Branche -

Attentat auf Synagoge in Halle Die Türe, die Schusswaffen, Brand- und Sprengsätzen trotzte

Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung: Das Urteil für den Attentäter auf die Synagoge in Halle ist am 21. Dezember gefallen. Dass Stephan Balliet letztlich "nur" zwei Menschen bei dem Anschlag tötete, liegt auch an der Arbeit von Thomas Thiele. Der Tischlermeister hatte für die Synagoge die Tür gefertigt, an der der rechtsradikale Angreifer scheiterte. Wie es dazu kam.

Um die Ecke steht ein Einsatzwagen. Zwei Polizisten behalten die Humboldtstraße im Auge, patrouillieren an der Synagoge vorbei, beäugen auch Thomas Thiele, der dort vor der Pforte steht. Der Tischlermeister grüßt sie mit kurzem Kopfnicken und wendet sich dann wieder seiner Tür zu. Ende Juli hat er sie hier eingebaut, unter Medienrummel.

Thiele betrachtet sein berühmtes Werk, versucht zu erklären, was das Besondere daran ist, ohne zu viel über dessen Sicherheitsmerkmale zu verraten: Eine ganz normale Blend­rahmentür sei es, massive Eiche, in drei Schichten aufgebaut, 5,5 Zentimeter stark. Er streicht mit der Hand über die Lamellen. Optisch erinnert das braune, oben abgerundete Holz an einen Fensterladen, es sollte zum Mauerwerk aus gelb-rötlichen Ziegeln passen. Tatsächlich ist die Tür aber ein Bollwerk, das die Menschen in der Humboldtstraße schützen soll. So wie seine Vorgängerin.

Tür hielt dem Anschlag Stand

Vor einem Jahr, am 9. Oktober 2019, hatte ein Attentäter versucht, in die Synagoge von Halle einzudringen. Am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur wusste er das Gotteshaus voll; für diesen Tag hatte er seinen Anschlag vorbereitet. Mit Schusswaffen, Brand- und Sprengsätzen traktierte er die Tür und das Friedhofstor – doch die solide Eiche hielt Stand.

Thomas Thiele wurde über Nacht bekannt als der Handwerker, dessen Arbeit ein Massaker verhindert hat. Sein Gesicht war in allen Nachrichten, seine Tür wurde vielfach portraitiert. Mittlerweile ist sie Herzstück eines Denkmals, das am Jahrestag des Anschlags im Hof der Synagoge enthüllt wurde.

Ganz wohl fühlt sich der Tischlermeister mit dieser Rolle nicht: "Das ist eine traurige Geschichte mit unserer Tür. Sie wird fast wie ein Heiligtum behandelt", denkt Thiele laut nach. Bevor er Ende Juli die neue Tür einbauen konnte, pilgerten Besucher zu der versehrten Tür, ließen sich davor fotografieren und pulten Holzspäne aus den Einschusslöchern, als würden sie Reliquien sammeln. "Mir gehen darüber die Opfer des Anschlags zu sehr unter", äußert Thiele Unbehagen. Denn der Attentäter erschoss draußen auf Straße eine Passantin, wenig später einen jungen Mann in einem Imbiss und verletzte auf seiner Flucht weitere Menschen.

Blutbad in Synagoge verhindert

Für Max Privorozki, Vorstand der jüdischen Gemeinde in Halle, ist es dennoch nachvollziehbar, warum Menschen der "Wundertür" so viel Bedeutung beimessen: "Das kann man nicht kleinreden. Es war die Tür, die ein Blutbad in der Synagoge verhindert hat", sagt er. Thomas Thieles gute Arbeit, aber auch "Hilfe von oben" haben seiner Meinung nach ihn und die anderen Gläubigen in der Synagoge vor noch Schlimmerem bewahrt. Deshalb habe auch nie Zweifel daran bestanden, dass Thiele den Auftrag für eine neue, noch sicherere Tür bekommen solle. "Wir vertrauen ihm", betont Privorozki.

Vor zehn Jahren, als Thiele die erste Tür für die Synagoge fertigte, kam der Kontakt zur jüdischen Gemeinde zufällig über einen Freund zustande. Damals ging es weniger um Sicherheit als um Optik. Es gab Auflagen des Denkmalschutzamts. Thiele arbeitete zu der Zeit noch mit Stichsäge, Fräse und Schablone an der Tür.

Die Zeiten haben sich seither gewandelt, auch in Thieles Betrieb. Die neue Tür, äußerlich ein Zwilling der alten, hat der Tischlermeister großteils auf seiner Fünfachs­­-­CNC-Maschine gefertigt, dem Stolz seines Sechsmannbetriebs.

Sicherheitsvorgaben des Bundeskriminalamts

Das Innenleben der Tür ist deutlich anspruchsvoller, als es bei der Vorgängerin war. Thiele arbeitete nach den Sicherheitsvorgaben des Bundes­kriminalamtes. "Abgesehen davon war die Tür aber ein ganz normaler Auftrag für uns, die ganz normale, tägliche Handwerksarbeit", gibt er sich bescheiden.

Böse Kommentare zu diesem Auftrag schmettert Thiele ab. Bisher seien das vor allem hämische, keine rechtsradikalen Äußerungen gewesen. Er erinnert sich an einen Post auf Facebook: "Hauptsache, der Tischler ist reich geworden", habe da einer geschrieben. Thiele verzieht das Gesicht. Er habe Lohn- und Materialkosten kalkuliert wie bei jedem anderen Auftrag auch. Von Reichtümern sei er momentan weit entfernt. Dann erzählt er ein wenig aus den vergangenen Jahren, die nicht nur rosig waren für den Unternehmer.

2005 hatte er seinen Betrieb in einer benachbarten Garage gegründet, brauchte aber bald mehr Platz. Erst zog er in das ehemalige Betriebsgelände des Schwermaschinenbaubetriebes "ZAB", später in den Dessauer Ortsteil Roßlau. Auf einem alten Industrieareal, versteckt zwischen gewaltigen Krananlagen und historischen Backsteingebäuden, mietete er ein Gebäude, später kaufte er es. Heute steht hier sein modernes Bearbeitungszentrum. "Eine Hobelbank habe ich gar nicht mehr, wir bearbeiten 90 Prozent unserer Stücke auf der CNC-Maschine. Für den Rest haben wir mobile Arbeitsplätze", so Thiele.

Auf einem guten Weg

Die Investitionen, vor allem aber sehr schnelles Wachstum brachten den Unternehmer an seine Grenzen: "Innerhalb eines Jahres sind wir von drei auf 17 Mitarbeiter gewachsen. Ich hatte sie und auch die Aufträge von einer insolventen Firma übernommen. Aber wir machten trotz Riesen-Umsätzen keinen Gewinn. Im Gegenteil", erinnert sich Thiele.

Mit den Folgen dieser Episode hatte der Betrieb lange zu kämpfen, Schulden, Entlassungen, Imageverlust. "Aber jetzt sind wir auf einem guten Weg", ist Thiele zuversichtlich. Die Schulden sind abbezahlt, die Mitarbeiterzahl mit vier Gesellen und einem Azubi stabil – "und insgesamt spüre ich auch eine positive Wirkung auf unser Image durch den Synagogen-Auftrag".

Es werde sicher noch vier bis fünf Jahre dauern, bis er in seinem Betrieb alles so eingerichtet hat, wie er es sich wünscht. Aber er strebt kein Wachstum mehr an, vielmehr Stabilität und gute, handwerkliche Arbeit, so wie bei seiner Tür.

Dass deren Qualität über Leben und Tod entscheiden könnte, nein, darüber habe er nicht nachgedacht, während er an ihr arbeitete. Das zu behaupten, wäre übertrieben. Nachdenklich fügt er hinzu: "Aber ich wünsche ihr, dass sie nie beweisen muss, was sie kann."

Antisemitismus in Deutschland

Die Pogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938 markiert den Anfang ­einer systematischen Verfolgung von Juden unter den Nationalsozialisten. In dieser Nacht wurde auch die alte Synagoge in der Hallenser Innenstadt zerstört. Ab 1948 wandelte die Gemeinde das Gebäude am jüdischen Friedhof zur Synagoge um und nutzt es seither als Gotteshaus.
Seit dem terroristischen Anschlag am 9. Oktober 2019 ver­suchen Bund und Länder, jüdische Einrichtungen stärker zu schützen. ­Dennoch kam es Anfang Oktober 2020 in Hamburg zu einem weiteren antisemi­tischen Anschlag vor einer Synagoge.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten