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Erfindergeist in der Corona-Krise Saubere Griffe: Gebäudereiniger entwickelt Einkaufswagen-Waschstraße

Einschieben, Fußpedal drücken, kurz warten, fertig. So einfach funktioniert "reiner", eine Art Desinfektionsschleuse für den Einkaufswagen. Entwickelt wurde die Anlage von einem Gebäudereiniger und dessen Sohn. Die sind zuversichtlich: das Gerät hat auch über die Corona-Pandemie hinaus Potenzial – und das nicht nur in Supermärkten.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Bei hygienebewussten Menschen lösten die Griffe an Einkaufswägen schon immer ein unwohles Gefühl aus. Wer da wohl zuletzt dran war? Und was sich dort für Keime tummeln? So ein Einkaufswagen geht von Kunde zu Kunde – das beschäftigt seit der Corona-Pandemie auch die breite Masse. Die Supermärkte sind zwar dazu übergegangen, Körbe und Griffe verstärkt zu reinigen und zu desinfizieren – doch wann und wie das zuletzt gemacht wurde, ist für den Kunden in der Regel nicht ersichtlich.

Genau hier setzt "reiner" an – eine Art Waschstraße für den Einkaufswagen, bei der es die Kunden selbst in der Hand haben, für Hygiene zu sorgen. Die Anwendung ist simpel: Einkaufswagen einschieben, zwei bis drei Sekunden den Fußschalter drücken, das Gefährt wird mit Hygienemittel besprüht, Wagen wieder rausschieben. Währenddessen kann sich der Kunde direkt an der Anlage die Hände desinfizieren.

Von der Idee zum Prototypen in sechs Wochen

Erfunden wurde die Desinfektionsanlage von der IG Franken Gebäudereinigung GmbH aus Erlangen. Die Idee dazu hatten Firmeninhaber Ingo Gartner und Sohn Fabian im März. "Wir haben festgestellt, dass die Hygienekonzepte in Supermärkten, die es damals gab – und die auch heute noch größtenteils zur Anwendung kommen – nicht bis zu Ende gedacht und teils sehr kostenintensiv waren", erinnert sich Fabian Gartner.

Also machten sich die beiden an die Entwicklung. Konstruktionszeichnungen wurden angefertigt, die Idee mit regionalen Maschinenbauern diskutiert und ein Prototyp gebaut. Das alles im Schnelldurchgang innerhalb von sechs Wochen. Es sollten noch zwei weitere Prototypen folgen, ehe die Entwicklung Ende Mai abgeschlossen und mit der Serienfertigung begonnen werden konnte.

Größte Herausforderung: die Wahl des Desinfektionsmittels

Als Herausforderung habe sich vor allem die Wahl des Hygienemittels erwiesen, erinnert sich Fabian Gartner. Ein erster Test mit gängigem Flächendesinfektionsmittel habe zwar ein gutes Ergebnis geliefert: "Den öffentlichen Raum mit hochgradig alkoholischen Flüssigkeiten zu vernebeln, fanden wir dann doch etwas schwierig", sagt er. Also versuchten sie es mit einem Mittel auf Chlorbasis. Auch hier war das Ergebnis zunächst zufriedenstellend. "Nach zwei Wochen sah unser Testeinkaufswagen allerdings aus, als wäre er gerade in einer starken Akne-Phase", so Fabian Gartner. Das Chlor hatte die Oberfläche verätzt. Auf der Suche nach einer geeigneten Desinfektion verschlug es die beiden schließlich in die Schweiz. "Gemeinsam mit einem Mittelständler dort haben wir ein Mittel entwickelt, das haut- und umweltverträglich ist, nicht entflammbar ist, und das Material nicht angreift." Damit waren sie vollständig aufgestellt.

Viel positive Resonanz auf den "reiner"

Roland Weigert, Christian Sendelbeck, Ingo Gartner und

Inzwischen ist "reiner" an den ersten Standorten im Einsatz. Die Resonanz sei großartig, so Fabian Gartner. Filialleiter würden von Kunden berichten, die vorher nie im Markt einkauften und jetzt regelmäßig kommen. "Der 'reiner' verkauft ja auch eine Botschaft über den Einkaufswagen hinaus: Wer in diesem Bereich investiert, der achtet auch sonst auf Hygiene", sagt Fabian Gartner. Für den klassischen Discount-Markt sei dabei ein Gerät völlig ausreichend. In Vollausstattung kostet ein "reiner" den Kunden knapp 5.000 Euro – beziehungsweise fünf Euro pro Tag im Mietkauf-Modell. Mit integriert ist dann neben der Desinfektionsfunktion auch ein Hochdruckreinigungssystem.

Lob und Anerkennung gab es für die Erfindung unlängst von Bayerns Wirtschafts-Staatssekretär Roland Weigert. Er würdigte die Anlage als eine "unternehmerische Glanzleistung". Für Christian Sendelbeck, Vizepräsident der Handwerkskammer für Mittelfranken, ist die IG Franken Gebäudereinigung "ein Vorzeigebeispiel, wie innovativ Handwerksunternehmen auf veränderte Marktsituationen und Kundenbedürfnisse reagieren."

Potenzial über die Pandemie hinaus

Doch hat die Erfindung gegen Schmierinfektionen auch nach der Corona-Pandemie noch Potenzial? Fabian Gartner ist zuversichtlich. Zum einen sei der "reiner" vielseitig einsetzbar. Trolleys an Flughäfen könnten mit ihm gereinigt und desinfiziert werden, aber auch die Bestuhlung in Veranstaltungssälen. Vor allem aber glaubt er, dass nach der Pandemie ein gesteigertes Hygienebedürfnis in der Gesellschaft bleiben wird. "Das wird unabhängig von einem Impfstoff definitiv so kommen."

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