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"Stiller dankbarer Gottesglaube"

Unterwegs im tschechisch-deutschen Lausitzer Mittelgebirge. Zittau, die "Stadt der Fastentücher" – Imposanten Gotteshäuser und Kapellen.

Häuser, wie in einem Museumsdorf. Kräftige grüne, blaue, gelbe und gelegentlich rote Farbtöne heben ihre massiven Steinmauern vor der hügeligen Mittelgebirgslandschaft ab. Die hölzernen Umgebinde um diese Häuschen mit den kleinen Fenstern sind oft in Braun, Grau oder Schwarz gehalten. Am Wegesrand stehen Kruzifixe, kleine Kapellen oder Andachtsbilder mit der Muttergottes. An Brücken, die laut rauschende Bäche überqueren, grüßen regelmäßig Statuen des Hl. Nepomuk. All dies wäre in Franken, Oberbayern, Österreich oder Teilen der Schweiz nichts Besonderes – doch die Reisenden sind nur gut drei Autostunden von Berlin entfernt, im tschechischen Teil des Oberlausitzer Berglandes.

Von der Ferne ist auf deutscher Seite der Berg Oybin zu sehen, der bekannte sächsische Luftkurort mit seiner Klosterruine. Auf dem Weg in das kleine Dörfchen Mařenice, ehemals Groß Mergthal am Zwittebach, wo man sich noch recht preiswert in eines dieser kleinen Umgebindehäuschen für eine Woche einmieten kann, kommt man an einer Reihe historischer Ort vorbei: erst Dresden dann Bautzen später Kamenz.

Zittau: die Stadt der Fastentücher

Nur 15 Kilometer weiter kommt die Grenzstadt Zittau - an der regionalen "Via Sacra" gelegen. Und für die Stadt im Dreiländereck zwischen Polen und Tschechien sollte unbedingt ein mehrstündiger Aufenthalt eingeplant werden. Schließlich ist Fastenzeit und die Stadt wirbt schon am Ortseingang mit dem Slogan: "Zittau: Die Stadt der Fastentücher". Das historische Zentrum der alten Bergarbeiterstadt ist teilweise recht gut restauriert und ein Spaziergang lohnt, auch wenn es noch einige Ecken gibt, die sichtbar den Stempel der "realsozialistischen Unzeit" tragen. Der Höhepunkt für kunst- und kulturhistorisch Interessierte oder Menschen, die als gläubige Christen dieser Vorbereitungszeit auf Ostern eine besondere geistliche sowie optische Inspiration verleihen möchten, sind das "Große Zittauer Fastentuch" von 1472 und das "Kleine Zittauer Fastentuch". Das erste ist eine 8,20 Meter hohe und 6,80 Meter breite einzigartige Bilderbibel mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. 200 Jahre verhüllte das kostbare Leinentuch in der vorösterlichen Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis. Dann begann seine Odyssee voller Rätsel, Misslichkeiten und zum Kriegsende fast einem Totalverlust.

"Nein, als Kind hat man in der DDR nichts vom Fastentuch mitbekommen", erzählt der gebürtige Zittauer Thomas Breitzke, der im Zittauer Museum an der Kasse arbeitet. "Es war halt ein christlicher Brauch und das Tuch war ja beschädigt und irgendwo gelagert", sagt Breitzke. Als Zittauer habe er das Tuch "zum ersten Mal 2005 gesehen, als es schon in der Kreuzkirche hing." Mittlerweile kommen viele Reisende, eigens wegen der beiden Fastentücher nach Zittau – und das nicht nur zur österlichen Fastenzeit: "ganze Busladungen von Touristen aus ganz Europa, aus Übersee, aus USA oder Kanada. Die Leute sind richtig begeistert und sagen, Mensch, was ihr hier für einen Schatz habt in Zittau!", schwärmt Thomas Breitzke. Heute werden diese Kunstwerke von Weltgeltung nach gelungener Restaurierung durch die schweizerische Abegg-Stiftung in extra Räumen präsentiert. "Das "Große Fastentuch" ist laut Guinness Buch der Rekorde in der größten Museumsvitrine der Welt zu sehen und hat mit der ehemaligen "Kirche zum Heiligen Kreuz" sogar ein eigenes Museum“, berichtet Ilona Windisch, eine von 25 sogenannten Fastentuchbetreuerinnen, die für Führungen extra geschult wurden.

Das einzige Fastentuch in Deutschland

Zittauer Fastentuch
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Aber auch das mit 4,30 Meter mal 3,40 Meter große "Kleine Zittauer Fastentuch", dass heute im Kulturhistorischen Museum im ehemaligen Franziskanerkloster ausgestellt wird, ist mit seiner monumentalen Kreuzigungsszene umrahmt von mehr als 40 Symbolen der Passion eine einzigartige Kostbarkeit. Weltweit gibt es von diesem Arma-Christi-Typus nur noch sieben Exemplare. In Deutschland ist es das Einzige seiner Art. Geschaffen von einem unbekannten Maler 1573, hat es dazu die Besonderheit, dass eine evangelische Gemeinde dieses 56 Quadratmeter große Tuch in Auftrag gab, was nach Martin Luthers abschätzigem Urteil von 1526 zu Fastentüchern als "päpstlichen Gaukelwerk" schon an ein Wunder in Sachsen als ein Kernland der Reformation grenzte. "Jährlich kommen an die 40 000 Besucher nach Zittau, nur weil sie die beiden Fastentücher sehen wollen und der Besuch in Verbindung mit einem Kombiticket für Familien (14,- Euro) lohnt sich auch jenseits der besinnlichen Buß- und Fastenzeit", wirbt Frau Windisch.

Es ist schon Dunkel, als Groß Mergthal (Mařenice) auf der tschechischen Seiten des Oberlausitzer Berglandes erreicht wird. Das langgestreckte Dorf wurde 1372 erstmals urkundlich erwähnt und hatte bis zum Ende des 2. Weltkrieges noch 1300 Einwohner. Heute sind es weniger als ein Viertel. Den Ort dominiert die rosafarbene Maria Magdalena Kirche mit nur einem Kirchturm, die nachts effektvoll angestrahlt wird. Auch am Tag ist das Gotteshaus, das nach den Plänen des Italieners Octavio Grossi–Borggio in den Jahren von 1699 bis 1714 errichtet wurde, in der Ortsmitte gut sichtbar, steht es doch auf einer Anhöhe. Schwere Zeiten machte die katholische Kirche während der kommunistischen Diktatur durch: sie wurde zugesperrt und verfiel zunehmend. Doch nach dem Ende des religionsfeindlichen Regimes konnte im Jahr 1991 die Kirche neu geweiht werden. Seitdem gibt es auch wieder regelmäßige Gottesdienste. Alljährlich im Juli findet hier sogar eine Wallfahrt statt. Sehenswert ist neben dem prägnanten Gotteshaus auch eine dreiteilige barocke Statuengruppe, mit dem Heiligen Wenzel, einem Gekreuzigten sowie dem Heiligen Nepomuk an einer Brücke über den Bach.

Mit dem Auto erreicht man von Mařenice in gut 45 Minuten die größte Stadt der Region Reichenberg (heute Liberec) – mit seinem imposanten Rathaus, dessen Innenbesichtigung mit seinen bunten Glasfenster und historischen Treppenaufgängen lohnt ebenso wie das historische Theater sowie die historische Innenstand mit einer Reihe schöner Gründerzeit- und Jugendstilhäuser.

Wer einige Tage mehr Zeit hat sollte unbedingt die Kirche des Heiligen Laurentius in Deutsch Gabel (heute Jablonné v Podještědí) besuchen, wo sich vorab eine Anmeldung bei den Klosterbrüdern dieser „Basilica minor“ empfiehlt. Außerdem ist für den Reisenden zur Fastenzeit die Kapelle der Heiligen Anna in Münchengrätz (Mnichovo), die Loretokapelle im ehemaligen Kloster in Rumburg (Rumburk) sowie die Kirche Maria Heimsuchung in Heindorf (Hejnice) eine separate Empfehlung.

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