überdurchschnittlich hohem oder niedrigem Stresslevel eingeteilt. Beide Gruppen mussten dann einen Fahrradergometer-Test absolvieren, bei dem die maximale Sauerstoffaufnahme sowie die allgemeine Fitness gemessen wurde. Diejenigen, die sich ohnehin wenig gestresst fühlten, spürten hinterher keine nennenswerten Veränderungen. Ganz anders die gestresste Gruppe: Sie fühlte sich hinterher nicht nur weniger unter Druck, die Bewegung wirkte sich auch positiv auf kardiovaskuläre Risikofaktoren aus.

Stress reduzieren: Acht Tipps für den Berufsalltag

Dass ein Ausgleich zu hektischen Zeiten wichtig ist, wissen die meisten. Wie man dies aktiv umsetzen kann, hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie zusammengestellt.

Mit diesen acht Tipps kann jeder Arbeitnehmer selbst für weniger Stress am Arbeitsplatz sorgen.

  1. Erholungskompetenz erweitern: Eine Tätigkeit, die man gerne mag und die einen Kontrast zum Arbeitsalltag darstellt, hilft in der Freizeit zu entspannen.

  2. Aktiv abschalten: Fast 40 Prozent der Beschäftigten denkt auch nach Feierabend an die Arbeit. Ein Ritual kann dabei helfen, nach Dienstschluss die Gedanken an die Arbeit wirklich loszulassen. Hilfreich ist zum Beispiel ein Zettel auf den man notiert, was heute gut gelungen ist und was man am kommenden Tag als erstes erledigen muss.

  3. Multitasking meiden: Während dem Telefonat die E-Mails checken oder in der Besprechung schon die Themen für die nächste Runde vorbereiten, dass zerrt an den Nerven und führt auf Dauer zu Stress. Menschen sind nicht wirklich multitaskingfähig. Das Gehirn arbeitet anspruchsvolle Aufgaben immer der Reihe nach ab. Also einfach mal versuchen einen Tag lang auf Multitasking zu verzichten.

  4. Störungen streichen: Nach jeder Störung benötigt man einige Minuten, bis man wieder konzentriert in seinem Thema ist. Kleine Unterbrechungen können also einen Arbeitsschritt stark verlangsamen. Wer in 30 Minuten dreimal für zwei Minuten unterbrochen wird braucht länger. Nicht nur 36 Minuten sondern bis zu einer Stunde. Störungsfreie Zeiten sind ein nützliches Mittel, aber auch eigene Ablenkungsversuche müssen reduziert werden. Also nicht "kurz" in die E-Mails schauen, auf die Toilette gehen und auf dem Weg zurück ein Gespräch mit Kollegen anfangen. Auch Durst und Hunger sollten keine Gründe für häufige Störungen sein.

  5. Balance ist Verhandlungssache: Egal ob Familie oder Beruf. Aufgaben sollten geteilt und abgesprochen werden. Dazu gehört zum Beispiel auch mal dem Chef zu sagen, dass eine Aufgabe heute nicht mehr fertig wird.

  6. Kraftquellen kennen und nutzen: Kraftquellen können fachliche Kompetenzen oder Unterstützung durch Kollegen sein. Wer wissen will, welche Kraftquellen er nutzen kann, kann sich überlegen " Auf welche Kollegen kann ich zählen?" oder "Kann ich nach der Arbeit gut abschalten?".

  7. Pünktliche Pausen: Pausen bringen Entspannung und beugen Überlastung vor. Rund ein Viertel der Beschäftigten macht keine Pausen und erhöht so unwissentlich den Stress. Nach 90 Minuten Kopfarbeit eine Denkpause machen und in der Mittagspause etwas spazieren gehen, so entspannt sich der ganze Körper. Auch eine Pause zwischen Berufsalltag und Privatleben ist sinnvoll. Einfach auf dem Heimweg bewusst die Gedanken wechseln oder Musik hören.

  8. Persönliche Antreiber und stressverstärkende Glaubenssätze: Wenn etwas im Beruf schief geht oder ein Projekt sich verzögert, bedeutet dies Stress. Aber die Hälfte der gefühlten Belastung entsteht durch innere Überzeugung. Stress entsteht zum Beispiel auch bei dem Gedanken: "Ich muss das alleine schaffen"

Was sind die größten Stressfaktoren?

Wie groß das Problem ist, zeigt zum Beispiel auch der Stressreport-Deutschland. Er zählt 59,2 Millionen Tage, an denen Menschen im Jahr 2011 aufgrund psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig waren. Zwar ist das Niveau der Belastung seit 2005 konstant geblieben, jedoch berichten die Beschäftigten vermehrt über gesundheitliche Probleme. Die größten Stressfaktoren: Zeitdruck, Termindruck, Multitasking, Störungen und Monotonie.

Junge Arbeitsnehmer leiden besonders häufig unter befristeten Arbeitsverhältnissen und Monotonie. Die mittlere Altersgruppe ist vor allem von Multitasking, starkem Termin- und Leistungsdruck sowie Arbeitsunterbrechungen und überlangen Arbeitszeiten betroffen. Ältere Beschäftigte vermissen Hilfe und Unterstützung von Kollegen und Vorgesetzten und haben oft sehr monotone Arbeitsprozesse.

Wie können Chefs für weniger Stress sorgen?

In kleinen und mittleren Betrieben sollte Gesundheit "Chefsache" sein. Oft sind die wirtschaftlichen Vorteile gesundheitsfördernder Maßnahmen nicht sichtbar. Aber gerade Handwerksbetriebe sollten ihre Vorteile – kurze Entscheidungswege und individuelle Lösungen – nutzen.

Nicht zuletzt aufgrund der vielen Fehltage ist es aus Sicht des Arbeitgebers wichtig, die Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern. Ein kollegiales Miteinander kann helfen. Das größte Potenzial zur Stressprävention liegt in einer Verbesserung der Führungsfähigkeit, speziell im Bereich der sozialen Unterstützung.

Arbeitgeber können ihre eigene Erfahrung nutzen. Welche Unterstützung war bei einem schwierigen Projekt hilfreich? Was eher nicht? Was hätte ich mir von meinem Chef gewünscht? Vieles von dem, was man selbst als hilfreich erlebt, schätzen auch andere Mitarbeiter.

Bereits die Arbeitsatmosphäre im Betrieb wirkt sich auf die Gesundheit der Mitarbeiter aus. Ältere und jüngere Mitarbeiter sollten gleichermaßen "mitgenommen" werden . Anerkennung und Wertschätzung stärken die Motivation.

Auch Kleinstbetriebe können ihren Mitarbeitern außerdem Erholungsmöglichkeiten anbieten. Das Spektrum reicht von einem Ruheraum über mobile Massagen bis zum Betriebssport oder Yoga. Wie sich solche Angebote auswirken und wer sie besonders nötig hat, zeigt die Studie "Stress am Arbeitsplatz", die im Auftrag von Wellnow vom Marktforschungsinstitut Dr. Grieger & Cie. durchgeführt wurde. jb/ dpa

So lassen sich einige Stressfaktoren beseitigen

Unterbrechungen: Oftmals lassen sich Unterbrechungen nicht vermeiden. Das Problem ist dabei in der Regel nicht die Konzentration auf die neue Auf­gabe, sondern die Rückkehr zur alten. Bei Unterbrechungen ist es deshalb ratsam den altbewährten Notizzettel als Erinnerungsstütze zu nutzen und unterbrechen Sie – wenn möglich – die Arbeit dort, wo der Wiedereinstieg leichter fällt.

Wenn es möglich ist, vereinbaren Sie mit den Kollegen untereinander Zeiten, wo Sie nicht gestört werden. Dann ist jeder produktiver.

E-Mails: Viele es wissen es nicht, aber E-Mail Programme lassen sich in der Regel so einstellen, dass entweder nicht jedes Mal ein Fenster im unteren Bereich des Bildschirmes aufgeht oder die E-Mails nur in bestimmten Zeitintervallen vom Server geholt werden. Dadurch werden E-Mail-freie Zeiten geschaffen.  

Multitasking: Wer zwei oder mehrere Dinge auf einmal erledigt ist nicht wirklich schneller. Im Gegenteil: Experten fanden heraus, dass Multitasking sogar Zeit kostet und Stress auslöst. Erledigen Sie daher die Dinge nach der Reihe. Die E-Mail schreibt sich schneller und fehlerfreier nach dem Telefonat und dem Kunden gegenüber ist es höflicher, sich auf ihn zu konzentrieren und nicht alle paar Minuten zu einem Telefonat aufzuspringen.

In einigen Berufen, vor allem wenn an Maschinen oder mit Gefahrenstoffen gearbeitet wird, kann Multitasking sogar gefährlich sein. Hier sollte es daher immer vermieden werden, bestimmte Dinge gleichzeitig zu erledigen. ro

Dieser Beitrag wurde am 22. Febuar 2018 aktualisiert.
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