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TV-Kritik: ZDF Reportage über Unternehmer, die dem Lockdown trotzen So leiden auch Branchen, die geöffnet haben

Von Konferenz zu Konferenz hangelt sich die Politik in der Corona-Krise. Nun sollen offenbar erste Lockerungen beschlossen werden, doch was genau passiert, ist unklar. Derweil kämpfen viele Unternehmer ums wirtschaftliche Überleben. Die ZDF Reportage stellte in einem einfühlsamen Beitrag einige Schicksale von Unternehmen vor, die trotz Öffnung große Schwierigkeiten zu bewältigen haben – auch Handwerker aus den unterschiedlichsten Gewerken.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf einen Schuhmacher aus? Die Frage ist berechtigt, denn das Gewerk steht nicht unbedingt im Zentrum der Debatte um die Schäden, die der Lockdown verursacht ist aber durchaus davon betroffen. Jürgen Bootz aus Heidelberg repariert in seiner Werkstatt seit vielen Jahren Schuhe, und der Besuch des ZDF-Kamerateams bei ihm im Rahmen der Reportage "Wir machen weiter - trotz Corona" war in der Tat sehr erhellend für den Zuschauer. Weil nämlich derzeit nur wenige Menschen draußen unterwegs sind, dafür aber viele im Homeoffice arbeiten, entgehen dem Schuhmacher stattliche Summen. Rund 50 Prozent weniger Umsatz verzeichnet Bootz seit Beginn der Krise. Er kann mit seinen Einnahmen gerade so die Fixkosten decken, für den persönlichen Bedarf des täglichen Lebens geht er derzeit an seine private Altersvorsorge ran. Hartz IV drohe ihm, wenn er zusperren müsste, sagt er, das wisse jeder Selbstständige.

Seine Kunden bedient Bootz ausschließlich vor dem Laden, aus Hygiene-Gründen, und liefert nun auch mit dem Fahrrad aus. Ganz nebenbei versucht er bei allen Problemen die neu gewonnene Freizeit ein wenig zu genießen. Mal was backen, Fahrrad fahren, er tue jetzt einiges, wozu er früher keine Zeit gehabt habe. Und auch wenn Bootz derzeit mit seinem Lieferservice ein wenig von dem Verlust kompensieren kann, so dürfte er es doch nicht noch viel länger schaffen, wenn es keine Öffnungsperspektive aus der Politik gibt.

Viele Härten auch für Bäcker

Wenn die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten am Mittwoch, 3. März, wieder tagen und wohl über mögliche Öffnungen des Einzelhandels oder der Gastronomie diskutieren, dann geht es nicht nur um die Branchen, die derzeit geschlossen sind. Auch für andere Unternehmen, etwa Schuhmacher, aber auch Bäcker, die derzeit noch öffnen dürfen, bringt die Lockdown-Krise viele Härten mit sich. Spannend wird deshalb zu sehen, ob und wenn ja welche Öffnungsschritte die Politik einleiten wird, um Wirtschaft und Mittelstand die Chance zu geben, zu einer Art Normalität zurückzukehren und den Ruin abzuwenden.

Von "großem Glück", zu den Berufszweigen zu gehören, die lebensnotwendig sind, spricht Zülya Özdag, Inhaberin einer Bäckerei in der türkisch geprägten Kölner Keupstraße. Die Kunden muss Özdag immer wieder davon abhalten, mit der gesamten Familie die Bäckerei zu betreten. "Wenn ich hier die Gesetze durchsetzen muss, dann bin ich die Deutsche", scherzt Özdag. Zwar habe der Betrieb auch Umsatzeinbußen zu beklagen, doch die Existenz sei gesichert – aber auch hier: Statt früher 100 Bleche Kuchen und Törtchen würden jetzt nur noch 20 bis 30 verkauft. Der Lockdown, er trifft durchaus auch die Geschäfte, die noch geöffnet haben. Als Ausgleich hat die Bäckerei einen Online-Shop ins Leben gerufen, an dem die gesamte Familie mitarbeitet. Dennoch bleibt Unsicherheit, auch weil der eine oder andere aus der Kundschaft es mit dem Abstandsgebot nicht so hat, wie eine Szene vor der Bäckerei zeigt, in der ein Familienmitglied für ausreichen Abstand in der Warteschlange sorgen muss. Sie habe Angst, dass ihr der Laden geschlossen werde, wenn sie die Regeln nicht einhalte, aber gleichzeitig auch, dass sie Kunden verliere, wenn sie nicht mal eine Ausnahme mache, sagt Özdag, und fragt: "In welche Richtung soll ich mich denn so orientieren?" Probleme über Probleme, obwohl der Laden geöffnet ist.

Beim Sanitärbetrieb läuft es sehr gut

Der Sanitärbetrieb von Edelbert und Ute Eller aus Baden-Baden kann indes nicht klagen. Volle Auftragsbücher und "das Gefühl, dass man wirklich überhaupt nichts merkt, weil wir ja auch im Service tätig sind", bescheinigt Edelbert Eller sich und seinem Unternehmen. Eher könnte er noch Leute gebrauchen, wenn er auf die Auftragslage schaue. Fachkräftemangel inmitten der Krise – eine ungewohnte Perspektive, die vom ZDF-Team gekonnt eingefangen wurde. Doch ganz spurenlos geht Corona dann doch nicht an dem Betrieb vorbei. Die eigene Corona-Infektion von Edelbert Eller im Frühjahr 2020 war eine schwere Zeit für Familie und Unternehmen - seither achtet jeder im Unternehmen auf die Maske, gerade bei Kundenkontakt. Dass das mitunter bei körperlicher Arbeit belastend ist, erklärt einer von Ellers Mitarbeitern.

Bei der Friseurin liegt die Hoffnung auf der Wiedereröffnung

Überhaupt: Wie nahe in der Krise Glück und Pech oft beieinander liegen können, zeigt der Fall der Frau eines von Ellers Mitarbeitern. Monika Nitsch hat erst vor einem Jahr ihren Friseursalon geöffnet und schon zwei Mal schließen müssen. Während ihr Mann in der Sanitärfirma mehr als genug Arbeit hat, muss sie aussetzen. Immerhin kann er zusammen mit einem Kollegen die defekte Lüftungsanlage im Salon reparieren und es besteht bei den Friseuren seit dem 1. März ohnehin wieder Hoffnung, denn sie dürfen ihre Salons wieder öffnen. Ein Lichtblick am Ende eines sonst tristen Corona-Winters.

Krankenhaus, Gesundheitsamt - das Land kämpft an allen Fronten mit der Pandemie

Die Reportage des ZDF bewegte sich stets nah an den Schicksalen der Menschen, ohne aber ins Kitschige abzugleiten. So wurde noch eine Flugbegleiterin gezeigt, die derzeit in Kurzarbeit ist und deshalb in einer Bäckerei im Verkauf aushilft, es gab Einblicke in ein Krankenhaus in Leipzig, in dem Corona-Patienten behandelt werden, und in ein Gesundheitsamt in Thüringen, in dem besonders viele Fälle aufgetaucht sind und das nun versucht, mit mehr digitaler Technik der Virusverbreitung die Stirn zu bieten auch wenn dies dem Amtsleiter nicht so recht schmeckt und er dem Fax ein wenig nachtrauert, das "schlecht geredet" worden sei. Zudem besuchten die Reporter ein Pflegeheim in Nordrhein-Westfalen und brachten eindringliche Bilder mit von Großeltern, die ihre Enkel nur auf Abstand oder gar per Video sehen dürfen. So ergab sich ein umfassendes Bild der Corona-Lage im Land, wobei der Fokus auf die Menschen, die trotz der Tatsache, dass ihre Betriebe geöffnet sind, mit Problemen zu kämpfen haben, am ergiebigsten war.

Der Lockdown sorgt zunehmen für Schaden - auch in nicht geschlossenen Branchen

Einmal mehr wurde klar, dass der von der Politik verordnete Lockdown nicht nur direkt die geschlossenen Branchen betrifft, sondern vielen anderen Unternehmen in der Folge auch schadet. Dass dies auch die handelnden Politiker in den Bund-Länder-Treffen einmal berücksichtigen, steht zu hoffen. Denn dass der wirtschaftliche Schaden von Tag zu Tag größer wird und auch Gewerke wie etwa Schuhmacher betrifft, von denen man das vielleicht gar nicht direkt gedacht hätte, das wurde den Zuschauern dieser Ausgabe der ZDF Reportage auf sehr eindringliche Weise bewusst.

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