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Smart Grids Schlaue Stromnetze sichern Selbstversorgung

Smart Grids verlassen die Testphase der Versuchslabore. In Norderstedt entsteht die erste energieautarke Siedlung. Wer dort ein Haus bauen will, muss auch ein Elektroauto kaufen.

Schlaue Stromnetze sichern Selbstversorgung
Mit dem Haus-Energiespeicher zum Einkaufen fahren: Diese Vision soll nächstes Jahr in Norderstedt Realität sein. -

Wie werden wir wohnen? Ein Blick in das Energy Smart Home Lab lässt erahnen, dass die Antwort auf diese Frage vor allem von der Energieversorgung bestimmt wird. Anfang März hatte das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sein intelligentes Forschungshaus kurzzeitig für Besucher geöffnet.

Der Prototyp eines energieeffizienten Fertighauses mit einer Fläche von 60 Quadratmetern ist mit modernster Technik ausgestattet: Sämtliche Haushaltsgeräte sind miteinander vernetzt, die Bewohner haben jederzeit Einblick in die aktuellen Energieflüsse und den Stromverbrauch.

Elektroauto soll Lastspitzen ausgleichen

Den Strom erzeugt das Haus über eine Photovoltaikanlage und ein Mikro-Blockheizkraftwerk selbst. Durch Kraft-Wärme-Kopplung wird nicht nur der Strom, sondern auch die produzierte Wärme genutzt. Zudem bindet das Haus Elektrofahrzeuge als Stromspeicher und -verbraucher in das Energiemanagement ein.

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© Andreas Drollinger

"Das System ist so ausgelegt, dass es sich in ein intelligentes Stromnetz, also ein Smart Grid, einfügt und die Batterie immer dann auflädt, wenn Strom aus regenerativer Produktion besonders günstig ist", sagt KIT-Sprecher Hartmut Schmeck. Umgekehrt könne das Auto, wenn es gerade nicht genutzt wird, in Hochlastzeiten Strom ins Netz zurückspeisen. So würden sich Lastspitzen ausgleichen und regenerative Energien aus schwankenden Quellen in das Energiesystem integrieren lassen. Das KIT hat einen Film über das Energy Smart Home Lab ins Internet gestellt.

Modellsiedlung im Norden Hamburgs

Was sich in Karlsruhe noch im Versuchsstadium befindet, könnte in Norderstedt demnächst schon Realität werden. Dort soll auf einer Fläche von 16.000 Quadratmetern die erste energieautarke Siedlung Deutschlands mit 20 bis 28 Häusern entstehen. Zwar herrscht noch kein Baurecht, trotzdem geht Tobias Schilling davon aus, dass Mitte dieses Jahres mit ersten Arbeiten begonnen werden kann. "Die Stadt steht zu hundert Prozent hinter unserem Vorhaben", sagt der Juniorchef des Erschließungsträgers Schilling Immobilien, der zusammen mit dem Elektromobilitäts-Pionier Sirri Karabag das Projekt vorantreibt.

Denn wie in Karlsruhe gehört auch in Norderstedt ein Elektrofahrzeug zum Energiekonzept – ja es soll sogar in die Hausfinanzierung integriert werden. Wer in der Modellsiedlung bauen will, wird zum Kauf eines Elektroautos verpflichtet. Auch eine Photovoltaikanlage ist zwingend. Das macht die Finanzierung nicht einfacher. Neben dem Preis von 250 Euro pro Quadratmeter erschlossenes Bauland müssen die künftigen Bauherren mit Zusatzkosten von 40.000 bis 50.000 Euro rechnen. Trotzdem gibt es laut Tobias Schilling schon weit über 100 Interessenten. Er glaubt, dass sich die Investition für die Bauherren auf jeden Fall lohnt. Strom gibt es später zum Nulltarif, weil er selbst erzeugt und auch gespeichert werden kann.

Blockheizkraftwerk senkt Kosten

Die Kosten für Heizung und Warmwasser werden sehr niedrig ausfallen, dafür sorgt ein großes Blockheizkraftwerk im Wohngebiet, das sehr effizient arbeiten könne, weil die angrenzende Grundschule mitversorgt wird.

Mitinitiator Sirri Karabag hält die Häuser der Modellsiedlung langfristig sogar für kostengünstiger als konventionelle Immobilien. "Denn auch der Treibstoff für unsere Autos wird durch die Häuser selbst erzeugt. Das ergibt zur häuslichen Energieversorgung noch Mobilität zum Nulltarif."

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