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Roboter auf Twitter und Facebook Social Bots im Wahlkampf: Welche Rolle spielen sie?

Über Twitter und Facebook lenken Roboter politische Stimmungen, streuen falsche Fakten und können das Wahlverhalten beeinflussen. Auch bei der Bundestagswahl?

Das Vereinigte Königreich bleibt in der EU und Hillary Clinton wird zur ersten Präsidentin der USA gewählt. Zwei der bedeutendsten Wahlen im vergangenen Jahr hätten schon bei relativ geringen Verschiebungen der Stimmen anders ausgehen können.

Haben Donald Trump und die Brexit-Befürworter ihre knappen Erfolge nur der Unterstützung von Robotern zu verdanken, so genannten Bots? Weit hergeholt scheint das zumindest nicht. Eine Studie der University of South Carolina zeigt, dass fast 20 Prozent aller Tweets auf Twitter im US-Präsidentschaftswahlkampf von Social Bots (siehe Kasten) verbreitet wurden. Und eine andere Studie der Universität Oxford kommt zu dem Ergebnis, dass nach dem ersten TV-Duell der US-Wahl jeder dritte Tweet für das Trump-Lager von einem Bot versendet wurde. Bei Hillary Clinton war es immerhin noch fast jeder vierte Tweet.

Auch unter den Followern von Trump und Clinton auf Twitter sollen sich Millionen Bots verstecken. Weltweit könnten 100 Millionen Social Bots aktiv sein, schätzt Simon Hegelich, Bot-Experte und Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik München.

Meinungsmache auf Twitter

Bots können zwar selbst nicht an die Wahlurne gehen, aber die Wähler in ihrer politischen Entscheidung beeinflussen. Sie verbreiten Nachrichten zur Manipulation von politischen Trends, sie polarisieren und verstärken bestimmte Meinungen und verbreiten falsche oder unvollständige Informationen.

Die wichtigsten Kanäle für Bots sind die sozialen Netzwerke. Vor allem Twitter wird gerne für den Einsatz von Bots genutzt, weil das soziale Netzwerk die Roboter leichter als Facebook auf seine Programmierschnittstelle zugreifen lässt. Ohne großen Aufwand lassen sich auf Twitter computergenerierte Nutzer erstellen, die eigene Beiträge verfassen, Beiträge retweeten (weiterverbreiten), gezielt Personen folgen oder mit echten Nutzern in Kontakt treten. Einfache Bots lassen sich schon für wenige Euro mit Anleitungen im Internet selbst erstellen.

Was ist ein Bot?

Bots ist eine Abkürzung für Robots. Die Computerprogramme können automatisiert bestimmte Aufgaben ausführen und untereinander und mit menschlichen Nutzern interagieren. Unterschieden wird zwischen nützlichen Service Bots/Chat-Bots, die Internetnutzern zum Beispiel beim Online-Shopping als Assistent dienen, und Social Bots. Der Einsatz von Social Bots dient vor allem dem Ziel, auf politische Debatten Einfluss zu nehmen.

Es gibt aber auch immer aufwändiger programmierte Bots, die sich für Laien nur schwer von menschlichen Accounts unterscheiden lassen. (siehe Kasten). Die Social Bots können deshalb oft verdeckt und ungehindert ihre politischen Ziele in den Netzwerken verfolgen.

Twitter ist für den Einsatz von Social Bots auch deshalb so beliebt, weil das Netzwerk gerne von Meinungsführern und Journalisten genutzt wird.

Fake News werden Fakten

Ziel der Bots ist es nicht nur, die Bürger über die Netzwerke zu erreichen, sondern auch von den klassischen Medien beachtet zu werden. Greifen Journalisten die Nachrichten der Bots auf und verbreiten diese über ihre Kanäle weiter, wird die Wahrnehmung und Wirkung der Meldungen um ein Vielfaches verstärkt. Letztlich spekulieren die Initiatoren der Bots darauf, dass ihre gestreuten Falschinformationen und Gerüchte von den als seriös geltenden Medien zu Fakten erhoben werden.

Die Manipulationskraft der Social Bots zeigte sich vor dem US-Wahlkampf und dem Brexit-Votum auch schon im Ukraine-Konflikt. Laut Zahlen von Experte Simon Hegelich sollen von 15.000 Profilen etwa 60.000 Tweets pro Tag abgesetzt worden sein, um eine prorussische Stimmung im Internet zu verbreiten. „Putins Troll-Armee“, wie die mit dem Kreml in Verbindung gebrachte Organisation genannt wird, soll von Sankt Petersburg aus agieren.

Woran erkennt man einen Bot?

  • das Nutzerprofil wurde erst kürzlich angelegt, verfügt aber schon über ­eine große Anzahl an Tweets/Posts
  • der Nutzer besitzt wenig Follower/Fans
  • der Nutzer hat kein/e Foto/Biografie
  • der Nutzer postet Meldungen anlassbezogen in großer Zahl und mit ähn­lichem Inhalt
  • die Freunde des Nutzers weisen ein sehr ähnliches Profil auf und veröffentlichen fast identische Inhalte

Ob die Macht der Social Bots auch den Wahlkampf der Bundestagswahl beeinflussen wird, ist unter Experten hingegen umstritten. Das liegt vor allem daran, dass es noch keine verlässlichen Studien darüber gibt, wie viele Bürger sich durch Social Bots tatsächlich beeinflussen lassen. Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung lud zu diesem Thema eigens 20 Experten zu einer Debatte in den Bundestag ein. Ein konkretes Ergebnis gab es allerdings nicht. Genauso wenig wie zu der Frage, ob eine Kennzeichnungspflicht oder ein Verbot von Bots möglich und sinnvoll wäre.

Eine Bedeutung wie im US-Wahlkampf dürften die Bots im anstehenden Wahlkampf zumindest nicht gewinnen. Das liegt zum einen daran, dass die deutschen Parteien ihren Verzicht auf den Einsatz von Social Bots erklärt haben, vor allem aber an der Internet- und Social-Media-Nutzung der deutschen Bürger. Im Vergleich zu den USA sind die Nutzerzahlen bei Twitter viel geringer. Während in den USA fast jeder vierte Bürger im Netzwerk unterwegs ist, ist es in Deutschland höchstens jeder siebte. So dürften nur wenige deutsche Wahlberechtigte direkt mit Bots in Berührung kommen.

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