Mittelfranken -

Orgelbau Seit Jahrhunderten ein unverwechselbarer Klang

Ihre Musik klingt festlich, für so manchen nach Heimat und Geborgenheit und sie gehört für viele wie Plätzchen und Christbaum zu Weihnachten: die Orgel. Orgelbau und Orgelmusik wurden dieses Jahr als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit ausgezeichnet. Kann das Handwerk davon profitieren?

Morgens acht Uhr. Draußen ist es kalt und dämmrig, drinnen warm, hell und freundlich. Ortstermin in der Werkstätte für Orgelbau Benedikt Friedrich in Oberasbach. Drei Männer haben sich eingefunden: Orgelbaumeister Dominik Friedrich, Azubi Philipp Schreiber und Geselle Robert Schmidt.

Die drei beginnen den Tag an einem ausgebauten Balg. Auf einer Werkbank wartet das gute Stück auf Revisionsarbeiten. Genauso wie die anderen Einzelteile des Instruments, die auf alle Werkstatt­räume verteilt sind. Die Orgelpfeifen lagern kühl, die Manualklaviatur etwas wärmer. Der Balg liegt hier, daneben das ausgebaute Pedal – jene Tasten, die mit den Füßen gespielt werden. Philipp Schreiber baut Taste für Taste aus, repariert, schleift, poliert, macht passend und baut sie wieder ein. Damit die mechanische Bewegung wieder rundläuft.

Aus dem Nürnberger Stadtteil Reichelsdorf stammt die Orgel, die Dominik Friedrich und seine Kollegen hier zurzeit beherbergen und überholen. Acht Wochen dauert der Prozess. Danach wird die Orgel wieder an ihrem angestammten Platz aufgebaut, gestimmt und pünktlich zum Weihnachtsfest soll sie wieder prächtig erklingen.

Geschultes Gehör und Geduld

Der Orgelbau ist eine sehr individuelle Handwerkskunst. Wer sie beherrschen will, braucht ein geschultes Gehör und musikalisches Verständnis. Und Geduld: „Ein Instrument besteht aus mehreren zehntausend verschiedenen Teilen, da weiß ich nie ganz genau, was mich erwartet, wenn ich das erste Mal hineinblicke“, sagt Dominik Friedrich. „Natürlich erkennt man die Eigenheiten der Jahrhunderte und die Handschrift verschiedener Erbauer, aber trotzdem ist jede Orgel anders.“ Was ihm besonders an seinem Beruf gefällt? „Die Arbeit ist immer spannend, denn bei jedem Instrument stellen sich andere Fragen, warum etwas nicht so läuft wie es soll.“

Der 32-Jährige arbeitet übrigens mit sehr vielen verschiedenen Materialien: Holz, Leder, Filz, Metall, Kunststoffe, Zelluloid. Und so manchen ganz besonderen Werkstoff hat er ebenfalls im Schrank: Knochenleim oder Fischleim zum Beispiel. Denn was seit Jahrhunderten bewährt ist, hält auch in der Moderne. „Ich arbeite so nachhaltig wie möglich“, sagt der Meister.

Er setzt auch bei den Zulieferteilen, zum Beispiel Ledermembranen, auf möglichst regionale Handarbeit. Im Orgelbau geht es nicht ums schnelle billige Herrichten, sondern darum, dass die Orgel nach der Revision wieder fit für die nächsten Generationen ist. Denn was zählt, ist allein die musikalische und technische Qualität des Instrumentes.

350 handwerkliche Orgelbauerbetriebe mit etwa 1.800 Mitarbeitenden und 180 Auszubildenden gibt es in Deutschland. Philipp Schreiber ist im dritten von insgesamt dreieinhalb Lehrjahren. Die Orgelbauerschule ist in Ludwigsburg. Dort hat er regelmäßig Blockunterricht.

Profitieren die Orgelbauer eigentlich davon, dass ihr Handwerk nun zum Immateriellen Kulturerbe ernannt wurde? „Ja, es bringt auf alle Fälle mehr Aufmerksamkeit und rückt unser Handwerk stärker in den Fokus der Öffentlichkeit“, sagt Orgelbaumeister Friedrich. Es gibt zum Beispiel etwas mehr Auszubildende. Philipp Schreiber hat in seinem Jahrgang rund 40 Mitschüler.

Damit sichert der Titel ein Stück weit auch die Zukunft des Berufsstandes. Zudem haben die Orgelbauer einen recht rührigen Bundesverband, der viel in Sachen Fortbildungsmaßnahmen für seine Mitglieder und für die Nachwuchswerbung tut. Dominik Friedrich hofft, dass der Aufschwung im Orgelbauerhandwerk anhält. Er weiß, dass nach jedem Konjunkturhoch ein Absturz droht. Im speziellen Fall der Orgelbauer ist beispielsweise der Mitgliederschwund der Kirchen ein Unsicherheitsfaktor.

Projektplanung über zwei Jahre hinweg

Zurzeit allerdings ist Friedrichs Werkstatt sehr gut ausgelastet – die Projektplanung reicht über zwei Jahre hinweg. Denn Dominik Friedrich und seine Kollegen – zwei freie Mitarbeiter hat er noch – können nur ein Instrument nach dem anderen in der Werkstatt bearbeiten. Jetzt, kurz vor Weihnachten, ist Hochsaison: Leihorgeln (Friedrich hat selbstgebaute Truhenorgeln) wollen für Konzerte an Ort und Stelle gebracht, gestimmt und nach dem Konzert wieder ab- und an anderer Stelle aufgebaut werden. Außerdem stehen viele kleinere Stimmungen und Reparaturen an.

Und wie wandelt sich der Orgelbau? „Der experimentelle Anteil unserer Arbeit wird immer größer.“ Es gilt, neue Probleme zu lösen. Beispiel Klimawandel: Der extrem trockene und heiße Sommer hat den Instrumenten stark zu schaffen gemacht. Fußbodenheizungen und gedämmte Fenster in Kirchen sind ebenfalls eine Herausforderung der Moderne.

„Eine Orgel braucht es möglichst kühl“, sagt Friedrich. Je wärmer und trockener die Temperaturen, desto stärker besteht die Gefahr von Rissbildungen in den Holz- und Lederteilen. Dominik Friedrich und seine Meisterkollegen – die übrigens sehr gut vernetzt sind – arbeiten daran, dass die jahrhundertealten Instrumente trotzdem weiterhin klingen können. Denn was wäre Weihnachten ohne Orgelmusik?

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