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Norwegen Schwarzwald und Allgäu am Fjord

Schon Kaiser Wilhelm II. schätzte die Fjordlandschaften Norwegens. Myrkdalen ist heute ein Skiresort für Freestyler

Schwarzwald und Allgäu am Fjord
Ruhig liegen die Orte am Ufer des Hardangerfjords – hier ticken die Uhren noch etwas langsamer. -

Es muss schon Gründe gegeben haben, damals, als Kaiser Wilhelm II. mit der kaiserlichen Yacht "Hohenzollern" in Norwegen durch den Hardangerfjord dümpelte. In Jondal sattelte er aufs Pferd um und entschwand auf dem Landweg mitsamt Gefolge über eine eigens gebaute, 19 Kilometer lange, 1.200 Höhenmeter überwindende Straße in Richtung Folgefonna-Gletscher.

"Da hat er dann gesessen, oft stundenlang am Tag", erklärt Tourguide Torgai den Touristen, die den nördlichen Folgefonna heute vorwiegend besuchen, um einmal an einer Gletscherwanderung teilzunehmen.

Ab auf den Gletscher

Wasserdichte Kleidung, Steigeisen, Schutzhelme, Eispickel – bereits um 1870 führten einheimische Wanderführer wohlhabende Briten und Deutsche über den drittgrößten Gletscher Norwegens. Der Weg hinunter nach Odda blieb jedoch den meisten von ihnen verwehrt. Auch Kaiser Wilhelm konnte den Folgefonna nie ganz überqueren.

"Wir haben hier eine ganze Menge Niederschlag im Jahr", erzählt Torgai. Der Klimawandel und steigende Temperaturen sind der Grund. "Sie bringen mehr Wolken und mehr Schnee im Winter, dafür aber wärmere Sommer." "Am schönsten sind hier oben die Tage mit Wind und Sonne", schwärmt Torgai. Dann ist der Blick frei über den Hardangerfjord bis nach Haugesund und darüber hinweg auf die ferne Nordsee.

Andreas Meinheit hat dieses Paradies zu schätzen gelernt. Der Deutschland-Auswanderer lebte in München und Berlin, dann kam er als Tourist in die Hardangerregion. Er blieb und entschleunigte. "Aus einer deutschen Großstadt in diese Region zu kommen, in der die Uhren langsamer ticken, ist eine Herausforderung", sagt Andreas Meinheit nach vier Jahren.

Bergen, die nächste größere Stadt, liegt "quasi vor der Haustüre" 90 Autominuten entfernt. Für ihn ist die Hardangerregion der Schwarzwald Norwegens: "Im ganzen Land verbindet man mit Hardanger Tradition und Bodenständigkeit", weiß der Deutschland-Auswanderer.

Der Schwarzwald des Nordens

Die Hardangervioline, die bedeutends­­te Obstregion Norwegens, die Hardangertracht, in der sich die norwegische Königin Sonja häufig zeigt – an all dem hat Andreas Meinheit in seiner neuen Heimat Gefallen gefunden. Und er ist nicht der einzige Deutsche, der im Land der Trolle zwischen Gletschern und Fjorden sein Glück fand.

Knut Kettermann ist gebürtiger Allgäuer. Aufgewachsen in Fischen, zog es ihn vor zwei Jahrzehnten in die norwegische Outdoor-Metropole Voss. Heute ist Knut Kettermann Hoteldirektor im 2011 erbauten, 20 Kilometer von Voss entfernt liegenden Myrkdalen Hotel. "Myrkdalen ist wie das Balderschwang Norwegens – kalt, aber mit enormer Schneesicherheit", sagt Kettermann.

Die Schneesicherheit rief Anfang des neuen Jahrtausends Osloer Investoren auf den Plan, das hochgelegene Tal für den Wintersport zu erschließen. Appartementhütten entstanden, dann das Hotel. Und was bringt die Zukunft? "Wir wollen ein eigenständiges Skiresort sein", erklärt Knut Kettermann.  Bis dahin setzen er und die Planer des Resorts auf Wintersportgäste aus Oslo und Bergen.

Im benachbarten Voss, einem der ersten norwegischen Skiorte, sieht man den Erfolg Myrkdalens mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Konkurrenz oder Bereicherung – das ist die Frage. Eine Frage der Einstellung, denn in Voss lebt längst nicht mehr nur Tradition.

Im Sommer treffen sich hier Paraglider und Tandemspringer, der Strandaelvi wird zu einem der spannendsten Raftingreviere Skandinaviens.

Ganz spezielle Gäste

Doch in Voss schließen sich auch Kreise. Bevor Knut Kettermann in Myrkdalen seine neue Herausforderung fand, leitete er in Voss das erste Haus am Platz – "Fleischer’s Hotel". 1864 eröffnete Frederic Fleischer das mondäne Grand Hotel.

Und: Ein ganz spezieller Gast logierte hier mehrmals – Kaiser Wilhelm II. Die eigens für ihn erbaute, mobile kaiserliche Toilette ist heute original erhalten im porträtbehangenen Flur des Fleischer’s ausgestellt. Seit des Kaisers Zeiten hat sich in und um Voss einiges verändert – manches schnell, manches eher gemächlich. Doch Gründe, der Region zwischen Hardanger- und Sognefjord einen Besuch abzustatten, gab es schon seinerzeit zu Genüge. Es gibt sie noch immer.

Weitere Informationen zu Norwegen

Anreise: Direktflug von Frankfurt oder Berlin nach Bergen. Weiterfahrt per Bahn oder Mietwagen nach Voss. Autofähren setzen von Kiel nach Oslo über.
Beste Reisezeit: Der norwegische Winter kann kalt und schneereich sein. In den Skiorten Voss und Myrkdalen herrscht Schneesicherheit von Ende November bis April. Der Folgefonnagletscher ist ein Ganzjahresskigebiet, Gletscherwanderungen werden hier von Mai bis September angeboten.
Währung: Die offizielle Landeswährung ist die Norwegische Krone (NOK).
Touristische Information (deutschsprachige Seiten): Norwegisches Fremdenverkehrsbüro: visitnorway.com/de, Fjordnorwegen: fjordnorway.com/de, Region Hardangerfjord: hardangerfjord.com/de

Impressionen aus Norwegen

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