WorldSkills - Weltmeisterschaft der Berufe -

Interview vor der WM der Berufe in Abu Dhabi Spachteln für den WM-Titel: Lukas Kirschmer bei den WorldSkills 2017

Stuckateur Lukas Kirschmer könnte bei den WorldSkills 2017 zum Helden seines Berufstands werden. Als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft kämpft er bei der diesjährigen WM der Berufe um einen Platz auf dem Podest. Im Interview erklärt er, welche Opfer er für die Turniervorbereitung bringt und auf welches Werkzeug er keinesfalls verzichten könnte.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets WorldSkills - Weltmeisterschaft der Berufe

DHZ: Wie bereitest Du Dich auf die WorldSkills 2017 in Abu Dhabi vor?

Lukas Kirschmer: Seit Ende Mai bin ich unentgeltlich von meinem Familienbetrieb freigestellt. Seither trainiere ich im Prinzip jede Woche – bis auf drei oder vier Wochen Urlaub. Ohne Vorbereitung wäre ich chancenlos beim Wettkampf. Inzwischen kann ich aber stolz behaupten, dass ich gut vorbereitet bin. Mehr kann man kaum machen. Um im Kopf fit zu bleiben, baue ich nicht immer dasselbe Projekt auf. Am Anfang habe ich die alten Testprojekte trainiert. Mittlerweile zeichne ich schon selber welche. Wir üben alles, was theoretisch dran kommen könnte. Und hoffen, dass wir nichts vergessen haben.

DHZ: Klingt nach einem straffen Programm. Was steht als erstes nach den WorldSkills an?

Kirschmer: Es wäre mir schon recht, wenn ich danach erst einmal ein bis zwei Wochen frei hätte. In den Urlaub fahre ich nicht. Ich glaube aber auch, dass die Arbeit auf der Baustelle nach den ganzen Strapazen schon fast wieder erholend ist. (lacht)

DHZ: Was ist Deine genaue Aufgabe bei den WorldSkills und wie viel Zeit hast Du dafür?

Kirschmer: Im Prinzip muss ich ein Zimmer mit drei Wänden in Trockenbauweise aufbauen. Alle Wände werden gespachtelt, sowohl innen als auch außen. An eine Wand kommt zudem Stuck. Eine weitere Wand ist ein Freestyle-Modul. Für das gesamte Konstrukt habe ich 18 Stunden Zeit, verteilt auf vier Tage.

DHZ: Wo liegen Deine Stärken?

Kirschmer: Mein Wettkampf ist in vier Module aufgeteilt. Im Trockenbau-Modul fühle ich mich sicher. Beim Freestyle-Modul mache ich mir eigentlich auch keine großen Gedanken. Wenn ich mir den Plan anschaue, weiß ich sofort, wo ich meine Platten hinstellen muss, wie ich vorgehen muss, damit es am Ende so wird, wie ich es haben möchte. Ich würde sagen, schnell in eine Aufgabe hineinzukommen, ist inzwischen meine Stärke. Und das ist auch wichtig, gerade bei uns Stuckateuren. Wir bekommen im Vergleich zu anderen Skills kein Testprojekt zur Verfügung gestellt, das uns die Richtung der Wettkampfaufgabe weist.

DHZ: Warum werden bei den Stuckateuren keine Testprojekte mehr ausgegeben?

Kirschmer: Wahrscheinlich um zu sehen, wer im Kopf flexibel ist. Vielleicht aber auch um unsere asiatischen Kollegen ein wenig auszuschalten. Dort haben sie Trainingslager, in denen sie auf die Aufgabe getrimmt werden. Ich meine gehört zu haben, dass die Teilnehmer dort zwei Jahre für die WorldSkills trainiert haben. Die kennen das Testprojekt natürlich in- und auswendig. Jetzt ohne Plan geht das nicht mehr so leicht. Nun zählt: Wer ist so flexibel im Kopf, dass er egal was kommt, das Ding aufbauen kann?

DHZ: Wie bist Du so gut geworden?

Kirschmer: Ich habe immer geschaut, was ich besser machen kann. War neuen Methoden gegenüber nie verschlossen. Tipps habe ich dankend angenommen. Und dadurch, würde ich sagen, bin ich auch immer besser geworden. Ich wollte es. Und ich habe mir immer gedacht: Wenn man´s macht, dann macht man´s richtig.

DHZ: Was unterscheidet dich von Stuckateuren, die nicht zu den WorldSkills fahren?

Kirschmer: Mein Vorteil ist, dass ich in großen Stresssituationen die Ruhe bewahren kann. Damals beim Ausscheidungswettkampf habe ich zudem gezeigt, dass ich mich in kurzer Zeit extrem verbessern kann. Da war auch noch Luft nach oben.

DHZ: Was wäre das Schlimmste, das Dir passieren könnte während des Wettbewerbs?

Kirschmer: Wenn ich meine Wand im Trockenbau nicht fertig bekomme. Bei mir ist es so, dass jedes Modul auf das andere aufbaut. Wenn ich mit meiner Wand nicht fertig werde, dann geht´s nicht weiter. Zumindest nicht so, dass ich noch Chancen auf eine gute Platzierung hätte.

DHZ: Wenn Du nur ein Werkzeug mit zu den WorldSkills nehmen dürftest, welches wäre es?

Kirschmer: Das wäre ein Schnellbauschrauber, ganz klar. Einfach weil ich meine Gipsplatten an die Metallständer schrauben muss. Sonst könnte ich mein Konstrukt definitiv nicht aufbauen.

DHZ: Warum findest Du es wichtig, dass es Wettbewerbe wie die WorldSkills gibt?

Kirschmer: Die WorldSkills sind eine tolle Möglichkeit für junge Handwerker, um sich gegen andere Handwerker zu beweisen. Der Wettbewerb ist wie Olympia für uns. Für einen Sportler sind die Olympischen Spiele das höchste Ziel, keiner würde auf die Teilnahme verzichten wollen. Und genauso ist das bei uns. Auch für den internationalen Austausch ist es wichtig. Die Kontakte, die man hier sammelt, sind unbezahlbar. Bei jedem Event lernt man neue Leute kennen, denen man ansonsten niemals begegnet wäre. Über den Wettbewerb habe ich mir schon ein kleines Netzwerk aufgebaut. Wenn ich Fragen habe, wie ich mich noch weiter verbessern kann, dann habe ich hier Leute an der Hand, die sich absolut auskennen. Auf die kann ich immer wieder zurückgreifen.

DHZ: Was ist Deiner Meinung nach der spektakulärste Wettkampf im Turnier?

Kirschmer: Ich hab mich über die anderen Berufe nicht großartig informiert. Aber den Skill Robotik finde ich spannend. Nicht unbedingt den Entstehungsprozess, sondern eher das Endprodukt. Einfach zu sehen, dass die Leute diese kleinen Dinger bauen, die dann selbständig herumfahren und irgendwas machen – das ist schon klasse. Aber auch andere Skills wie die Zimmerer machen eine richtig gute Arbeit.

DHZ: Was sind Deine Ziele?

Kirschmer: Mein Ziel ist, dass ich mit meiner Arbeit zufrieden sein kann. Und das ist auch schon ziemlich schwer. Die Platzierung ist letztendlich egal solang ich mein Bestes gegeben hab. Nichtsdestotrotz wäre es natürlich schön, wenn ich eine Medaille mitnehmen könnte.

DHZ: Welche Länder siehst Du als Deine größten Kontrahenten bei den WorldSkills 2017 an?

Kirschmer: Das ist schwierig zu sagen, gerade weil kein Testprojekt bekannt ist. Ich denke, dass alle Teilnehmer aus dem europäischen Raum ziemlich stark sein werden. Wir haben hier einfach bessere Voraussetzungen als zum Beispiel die Kontrahenten aus Afrika. Es ist also wirklich sehr schwer einzuschätzen. Theoretisch kann jedes Land einen sehr guten Teilnehmer und Überraschungssieger stellen. Dazu kommt, dass dieses Jahr 20 Teilnehmerländer antreten. So viele gab´s noch nie.

DHZ: Wie würdest Du reagieren, wenn Du von der Jury als Gewinner vorgelesen wirst?

Kirschmer: Ich würde erstmal die Bühne hoch rennen. Das wäre ja schon das Nonplusultra, das passieren könnte. Besser geht´s nicht. Garantiert würde es dann auch eine Party in Deutschland geben. Das Grinsen könnte mir dann keiner mehr nehmen. Das würde ein paar Wochen halten.

DHZ: Schon aufgeregt?

Kirschmer: Bisher hält es sich in Grenzen. Ich weiß für mich, dass ich alles gemacht habe. Vor Ort werde ich dann bestimmt aufgeregt sein. Aber ich glaube nicht, dass ich mich von der Aufregung übermannen lasse. Ich habe den Rückhalt, dass ich gut vorbereite bin – das lindert die Aufregung.  

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