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Urban Sports Parks Schneestern: Handwerk baut Actionsport-Anlagen

Nach seiner Karriere als Profi-Freeskier baut Zimmerer Dirk Scheumann mit seinem Unternehmen Schneestern Actionsport-Anlagen auf Schnee, Erde und Asphalt. Auch Wettkampfstätten bei Olympischen Winterspielen bringt der Handwerksbetrieb in Form.

Freestyle-Wintersport ist seit knapp 30 Jahren olympisch. Spätestens als in Nagano 1998 erstmals Snowboard-Wettbewerbe in der Halfpipe durchgeführt wurden und mit Nicola Thost gleich eine Deutsche die Goldmedaille holte, rückte Freestyle als Wintersport ins Interesse einer breiten Öffentlichkeit.

Doch es gab ein Problem: "Es existierten keine Anlagen, keine Snowparks, nichts zum Springen oder Sliden", erinnert sich der damalige Profi-Freeskier Dirk Scheumann. Um Trainingsmöglichkeiten – am Ende seiner Karriere eigentlich erstmal nur für sich selbst – zu schaffen, nahm der gelernte Zimmerer die Lösung selbst in die Hand.

Seinen ersten, einfachen Snowpark am Fellhorn, ein Setup aus einer kleinen Schanze ("Kicker") und Metallgeländer zum Sliden ("Rails"), baute er selbst. "Es hat mir Spaß gemacht und ich merkte schnell, wie groß der Bedarf war." Scheumann, der nach der Wende mit seinen Eltern von Aue im Erzgebirge nach Durach ins Allgäu zog, hatte nie geplant, sich beruflich selbstständig zu machen. Doch dann gründete er im Jahr 1999 seine Firma Schneestern. "Ich war in meinem Element. Durch meine Ausbildung hatte ich technisches Fachwissen und den sportlichen Back­ground hatte ich ja sowieso."

Unterstützung von anderen Handwerkern aus dem Ort

Zunächst lief das Geschäft nur im Winter. Scheumann baute Anlagen und Rampen aus Schnee und bestückte sie mit Elementen aus Metall, Holz und Kunststoff. Alles fertigte er selbst und konnte dabei auf die Hilfe seines Ausbildungsbetriebs sowie Metallbau Weixler in Durach zählen. "Ich konnte immer in die Halle gehen und die Werkzeuge benutzen", erinnert sich der 42-Jährige, "ohne diese Unterstützung wäre unser Geschäft sicher nicht so ins Laufen gekommen. Das ist das Schöne am Handwerk: Man unterstützt sich gegenseitig."

Alles für den Actionsport: Snow, Bike, Skate und Wake

Er eignete sich die fehlende Metallbaukompetenz an, es entstanden Boxen und Rails. Als Dirk Scheumann dann seine Weiterbildung zum Bautechniker abschloss, konnte er auch die bauliche Planung leisten: Visualisieren, räumliches Denken, Skizzieren, Flächen- und Volumenberechnungen. Das alles floss immer mehr in die Gestaltung der Snowparks und die Entwicklung von attraktivem Equipement ein.

Seit 2011 hat sich das Angebot von Schneestern auf Sommer und die Bereiche Bike, Skate und Wake ausgedehnt. "Die Sportarten sind artverwandt, die Philosophie und das Fachwissen liegen nah beieinander", sagt Marco Rues, Marketingleiter bei Schneestern. Nachdem Schneestern nun auch die Infrastruktur und das Equipement für Actionsport-Parks auf Beton oder Asphalt schafft, halten sich Winter- und Sommergeschäft heute nahezu die Waage. "Action­sport ist unsere DNA", sagt Rues.

Das Team ist das ganze Jahr über auf Montage

Der Kunde bekommt von Schneestern das Rundumpaket: Von der Beratung über die digitale Konstruktion und Planung bis hin zur individuellen Gestaltung. Ein Geländebesuch vor Ort gehört genauso dazu wie Pistenraupenfahren und Beton mischen oder Asphaltieren für Pumptracks, Skate- und "Urban Sports Parks". In der Werkstatthalle in Durach fertigt ein Team aus Schreinern, Metallbauern und Konstruk­tionsmechanikern alle zu verbauenden Elemente, darunter auch Soundtunnel, Rolltreppen und Ab­klatschhände.

In der Werkstatt von Schneestern werden Metallelemente gefertigt

Von 100 Mitarbeitern sind 70 in unterschiedlich großen Teams das ganze Jahr über auf Montage – mal sechs Wochen oder auch drei Monate. Sie legen die Parks auf Schnee, Erde und Asphalt an, verbauen oder montieren die Elemente. "Alles muss in das Gelände eingepasst werden", sagt Marco Rues.

Slopestyle-Anlage für die Olympischen Winterspiele

Vorläufiger Höhepunkt waren dann die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang. Schneestern baute in Südkorea die Anlagen für die Slope­style- und Big Air-Wettbewerbe. "Freestyle ist noch eine junge Sportart. Dementsprechend gibt es weltweit wenige Firmen, die Anlagen auf diesem Niveau planen und bauen können", sagt Dirk Scheumann. Die Szene sei klein und als ehemaliger Aktiver sei er noch gut vernetzt. Um Aufträge für einen olympischen Snowpark oder andere Action­sport-Events wie die "X Games" zu bekommen, brauche ein Unternehmen nicht nur bauliche, sondern auch planerische Kompetenz sowie Kreativität und Ideen.

Schneestern hat sich auf die beiden Freestyle-Disziplinen Slopestyle und Big Air spezialisiert. Big Air ist eine große, steile Sprung­rampe, über die sich Sportler Schwung holen, um anschließend Trickelemente ausführen zu können. Slopestyle ist ein Parcours mit unterschiedlichen Hindernissen, die es zu bewältigen gilt.

Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022

Die Bewerbung für die olympischen Winterspiele läuft ähnlich einer öffentlichen Ausschreibung ab. "Man geht in die Vorplanung und zeigt einige Ideen. Ein Experten­komitee entscheidet, wer den Zuschlag bekommt", erklärt der Schneestern-Geschäftsführer. Allerdings spiele der Preis hier weniger eine Rolle. Entscheidend sind Performance, Erfahrung und Design.

Jetzt zu Beginn des Jahres baut Dirk Scheumann mit einem 13-köpfigen Team eine Slopestyle-Testanlage in China – seine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit in Pyeongchang "stehen die Chancen gut, dass wir auch diesen Auftrag bekommen".

"Urban Sports Parks": Actionsport wird Breitensport

In der Nische Action­sport wird es Dirk Scheumann mittlerweile allerdings zu eng. "Die Extremsportler, die mit ihrem Mountainbike irgendwo fünf Meter runterspringen, sind ja nur die Spitze des Eisbergs." Actionsport unterscheide sich nicht durch das Risiko von anderen Sportarten, sondern durch das Gefühl der Freiheit und des sich Fortbewegens.

"Diesen Flow erleben wir auf einem Skateboard oder einem Ski." Rollen, Gleiten, Hangabtriebskraft machen den Actionsport aus. Und der müsse eben nicht ex­trem sein, um Spaß zu machen. Mit Freizeitsportgeräten wie einem Scooter gelinge jedem der leichte Einstieg.

Investitionspakt fördert den Bau von Sportstätten

"Wir versuchen da die Brücke zu schlagen und zu beweisen, dass Actionsport Breitensport ist", sagt Dirk Scheumann. Ziel sei es, "Urban Sports Parks" zu schaffen, die öffentlich und uneingeschränkt zugänglich sind und Menschen Lust auf Bewegung machen. Der Investitionspakt von Bund und Ländern zur Förderung von Sportstätten kommt diesem Anliegen entgegen.

Bis 2024 stehen dafür über 100 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung, um Gesundheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Integration in Städten und Gemeinden zu stärken. "Hier sehen wir viel Potenzial. So kann man viele Menschen nach draußen und in Bewegung bringen", sagt Scheumann. An der kreativen Gestaltung und entsprechenden Angeboten arbeitet Schneestern schon.

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