Menschen + Betriebe -

Sozialarbeit in der Backstube

Beispielgebende Projekte gegen Jugendarbeitslosigkeit - unter anderem in zwei Handwerksbetrieben - mit dem Deichmann-Förderpreis ausgezeichnet.

Er backt Biobrot, hat zusammen mit dem Fraunhofer-Institut einen optimalen Keimapparat entwickelt, beschäftigt 1.000 Mitarbeiter - davon 150 Auszubildende, setzt sich in seiner Heimatstadt für Problemkinder im Lebensumfeld ein, unterstützt das Projekt „Integration durch Sport“ der Neckarsulmer Sport-Union und engagiert sich auch noch kommunalpolitisch. Speziell für seinen erfolgreichen Einsatz gegen Jugendarbeitslosigkeit wurde Rolf Härdtner jetzt mit dem Deichmann-Förderpreis ausgezeichnet.

Härdtner will Arbeitsplätze den Menschen anpassen

„Sie haben ein Herz für Jugendliche“, bescheinigte Heinrich Deichmann in seiner Laudatio bei der Förderpreisverleihung dem Ehepaar Härdtner, das die 1937 gegründete Traditionsbäckerei nach den eigenen Vorstellungen von gemeinsamem Leben und Arbeiten behutsam umgebaut hat, nicht nur in technischer Hinsicht mit emissionsarmem Holzofen und einer Wasserrückgewinnungsanlage, sondern vor allem, was den Führungsstil „Gleiche unter Gleichen“ und die Auswahl der Mitarbeiter betrifft. „Wir schaffen die Arbeitsplätze nach den Menschen und ihren Stärken“, erklärt Annemarie Härdtner die Firmenphilosophie. Sie selbst hätte nach dem Abitur gerne studiert, stellte diesen Plan aber zurück, als sie in das Familienunternehmen Härdtner einheiratete. Längst ist die gemeinsame Führung des Betriebs zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Sie bezeichnet sich selbst unter anderem als „Schulungsleiterin“. Denn die für das Personal zuständige Chefin kümmert sich darum, die Defizite - sei es im Selbstbewusstsein oder in den schulischen Leistungen - ihrer Auszubildenden und Mitarbeiter auszugleichen. Die gezielte Nachhilfe im theoretischen Bereich empfindet sie als eine der größten Herausforderungen ihres Alltags. Um Jugendliche schon frühzeitig für den Bäckereibetrieb zu begeistern, besteht zwischen der Firma Härdtner und drei Hauptschulen in Heilbronn ein Ausbildungspakt. Zehn bis 15 Prozent der Ausbildungsplätze zum Bäcker, zum Konditor, zur Bürokraft oder zur Fachverkäuferin im Bäckerhandwerk sind bei Härdtner von vornherein für besonders benachteiligte Jugendliche, die beispielsweise geistig oder körperlich behindert sind, reserviert. Gerade sie brauchen Anschauungsunterricht, um die Entstehung von Backwaren zu verstehen. Deshalb gehen die Härdtners mit ihnen aufs Feld, säen und ernten Getreide, lassen sie die frischen Äpfel vom Obstbauern von Hand schälen und schneiden. Aber mit der Ausbildungsbetreuung ist es bei vielen ihrer Schützlinge nicht getan. Das Ehepaar kümmert sich auch um das persönliche Wohl, hilft zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder nimmt in Fällen häuslicher Schwierigkeiten auch schon mal den einen oder anderen vorübergehend bei sich auf.

Lippold bewertet Jugendliche nicht nach Schulnoten

Bei gravierenden Problemen steht den Härdtners seit zwei Jahren sogar ein Sozialarbeiter zur Seite. Eingestellt ist der junge Mann in der Firmenzentrale zwar für die Betreuung der EDV, aber seine sozialpädagogische Erstausbildung kommt den Chefs sehr gelegen. Und weil die Härdtners noch viel vorhaben und das Preisgeld aus dem Deichmann-Fördertopf in weitere Integrationsprojekte stecken wollen, ist Annemarie Härdtner jetzt dabei, sich ihren Jugendtraum zu erfüllen: Sie studiert Psychologie.

Dass man nicht zu den Großen der Branche gehören muss, um sich als Unternehmer sozial zu engagieren, beweist Thomas Lippold. Er führt die 1924 gegründete Lippold Glasbau GmbH in Dreieich in vierter Generation und hat 15 Mitarbeiter. Seit Jahren gibt er immer wieder Jugendlichen, die aufgrund eines fehlenden Schulabschlusses oder wegen ihres Migrationshintergrunds Schwierigkeiten beim Berufseinstieg haben, die Chance auf einen Ausbildungsplatz. „Es ist wichtig, die Jugendlichen nicht nach ihren Schulnoten zu bewerten“, sagt der Glasermeister, „entscheidend ist für mich, dass sie arbeiten wollen.“ Ob diese Grundeinstellung vorhanden ist, erfährt Lippold schon, während die Schüler einer Hauptschule, mit der er kooperiert, bei ihm ein Praktikum absolvieren.

Dass Lippold mit der schulnotenunabhängigen Auswahl seiner Azubis nicht falsch liegt, beweist eine beachtliche Erfolgsbilanz: Er hat insgesamt 20 Jugendliche mit Startschwierigkeiten ausgebildet, 13 von ihnen schlossen ihre Lehre mit dem Gesellenbrief ab. 2009 stellte Lippold sogar einen Kammersieger und den Landessieger im Glaserhandwerk. Neben der normalen Ausbildung schickt Lippold seine Auszubildenden und Mitarbeiter zu Fortbildungen. So haben die meisten auch einen Kranführerschein und Zertifikate als Anschläger. Die auf diese Weise für den eigenen Betrieb herangebildeten Fachkräfte erweisen sich aus dem eigenen Lebenslauf heraus als überaus engagiert, tragen diesen Geist weiter und stehen den Lehrlingen mit Rat und Tat zur Seite.

Hinter den Projekten steckt Engagement und Liebe

Am Wettbewerb um den Deichmann-Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit, den der Schuheinzelhändler in diesem Jahr zum sechsten Mal ausgeschrieben hat, nahmen 200 Bewerber aus Schulen, Vereinen, Institutionen und Firmen teil. „Wenn man etwas gegen Jugendarbeitslosigkeit tun will, muss man schon früh in den Schulen anfangen und die Kinder auf die Anforderungen des Arbeitslebens vorbereiten“, sagt Heinrich Deichmann. Denn eines werde der Staat nie leisten können: „Das Engagement und die Liebe, die hinter den ausgezeichneten Projekten steckt.“ Die Bäckerei Härdtner und die Glaserei Lippold sind nur zwei von vielen Beispielen dafür. Mit dem diesjährigen Deichmann-Förderpreis wurden neben ihnen neun weitere Projekte ausgezeichnet.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten