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TV-Kritik: Plusminus zum Brexit-Chaos aus Sicht von Unternehmen So hart trifft der Brexit eine kleine deutsche Bäckerei in London

Das nennt man dann wohl einen Volltreffer. Nur einen Tag nach der historischen Entscheidung des britischen Unterhauses, den Brexit-Deal von Theresa May nicht anzunehmen, und etwa anderthalb Stunden, nachdem die Premierministerin knapp ein erneutes Misstrauensvotum überstanden hatte, sendete das ARD-Wirtschaftmagazin Plusminus einen Beitrag zu den Auswirkungen des Brexit auf Unternehmen und Beschäftigte – mit überraschenden Perspektiven und neuen Einsichten. Einen Bäcker in London etwa trifft die aktuelle Unsicherheit besonders hart.

Nein, die Auslage einer typischen Bäckerei in London sieht normalerweise nicht so aus wie bei "Hensel & Pretzel German Delicatessen". Hier gibt es Brezen, Roggen-Malz-Brot, Dinkel-Kartoffel-Brot, Käsestangen – und sogar Würste. Die deutsche Bäckerei versorgt die Menschen im Stadtteil Richmond nicht nur mit klassischen Backwaren, sondern auch mit allerlei anderen kulinarischen Spezialitäten aus Deutschland. Die Homepage des Betriebs ist zweisprachig. Neben Briten kommen vornehmlich Deutsche, die im Vereinigten Königreich leben und arbeiten, regelmäßig vorbei und decken sich mit den leckeren Waren aus der Heimat ein.

Damit die auch schmecken wie auf dem Kontinent, importieren die beiden Inhaber Petra Braun und Peter Wengerodt viele Produkte aus Deutschland – vor allem das Mehl, dessen Qualität in Deutschland deutlich besser sei. Klar, dass die Gefahr eines ungeordneten Brexits wie ein Damoklesschwert über der Bäckerei schwebt. Die Redaktion von Plusminus stattete dem Unternehmen einen Besuch ab und zeigte damit exemplarisch und sehr praxisnah auf, was ein ungeordneter Brexit auch für kleine Unternehmen bedeuten könnte.

Ein Mehlvorrat für die Zeiten nach dem Brexit

"Für uns ist das sehr enttäuschend, wie mit uns umgegangen wird", sagt denn auch Petra Braun. Seit 15 Jahren betreiben die Inhaber die Bäckerei, doch die Zeiten waren noch nie so ungewiss wie momentan. Sogar Hamsterkäufe ziehen die viele Briten im Hinblick auf die befürchteten Engpässe, die nach dem 29. März ohne ein gültiges Abkommen entstehen könnten, in Erwägung - und auch Wengerodt hat vorgesorgt und vor allem beim Mehl einen Vorrat angelegt. "Wir legen schon Sachen zurück, damit wir nicht von heute auf morgen schließen müssen", sagt er.

Flankiert werden die Berichte aus der Praxis durch die Aussagen des Ökonomen Wolfgang Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln – und die lassen die Situation kaum rosiger erscheinen. Nach dem 29. März sei plötzlich alles ganz anders, wenn es bis dahin keinen Deal gebe, sagt Matthes. Er spricht von Zöllen und Grenzkontrollen und davon, dass die Arbeitnehmer-Freizügigkeit nach den Plänen der britischen Regierung im Brexit-Fall stark eingeschränkt würde.

Wie in Deutschland, nur noch schlimmer: Fachkräfte verzweifelt gesucht

Keine guten Nachrichten für die beiden deutschen Bäcker in London. Und als ob all das nicht schon genug wäre, kämpfen die beiden schon länger mit einem Problem, das auch ihre Kollegen in Deutschland umtreibt, durch den drohenden No-Deal-Brexit aber noch verschärft wird: Sie finden keine qualifizierten Angestellten. "Wenn wir in Deutschland Personal suchen, kriegen wir sehr viel weniger Bewerbungen", erzählt Braun. Dabei sei es ihnen wichtig, dass die Mitarbeiter ihr Bäckerhandwerk in Deutschland gelernt hätten.

An diesem Engpass – auch das dürfte dem einen oder anderen deutschen Handwerker bekannt vorkommen – scheiterten auch Pläne von Braun und Wengerodt, eine zweite Filiale ihres gut gehenden Betriebs zu eröffnen. Aber Gesellen zu finden, die dauerhaft in Großbritannien arbeiten wollen und auch dürfen, erweist sich als eine Herkulesaufgabe. Doch die Hoffnung bleibt: Verlassen wollen die beiden Bäckereiinhaber die Insel nicht, sondern weitermachen, wie es irgendwie geht.

Gelungener Beitrag mit einer Schwäche am Ende

Durch den Einbau des Fachkräfte-Aspekts stellte die gelungene Reportage geschickt einen Bezug zwischen den Problemen hierzulande und im benachbarten Ausland her, wie sie es überhaupt schaffte, ein aktuelles Thema einmal von einem ganz anderen Standpunkt her aufzuziehen. Dem Zuschauer wurde dadurch womöglich deutlicher als in so mancher hochtrabend daherkommender Talkshow, was der Brexit vor allem in seiner ungeordneten Form für kleine Unternehmer und damit eben auch für deren Kundschaft bedeuten kann. Ein Kunde der Bäckerei befürchtete denn auch Schlimmes, wenn im Zuge des Brexits "alle weggehen", womit wohl die ausländischen Arbeiter im Königreich gemeint waren. "Wer macht dann die ganze Arbeit", fragte er. Eine passende, wenn auch nicht gerade hoffnungsfroh stimmende Abrundung der Thematik.

Da störte es nur wenig, dass eine Online- und Videokampagne der Metropolregion Nürnberg, die sich an in Großbritannien arbeitende Polen – das sind immerhin rund 800.000 – richtet und sie angesichts des Brexits ins Frankenland locken möchte, nur in ein paar Programmsekunden sehr stiefmütterlich behandelt wurde. Dabei geht es um Fachkräfte aus Polen, explizit auch aus dem Handwerksbereich, die von den Vorzügen der Region rund um Nürnberg überzeugt werden und in der Folge der Insel samt ihrer drohenden Brexit-Gefahren den Rücken kehren sollen. Eigentlich eine interessante Sache, die noch mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, aber es war wohl keine Sendezeit mehr übrig.

Das ließ den Zuschauer dann doch ein wenig ratlos zurück, tat aber der Intensität der Eindrücke von den teils ganz speziellen, teils aber auch ganz ähnlich wie in Deutschland gelagerten Problemen eines kleinen deutschen Bäckereibetriebs in London keinen Abbruch.

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