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Schornsteinfeger werden Abgasbroker

Der Landesinnungsverband Hessen will Hauseigentümern die Teilnahme am Emissionshandel ermöglichen. Nach erfolgreichem Pilotprojekt wird das Genehmigungsverfahren eingeleitet

Bis zum Jahr 2020 will Deutschland seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Damit das ehrgeizige Vorhaben gelingt, wurde unter anderem der Emissionshandel für Kohlendioxid eingeführt. Auf diese Weise sollen die größten CO2-Emittenten, also die Betreiber von Kraftwerken und Industrieanlagen, auf ökonomisch vertretbare Weise zur Reduzierung ihres Schadstoffausstoßes animiert werden. Dass auch Privathaushalte am Handel mit Emissionszertifikaten teilnehmen können, dafür machen sich die Schornsteinfeger vom Landesinnungsverband (LIV) Hessen stark.

Jeder Zweite der rund 600 hessischen Betriebsinhaber im Schornsteinfegerhandwerk hat sich inzwischen zum Gebäudeenergieberater qualifiziert. Denn immer mehr Hausbesitzer wollen wissen, wie viel Heizkosten sie nach einer Sanierung einsparen können. Und wer Heizkosten spart, bläst auch weniger Schadstoffe durch den Schornstein. Die Summe können Gebäudeenergieberater berechnen. „Da lag die Idee nahe, die eingesparten Mengen zusammenzufassen und damit am Emissionshandel teilzunehmen“, erklärt Harry Kieper, technischer Vorstand im LIV und einer der Initiatoren des Modellprojektes „Emissionsankauf durch Schornsteinfeger für energetische Verbesserungen in Anlagetechnik und der Gebäudehülle“ - kurz EmSAG.

197 Eigentümer von Wohngebäuden, darunter 65 Prozent Ein-, acht Prozent Zwei- und sieben Prozent Mehrfamilienhäuser sowie 20 Prozent Wohnblocks, konnten für das zweijährige Projekt gewonnen werden. 42 Schornsteinfeger mit Zusatzausbildung zum Gebäudeenergieberater haben für alle Häuser die Energiebilanzen vor und nach der Sanierung erstellt.

Beeindruckende Bilanz

Karl-Heinz Hajek aus Idstein war einer der Ersten, der sich für das Vorhaben der Schornsteinfeger begeistern ließ. Er hatte in seinem Wohnhaus den alten Heizkessel gegen eine moderne Gas-Brennwert-Feuerstätte ausgetauscht sowie Dachschrägen, oberste Geschossdecke und Außenwände gedämmt. Das Ergebnis der Energiebilanzrechnung durch Schornsteinfeger Oliver Holinski war beeindruckend: Hajek hatte 11,6 Tonnen CO2 eingespart. Davon lassen sich 59 Prozent auf die Dämmung und 41 Prozent auf den Kesseltausch zurückführen.

Insgesamt konnten bei dem Modellprojekt EmSAG 2.526,5 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden 55,5 Prozent der Menge, die vor der Sanierung in die Atmosphäre geblasen wurde. Allerdings könnten nur 1.200 Tonnen dem Emissionshandel zugeführt werden. Denn sobald ein Eigentürmer für seine Sanierung Fördermittel kassiert, darf mit der eingesparten Schadstoffmenge nicht mehr gehandelt werden. Außerdem bedarf es für die Teilnahme am Emissionshandel einer Mindestmenge von 20.000 Tonnen. „Trotzdem stimmen uns die Ergebnisse zuversichtlich. Wenn das Prinzip EmSAG deutschlandweit in die Praxis umgesetzt wird, dann würde die handelbare Menge schnell erreicht“, glaubt Landesinnungsmeister Hans-Werner Schlech aus Dillenburg.

Immerhin haben im Jahr 2004 die rund 20 Millionen Wohngebäude mit rund 38 Millionen Haushalten in ganz Deutschland inklusive der Fernwärme etwa 168 Millionen Tonnen CO2 emittiert und damit sogar mehr als die Industrie mit 162 Millionen Tonnen. Mehr als die Hälfte dieser Menge könnte durch energetische Sanierungsmaßnahmen eingespart werden. Allein für das Land Hessen schätzt das Bremer Energie Institut die handelbare Menge auf 50.000 Tonnen CO2, die Haushalte und Kleingewerbe pro Jahr einsparen könnten. Hochgerechnet auf die gesamte Bundesrepublik ergäbe sich so ein Wert von rund 500.000 Tonnen pro Jahr. „Da wird die Sache wirklich interessant“, frohlockt Alexander Prinz. Der Diplom-Ingenieur hat das EmSAG-Projekt beim Landesinnungsverband Hessen betreut und darf sich nun auf eine Fortführung seiner Arbeit freuen. Offenbar haben die Ergebnisse auch die Verantwortlichen bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) überzeugt, dass das Vorhaben der hessischen Schornsteinfeger nicht nur Schall und Rauch ist. Die DBU wird ihre Förderung fortsetzen.

Umweltschutz macht Schule

„Wir haben bei dem Projekt gelernt, dass die kaufmännische Betrachtung nicht der richtige Weg ist. Viel mehr Bedeutung kommt dagegen der sozialen Komponente zu“, erklärt Felix Gruber, der EmSAG bei der DBU begleitet. Viele Hauseigentümer würden das Zertifikat über den eingesparten CO2-Ausstoß als Auszeichnung ansehen und bezögen daraus ihre Motivation, an dem Projekt teilzunehmen. Offenbar vollzieht sich in der Bevölkerung gerade ein Sinneswandel. Konnte man früher noch mit der großen Limousine vor dem Haus die Nachbarn beeindrucken, so gelingt das inzwischen auch mit einer besonders guten CO2-Bilanz.

Finanziell lohnt sich die Teilnahme am Emissionshandel besonders für Eigenheimbesitzern kaum. Bei den Ein- und Zweifamilienhäusern lag die jährliche CO2-Reduktion im Durchschnitt zwischen sechs und acht Tonnen. Beim Preis pro Tonne CO2 von rund 13 Euro, wie er Mitte März an der Leipziger Strombörse gehandelt wurde, ergäben sich in zehn Jahren nicht einmal 1.000 Euro pro Haushalt. Zwar unterliegt der Preis starken Schwankungen. Trotzdem dürfte der finanzielle Anreiz kaum ausreichen, um unter den Hausbesitzern Teilnehmer für den CO2-Handel zu gewinnen. „Aber wenn wir kein Chance auf Erfolg sehen würden, würden wir ja nicht fördern“, stellt Felix Gruber klar.

2011 geht’s los

Die hessischen Schornsteinfeger haben derweil schon die nächsten Schritte eingeleitet, um den Einstieg in den Handel mit Emissionszertifikaten weiter voranzutreiben. Die FutureCamp GmbH in München wurde mit der Erarbeitung der so genannten Project Design Documentation (PDD) beauftragt, einer Art zertifiziertem Genehmigungsverfahren, um das Vorhaben auf ein rechtlich belastbares Fundament zu stellen.

Geht es nach Alexander Prinz, dann könnten die Schornsteinfeger im September 2011 mit den Energieberatungen beginnen und damit den deutschen Hauseigentümern den Eintritt in den Markt des Zertifikatehandels ermöglichen. Und gleichzeitig ihre eigene Marktposition als Gebäudeenergieberater weiter stärken. Denn nach dem Gesetz zur Neuregelung des Schornsteinfegerwesens müssen sich die Meister dieses Gewerkes ab dem Jahr 2013 auf schärfere Wettbewerbsbedingungen einstellen. Im Emissionshandel wollen sie ihre Stellung als Glücksbringer unter den Handwerkern verteidigen.

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