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TV-Reportage: "Handwerker gesucht – Ein Berufsstand in der Krise" So kreativ kämpft das Handwerk gegen Vorurteile

Kunden, die monatelang auf den Handwerker warten; Betriebe, die dringend Nachwuchs suchen; Baustellen, die nicht fertig werden: Um diese altbekannten Probleme dreht sich eine aktuelle ZDF-Reportage. Gleichzeitig zeigt die Doku aber auch, wie kreativ das Handwerk gegen Nachwuchsmangel und Vorurteile vorgeht – und präsentiert Lösungen, von denen sich nicht nur Handwerkschef etwas abschauen können.

"Es ist ein Paradox", sagt Ralf Suhre, nachdem er das Kamerateam durch die noch halbfertigen Räume der Innung für Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik (SHK) geführt hat. Denn mit dem neuen hochmodernen Ausbildungszentrum in München befindet sich ausgerechnet das Gebäude noch im Bau, in dem die Zukunft des Handwerks ausgebildet wird. Eigentlich sollte es bereits vor einem Jahr fertig sein, so der Innungs-Geschäftsführer. Doch es kam anders: "Ob es private Verbraucher sind, ob es Institutionelle sind wie wir: Wir haben alle das gleiche Problem", so Suhre.

Mit "Problem" meint er den derzeitigen Handwerkermangel. Genau um dieses Thema dreht sich die neue ZDFinfo-Reportage "Handwerker gesucht – Ein Berufsstand in der Krise", die am 29. August 2020 zum ersten Mal im TV ausgestrahlt wurde. Sehenswert machen den Film vor allem die unterschiedlichen Perspektiven auf den Handwerkerberuf: Die Dokumentation zeigt nicht nur, wie Innungen, Handwerkskammern und Handwerksbetriebe jeweils mit dem Nachwuchsmangel umgehen und welche Lösungsstrategien sie dagegen entwickelt haben. Auch Schüler, Quereinsteiger und Azubis kommen in der Dokumentation zu Wort – dabei wird deutlich, dass das Handwerk in vielen Köpfen leider immer noch einen schlechten Ruf genießt.

Kunden warten bis zu 6 Monate auf Termin

Teilweise – berichten die im Film gezeigten Verbraucher – mussten sie bis zu sechs Monate auf einen Termin warten. Aber auch Handwerker haben mit dem Notstand zu kämpfen. Ein passendes Beispiel wählten die Produzenten mit Toni Horvat, Inhaber eines Münchener Sanitär-, Gas- und Heizungsbetrieb aus. Er fasst die aktuelle Lage vieler Betriebe zusammen: "Wir können eigentlich nur unsere Stammkunden bedienen bei einem Notfall", so der Handwerksmeister. Ihm fehlen schlichtweg die Fachkräfte.

Mit Zaki Nadir hat er immerhin einen motivierten Lehrling gefunden. Der 21-Jährige ist vor drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Aktuell wird er hier jedoch nur für die Zeit seiner Ausbildung geduldet. Keine leichte Entscheidung für den Chef, ihn trotzdem einzustellen: "Keiner konnte mir […] sagen: Kann er dann die dreieinhalb Jahre dableiben?", so der Chef. Mittlerweile sei er aber guter Hoffnung, seinen Azubi auch nach der Ausbildung übernehmen zu können.

Es ist ein weiteres Paradox, das sich am Fall von Nadir zeigt, wie Florian Willibald, Ausbildungsmeister an der SHK-Innung findet: "Wir haben Handwerkermangel und wollen Leute, die eine Ausbildung machen […] abschieben", bemängelt er in der Doku. Willibald habe gute Erfahrungen mit Lehrlingen gemacht, die einen Migrationshintergrund haben. Viele Deutsche hingegen seien sich oft zu schade, etwas Handwerkliches zu tun.

Eltern und Schulen haben großen Einfluss auf die Berufswahl

"Handwerk ist schmutzig, anstrengend und nur was für Doofe" – viele der Vorurteile, die Menschen hierzulande gegenüber dem Handwerk haben, werden im Film genannt. Gegen dieses schlechte Image will auch die Handwerkskammer München angehen, in dem sie an Schulen regelmäßig für Handwerksberufe wirbt. So besucht Serkan Engin, Fachberater für Berufsausbildung, in der TV-Reportage eine Klasse im Münchener Stadtteil Obersendling. Die Schüler will er für die Branche begeistern, indem er ihnen spannende Handwerksarbeiten zeigt, etwa am höchsten Gebäude der Welt oder im Weltraum. Neben einem Überangebot an Informationen bemängelt Engin vor allem die Einstellungen vieler Erwachsener gegenüber dem Handwerk. "Der wichtige Faktor ist auch die Eltern miteinzubeziehen", lautet der Lösungsvorschlag des Fachberaters. Denn haben Jugendliche diese nicht als Stütze, würde es umso schwieriger für sie sein, sich für einen Berufseinstieg ins Handwerk zu entscheiden.

Das weiß auch die im Film gezeigte Quereinsteigerin Rebecca Körner. Nach dem Abitur studierte die heutige Konditormeisterin zunächst, entschied sich dann aber für eine Ausbildung im Fickenscher Backhaus im fränkischen Münchberg. Dort machte sie ihr Hobby zum Beruf. Ihrer Meinung nach machen nicht nur die Eltern, sondern auch die Schulen viel falsch, indem sie Schüler regelrecht in ein Studium drängen: "Wir sollten den Jugendlichen die Chance geben, in die Berufe reinzuschnuppern", schlägt die Konditorin stattdessen vor.

Bäckerei lockt Nachwuchs mit neuer Technologie

Genau diese Chance bietet Chef Andreas Fickenscher den Jugendlichen. Im Film zeigt er einer Schulklasse seine Großbäckerei – nur eine von vielen Ideen, die dabei geholfen haben, junge Menschen für das Bäckerhandwerk zu begeistern. Das Fickenscher Backhaus kann sich seine Auszubildenden mittlerweile aussuchen, heißt es in der Doku. Um den Beruf des Bäckers attraktiv zu machen, kombiniert der Bäckermeister zudem traditionelle Rezepte mit neuen Technologien. So hat der Betriebsinhaber etwa viel Geld in eine Teigreifekammer gesteckt, in der Brötchenteig über Nacht langsam reifen kann. "Wir können somit viel Nachtarbeit auf den Tag verlegen", erklärt Fickenscher. Das sei nicht nur fürs Gebäck gut, sondern auch attraktiv für die Mitarbeiter.

Auch Innung setzt auf Digitalisierung

Auf neue Technologien und Digitalisierung setzt auch die SHK-Innung in ihrem neuen Ausbildungszentrum in München. Zukünftige Azubis will sie etwa mit einen virtuellen Maschinenkurs via VR-Brille begeistern, in dem die Auszubildenden wichtige Handwerksgriffe Schritt für Schritt lernen. Die wird im Film von Lehrling Zaki Nadir getestet und als gut befunden. Denn: "Hier lernst du wirklich sehr genau", so der Azubi.

Bekannte Probleme, kreative Lösungen

Fazit: Zwar dürften die im Film aufgezählten Probleme den meisten Handwerkern bestens bekannt sein – gleichzeitig gibt die Dokumentation aber interessante Denk- und Lösungsanstöße, von denen nicht nur Unternehmer, sondern auch Eltern, Schüler und Gesellschaft viel mitnehmen können. Was beim Zuschauer am Ende der Reportage hoffentlich hängenbleibt: Das Handwerk ist ein weit unterschätzter Berufsstand, der mit viel Kreativität und Einfallsreichtum Problemen wie dem Nachwuchsmangel entgegentritt. Die 43-minütige Reportage können Interessierte noch bis zum 3. November 2021 online in der ZDFmediathek anschauen.

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