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Meisterstücke Schreinerei legt sich fürs Rudern in die Riemen

Ein seltener Baum aus Brasilien, handwerkliches Können und eine CNC-Maschine sind die Zutaten für die Sitze in Rennruderbooten, die zur Weltmeisterschaft Siegchancen haben. Eine kleine Schreinerei aus dem Odenwald stellt die Meistersitze her.

Schreinerei Ruderboot-Sitze
Komplizierte Formen als Herausforderung: Schreinermeisterin Doris Deschner fertigt in ihrer Werkstatt neben maßgeschneiderten Korpussen für den individuellen Innenausbau auch die Sitze für Rennruderboote... -

Wer rudert, mutet seinem Allerwertesten einiges zu. Erst recht, wenn er im Leistungssport unterwegs ist. An die Sitze im Ruderboot stellen Spitzensportler hohe Ansprüche. Und das Handwerk liefert die Lösung.Wenn am 25. August im südkoreanischen Chungju die Weltmeisterschaft beginnt, dann gehen viele Favoriten in einem Boot der Firma Empacher an den Start. Zehn Gold-, sieben Silber- und acht Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele von London saßen in einem Ruderboot des Handwerksunternehmens aus Eberbach im Odenwald.

Jetzt hat sich Empacher einen weiteren Handwerksbetrieb ins Boot geholt: Die Schreinerei Gehrig und Tochter im nahen Schollbrunn fertigt die Holzsitze für die Ruderboote. Firmenchefin Doris Deschner hatte sich vor 25 Jahren schon einmal um den Auftrag bemüht. Damals war die kleine Schreinerei noch zu teuer, so dass Empacher die Holzsitze weiterhin in Eigenregie fertigte. Durch ihr neues CNC-Bearbeitungszentrum kann Deschner inzwischen die Sitze nicht nur günstiger anbieten, sondern vor allem in hoher Maßhaltigkeit trotz der komplizierten Form.

Präzisionsarbeit im Millimeterbereich

Immerhin soll der Sitz so wenig wie möglich am Hinterteil der Sportler scheuern. 18.000 Bewegungen muss die CNC-Maschine mit wechselnden Werkzeugen ausführen, um einen Rudersitz in Form zu bringen. "Die kürzeste ebene Fläche misst winzige zwei Zehntel Millimeter, die längste ist gerade mal zwei Zentimeter lang", sagt Markus Deschner, der die Firma einmal von seiner Mutter übernehmen will.

Schreinerei Ruderbootsitze Sohn
© Foto: Ulrich Steudel

Die Schreinerei wurde 1908 von Doris Deschners Großvater Adolf Gehrig gegründet – dort, wo sie bis heute ansässig ist. "Mein Opa hat auf einer Hobelbank im Wohnzimmer Möbel gebaut", erinnert die Enkelin an den bescheidenen Anfang, also vor allem eine Landwirtschaft die Familie ernährte. Ihr Vater, Adolf Gehrig jun., hatte deshalb zunächst als Bauer begonnen, musste aber schließlich die Schreinerei übernehmen, weil sein Bruder im Krieg gefallen war.

"Als Frau muss man zeigen, dass man was draufhat"

In den 50er Jahren zog er mit dem Werkzeugkoffer nach Mannheim und Ludwigshafen, um beim Schiffsausbau seine Brötchen zu verdienen.Und so ist Doris Deschner schon als Kind mit dem Schiffbau in Kontakt gekommen. Damals lieferte die Firma Gehrig unter anderem den Innenausbau für die Ausflugsschiffe auf dem Neckar. Dass sie später selbst einmal für eine Werft arbeiten würde, daran hat sie damals im Traum nicht gedacht.

Ihr berufliches Ziel hieß Bauingenieur. Doch nach ihrer Berufsausbildung zur Bauzeichnerin hätte sie drei Jahre auf einen Studienplatz warten müssen. Stattdessen arbeitete sie in ihrem Lehrberuf, absolvierte aber gleichzeitig eine Gesellenausbildung zur Schreinerin. "Meinen Eltern habe ich zunächst gar nichts gesagt. Es war ganz allein meine Entscheidung", sagt Doris Deschner, die über diesen Umweg doch noch in den väterlichen Betrieb einstieg. Dass sie dem Vater mit ihrer Entscheidung eine Freude machte, war Doris Deschner klar. Schließlich gab es in der Familie Gehrig nur drei Töchter.

Heute schmeißt Doris Deschner zusammen mit ihrem Sohn, ihrer Schwester, ihrem Ehemann und einem Lehrling den Laden. Eine Frau, die an der Spitze einer Schreinerei ihren Mann steht: Was heute kaum noch für Auf­sehen sorgt, war früher eine Seltenheit."Als Frau muss man zeigen, dass man was draufhat, dann wird man akzeptiert."Als Doris Deschner Anfang der 80er Jahre auf die Meisterschule wollte, war sie die einzige Frau unter rund 300 Bewerbern.

CNC-Technik eröffnet Betrieb neue Perspektiven

Die damals übliche Skepsis gegenüber Frauen in typischen Männerberufen hat auch sie anfänglich zu spüren bekommen. "Man muss einfach zeigen, dass man was draufhat. Dann wird man als Frau auch akzeptiert. Auf der Meisterschule war ich schließlich so etwas wie der Hahn im Korb, nur andersrum eben", scherzt die Firmenchefin. Inzwischen hat sie – neben vielen männlichen Lehrlingen – selbst schon drei Mädchen ausgebildet. Eine davon habe ihren Abschluss mit der Note 1,0 gemacht.

Manchmal blickt Doris Deschner noch heute in staunende Gesichter, wenn sie auf einer Baubesprechung mit Architekten und Bauherren auf Augenhöhe diskutiert. "Ich bring meine Sicht als Praktiker ein, auch wenn sich die nicht immer mit den ursprünglichen Planungen deckt." Das schönste Lob für sie ist es dann, wenn ein Bürgermeister – wie kürzlich bei der Einweihung einer Turnhalle geschehen – die Kompetenz der Frauen am Bau würdigt.

Trotzdem will die Unternehmerin den Anteil öffentlicher Aufträge am Umsatz ihrer Schreinerei zurückfahren. Dem zunehmenden Preiskampf bei Vergaben der öffentlichen Hand möchte sie ihre Firma nicht ausliefern. Die Investition in das CNC-Bearbeitungszentrum eröffnet dem Betrieb ganz neue Perspektiven, wie die Aufträge eines weltweit tätigen Ausstatters von Augenarztpraxen oder von der Bootswerft Empacher zeigen.

Schreinerei Ruderbootsitze
© Foto: Claus D. Gebel

So komplizierte Formen wie die Sitze für Rennruderboote wären ohne die CNC-Technik kaum zu realisieren. Das wichtigste Kriterium bei Sportbooten aber ist das Gewicht. Ein Einer bringt bei Empacher gerade einmal 14 Kilogramm auf die Waage, da muss an jedem Gramm gespart werden. Am einfachsten wäre es, die Sitze aus Karbon zu fertigen. Doch viele Athleten möchten bei ihrem schweißtreibenden Sport lieber auf Holz als auf Kunststoff sitzen. Besonders leichte Hölzer wie das aus dem Modellbau bekannte Balsa brechen allerdings zu schnell.

Seltener Baum liefert leichtes und stabiles Holz

Fündig wurden die Bootsbauer in Brasilien, wo die spanische Zeder wächst, die eigentlich gar keine Zeder ist, weil sie Blätter statt Nadeln trägt. "Der seltene Baum steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Das Holz ist nur schwer zu beschaffen", sagt Doris ­Deschner, für die der Empacher-Auftrag eine reine Lohnarbeit ist. Aber eine wichtige, denn die teure CNC-Maschine arbeitet erst richtig wirtschaftlich, wenn sie zehn bis zwölf Stunden am Tag läuft.

Die 800 Ruderbootsitze, die seit April bearbeitet wurden, kamen da gerade recht. Kein Wunder, dass die Deschners als sportbegeisterte Familie, die sich stark im örtlichen Fußballverein engagiert,  inzwischen das Rudern mit wachsendem Interesse verfolgen. "Bei einer Regatta in Eberbach waren wir schon dabei. Jetzt hoffen wir, dass die Weltmeisterschaften wenigstens auf Sky übertragen werden", sagt Doris Deschner.

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