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Schiff ahoi! Schuhe sauber

Eine Maßschuhmanufaktur aus Baden-Baden geht neue Wege bei der Werbung dafür sticht Matthias Vickermann sogar in See

Es gibt Tätigkeiten, denen man am liebsten aus dem Wege geht, die aber oft unvermeidlich sind. Bügeln zum Beispiel. Oder Schuhe putzen. Strafarbeiten für Kinderstreiche. Dass es auch anders geht, beweist ein Maßschuhmacher aus Baden-Baden. Für Matthias Vickermann hat das Schuheputzen Unterhaltungswert. Davon konnte der pfiffige Marketingstratege sogar die Entertainmentabteilung von Hapag-Lloyd überzeugen. Zweimal schon durfte er die betuchten Passagiere der „MS Europa“ im Schuheputzen unterrichten.

„Meine Schuhputzseminare waren immer ausgebucht“, erinnert sich der 30-Jährige an seine erste Kreuzfahrt, die ihn im Januar auf der angeblich schönsten Yacht der Welt drei Wochen durch die Südsee führte. Zwischen Tahiti, den Osterinseln und Pitcairn zelebrierte Vickermann zweimal pro Woche an Bord des pompösen Schiffes seine einstündige Schuhputzshow. Dann greifen schon mal Menschen zur Bürste, die im Alltag den Hausputz lieber von Bediensteten erledigen lassen. Aber im Urlaub, umrahmt von der exotischen Inselwelt des Südpazifik, ist ja alles anders.

Als Exoten dürfen sich auch die Maßschuhmacher verstehen. Die industrielle Fertigung hat dem Handwerk längst den Boden unter den Füßen entzogen. Preise von bis zu 1.500 Euro und mehr für ein Paar Schuhe können sich nur noch die wenigsten Verbraucher leisten. Seit Maßschuhe vom Alltags- zum Luxusartikel geworden sind, hat sich die Zahl der handwerklichen Schuhmacherwerkstätten drastisch verringert echte Maßschuhmacher sind zur Rarität geworden.

Tradition trifft Moderne

Wer unter diesen Bedingungen als Maßschuhmacher bestehen will, muss neben einer tradierten Handwerkskunst vor allem eines beherrschen: die Kunst des Vermarktens. Bei Vickermann & Stoya haben die beiden Inhaber dieses Prinzip verinnerlicht und durch Arbeitsteilung optimiert. Matthias Vickermann wirft vor allem sein Talent als ideenreicher Verkäufer in die Waagschale, Martin Stoya wacht in der Werkstatt über die hohe Qualität aller Materialien und Tätigkeiten. Dank dieses Schachzuges hat sich das Unternehmen, das Vickermann und Stoya 2003 gegründet haben, inzwischen fest etabliert.

Kennengelernt haben sich die beiden Handwerker als Kollegen. Martin Stoya war nach seiner Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher aus Staßfurt in Sachsen-Anhalt nach Baden-Baden gekommen, um seine Fähigkeiten in einer Maßschuhwerkstatt zu vervollkommnen. Dort traf der heute 36-Jährige auf den ehemaligen Steuerfachangestellten Matthias Vickermann. Doch dieser Beruf war nichts für den Zwei-Meter-Mann, der daher noch einmal etwas ganz Neues lernen wollte. „Bei Schuhgröße 50 hatte ich immer schon Probleme, vernünftige Schuhe zu finden. Was lag da näher, als eine Lehre beim Maßschuhmacher“, erklärt Vickermann, den es deshalb von Schwerte im Ruhrgebiet in die mondäne Festspielstadt gezogen hatte. Irgendwann wollten die beiden ihre Ideale bei der Herstellung von Schuhen in eigener Regie umsetzen.

Althergebrachte Handgriffe

Rund 300 Paar Maßschuhe pro Jahr fertigen die sieben Beschäftigten bei Vickermann & Stoya, hinzu kommen viele Reparaturen. Vor allem Handarbeit, wie sie über viele Schuhmachergenerationen das Berufsleben dieser Zunft bestimmt hat, fließt in die Produkte. Zwar sitzen die Mitarbeiter nicht mehr hinter der Schusterkugel, aber das Vorstechen der Brandsohle, das Aufzwicken des Lederschaftes auf den Leisten oder das Rahmennähen mit im Pech gezwirbeltem Zwirn geschieht noch nach althergebrachten Handgriffen.

Doch die hohe Kunst des Maßschuhmachens beginnt mit dem Vermessen der Füße, denn die Schuhe sollen später nicht nur mit modischem Design und zeitloser Schönheit überzeugen, sondern vor allem gesundes Gehen ermöglichen. Damit sich der neue Maßschuh optimal an den Fuß anschmiegt, fertigen Vickermann & Stoya zunächst einen leichten Probeschuh. Diesen soll der Kunde zwei Wochen zu Hause tragen. An den Abdrücken, die der Fußschweiß im Innenfutter hinterlässt, erkennen die Handwerker, wo eventuell noch leichte Korrekturen notwendig sind. Dieser Aufwand hat seinen Preis, doch solvente Kunden schätzen solchen Service, zumal nur edles Leder zum Einsatz kommt, das bei Bedarf auch von so exotischen Tieren wie Alligator, Strauß, Rochen oder Haifisch stammen darf.

Maßtage im Hotel

Die meisten Stammkunden haben die Baden-Badener Schuhmanufaktur bei einem der Maßtage kennengelernt, die Vickermann & Stoya regelmäßig in Fünf-Sterne-Hotels abhalten. Zwei- bis dreimal im Monat packt Matthias Vickermann seinen großen Koffer mit allerlei Schuhmacherutensilien, um in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Basel oder München in den Foyers großer Hotels über die Vorteile von Maßschuhen zu informieren. Auch Veranstaltungen in Autohäusern nobler Premiummarken oder Golfturniere nutzen die Handwerker, um auf ihre selten gewordene Dienstleistung aufmerksam zu machen.

Und so herkömmlich die Arbeitsweise in der heimsichen Werkstatt auch sein mag beim Marketing setzen die Traditionalisten neben ihren Reiseaktivitäten große Stücke auf das Internet. Eine halbe Stunde Surfen zweigt Matthias Vickermann mindestens von seinem Tag ab, um in allen einschlägigen Foren präsent zu sein. Die eigene Homepage wird wöchentlich aktualisiert. Noch kommen relativ wenig Aufträge über die Internetpräsenz ins Haus, aber Kunden in Japan, Kasachstan oder Puerto Rico lassen das Potenzial dieses Engagements erahnen.

Klappern gehört zum Handwerk. Diese alte Redensart hat für Matthias Vickermann nichts an Aktualität verloren. Im nächsten Frühjahr wird er wieder in See stechen, um den Passagieren das Schuheputzen zu lehren.

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