Gesundheit -

Rückenschmerzen Krankheit Nr. 1 Deutschland hat Rücken

Nichts quält die Deutschen mehr, als der Rücken. 22.1 Millionen Menschen gingen allein vergangenes Jahr deswegen zum Arzt, deutlich mehr als noch fünf Jahre zuvor. Die häufigsten Krankheiten der Deutschen, woher sie kommen und was dagegen hilft.

Bewegungsarmut, Zwangshaltungen bei der Arbeit, das Heben und Tragen schwerer Lasten: Die Gründe, weshalb drei von vier Deutschen unter Rückenschmerzen leiden, kennen die meisten, hat die Versicherung IKK classic in einer Repräsentativumfrage herausgefunden.

Jetzt hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV festgestellt, dass die Zahlen der Rückenpatienten sogar noch weiter gestiegen sind. Seit 2010 haben 5,7 Prozent mehr Menschen Rückenprobleme, insgesamt 22,1 Millionen.

Überhaupt führen Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems sowie Bindegewebserkrankungen die Liste der Gründe für einen Arztbesuch an. 36,7 Millionen Patienten gingen deswegen 2015 zum Arzt.

Volkskrankheiten

Dem folgen 35,1 Millionen Patienten mit Erkrankungen des Atmungssystems - davon litten 20,7 Millionen unter akuten Infektionen der oberen Atemwege, zum Beispiel Nasennebenhöhlenentzündungen.

An dritter Stelle lagen Drüsen-, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (29,5 Millionen), beispielsweise ausgelöst durch zu hohe Cholesterinwerte. Dem folgten Erkrankungen des Kreislaufsystems (28,5 Millionen) wie Bluthochdruck sowie psychische Verhaltensstörungen (25,6 Millionen).

Kein anderer Bereich zeigt seit 2010 mehr Anstieg als diese psychischen Störungen. In den vergangenen fünf Jahren verzeichnet die KBV eine Zunahme um 19,6 Prozent. 13,6 Millionen Patienten ließen sich 2015 deswegen behandeln.

Stress macht Rücken und Seele krank

Die meisten Menschen kennen die Ursachen ihrer Probleme, vor allem bei Rückenschmerzen. Sie sehen einseitige Belastung als Ursache ihrer Schmerzen (51 Prozent), 22 Prozent führen sie auf mangelnde Bewegung zurück. Auf Platz drei bei den “gefühlten“ Ursachen rangiert nach Aussage der Befragten der Stress im Beruf (12 Prozent).

Folgerichtig erkennen die meisten auch, wo sie bei ihren Rückenproblemen ansetzen könnten: Wer von den Befragten aktuell ohne Beschwerden war, gab an, zumindest gelegentlich darauf zu achten, dass er rückenschonend trägt und hebt (54 Prozent), sich mehr bewegt und Sport treibt (44 Prozent) und sich um eine gesündere Haltung im Alltag oder bei der Arbeit bemüht (33 Prozent).

Doch die Mehrheit wendet die Vorbeugemaßnahmen im Alltag nur sporadisch an. 73 Prozent der Befragten fällt es schwer, ihre guten Vorsätze für einen fitten Rücken dauerhaft umzusetzen. Auf der Hitliste der Hinderungsgründe steht Motivationsschwäche an erster Stelle (32 Prozent). Zeitmangel wird nur von jedem Vierten als Grund genannt.

Bevor die Betroffenen bereit sind, zum Arzt zu gehen, müssen die Schmerzen erst richtig quälen. Selbst dann raffen sich nur 67 Prozent der Befragten auf. Zuvor hat allerdings jeder Zweite versucht, den Schmerz in Eigenregie zu bekämpfen: Mittel der Wahl sind Medikamente (54 Prozent), Massagen/Wärme (53 Prozent) und viel Bewegung wie Laufen oder Gymnastik (52 Prozent).

Tipps gegen den "inneren Schweinehund"

Sechs Tricks im Arbeitsalltag

  1. Auf die Füße achten: Ein gesunder Rücken beginnt bei den Füßen. Gutes Schuhwerk ist wichtig, die Schuhe zwischendrin mal auszuziehen aber ebenso: Bewegen Sie dann die Zehen auf und ab, ziehen Sie sie heran, strecken Sie die Füße aus, spreizen Sie die Zehen - all das trainiert das Fußgewölbe.
  2. Treppen steigen: Jede Treppe ist eine Chance: Wer hier zudem nur mit dem Vorderfuß auftritt, trainiert Kreislauf, Bein- und Fußmuskulatur.
  3. Richtig stehen: Wer im Alltag viel steht, sollte immer wieder kontrollieren, ob er sei n Gewicht auf beiden Füßen gleichmäßig verteilt. Ausgleichsbewegungen, beispielsweise Kreisen mit den Füßen, Zehen anziehen, in die Hocke gehen, die Arme heben und senken, entlasten den unteren Rücken.
  4. Autofahrten nutzen: Ein stabiler Beckenboden ist das Fundament für einen stabilen Rücken. Jede Autofahrt kann man für sein Training nutzen. Bei jedem Halt, an jeder Ampel, an jeder Kreuzung ausatmen und gleichzeitig die Sitzbeinhöcker nach innen und oben ziehen. Mit dem Einatem loslassen, mit dem Ausatem wiederholen.
  5. Nicht nur sitzen: Wer eine sitzende Tätigkeit hat, sollte sich selbst Bewegung verschaffen: Bei vielen Telefonaten kann man auch stehen, kleine Informationen lassen sich oft persönlich überbringen, und immer wieder: Den aufrechten Sitz herstellen, mit beiden Füßen fest am Boden, den Sitzbeinhöckern spürbar auf der Sitzfläche, dem Brustbein angehoben und dem Nacken lang.
  6. Pausen nutzen: Der Körper will immer Ausgleich. Wer viel sitzt, sollte sich in seinen Pausen bewegen, wer viel steht, braucht etwas Bewegung, sollte aber auch die Beine kurz hochlegen, wer schwer körperlich arbeitet, sollte die belasteten Bereiche mit sanften Bewegungen entlasten.

Melanie Gestefeld von der IKK classic betont in dem Zusammenhang den Wert von Gesundheitskursen, die auch für Unternehmen angeboten werden: "In diesen Kursen werden nicht nur Techniken der rückenschonenden Bewegung und Entspannung vermittelt. Die Kursleiter wissen um die entscheidende Rolle der Motivation für den Erfolg und vermitteln auch hilfreiche Tricks und Kniffe, um dem inneren Schweinehund Beine zu machen."

Einen solchen Gesundheitskurs machten auch die Mitarbeiter der ES Elektroanlagen und Systemtechnik GmbH in Mannheim. Gesundheitsberater Frank Ruhnau von der IKK classic ging mit den knapp 30 Mitarbeitern jeden Arbeitsplatz durch: vom Büro über die An- und Auslieferung bis zur Werkstatt. Jeder analysierte seine Situation selbst und entwickelte mit dem Berater Verbesserungsvorschläge. "In der Werkstatt haben wir eine alte technische Zeichenmaschine aus dem Konstruktionsbüro genommen und ausprobiert, ob sich die Montageplatten auf diese kippbare Ebene bringen lassen", erklärt Ruhnau. Die Idee hat sich bewährt.

Bernhard Frölich
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Jetzt arbeiten die Mitarbeiter bei kompakten Steuerungen an der höhen-und neigungsverstellbaren Platte. Sie können frontal herantreten und schonen ihren Rücken, wenn sie Schaltungen in der Mitte oder am hinteren Ende der Platte verdrahten müssen. Große Montageplatten sind nach wie vor zu schwer und zu ausladend für diese Lösung. Zumindest aber beschaffte sich das Team für Arbeiten, bei denen man früher in die Hocke gehen musste, spezielle Hocker, die sich entsprechend niedrig einstellen lassen.

Kosten trägt der Versicherer

Die Seminarkosten trug die Versicherung. Mit einzelnen Seminaren und Schulungen ist es allerdings nicht getan. Studien zeigen, dass nur dauerhaftes Training die Rate an Muskel- und Skeletterkrankungen senken könne. Sport und Ausgleich in der Freizeit sollten also regelmäßig und den eigenen Fähigkeiten angepasst sein.

Jedes Gewerk und jeder Arbeitsplatz ist anders. Gesundheitsberater können sich vor Ort ein Bild machen und auf den Einzelnen angepasste Tipps geben. Interessierte Unternehmer sollten prüfen, bei welcher Krankenkasse eine Mehrzahl der eigenen Mitarbeiter versichert ist, und sich dort nach Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung erkundigen. In der Regel sind diese Maßnahmen für den Arbeitgeber kostenlos, seine Investition ist die Arbeitszeit der Mitarbeiter.

Wer unabhängig von Versicherungen bleiben möchte, kann sich an kommerzielle Dienstleister wenden, beispielsweise Gesundheitszentren, Ernährungsberater oder Institute für betriebliche Gesundheitsförderung. Hier liegen die Kosten für die Maßnahmen höher und die Qualität der Anbieter ist schwerer einzuschätzen. Dafür ist der Unternehmer nicht abhängig von der Versichertenlandschaft im eigenen Betrieb und meist reagieren die Anbieter auch schneller.

Arbeitgeber muss Vertragspartner sein

Die Kosten für Gesundheitsmaßnahmen sind bis zu einer Höhe von 500 Euro pro Arbeitnehmer steuer- und sozialversicherungsfrei, wenn sie bestimmten Kriterien entsprechen. Dabei ist es gleichgültig, wo der Arbeitnehmer seine Gesundheitskurse besucht. Hierzu zählen beispielsweise Bewegungsprogramme, Ernährungsangebote, Suchtprävention oder Kurse zur Stressbewältigung.

Nicht befreit von Steuer und Sozialversicherung sind Mitgliedsbeiträge für Sportvereine oder Fitnessstudios. Wer hier als Arbeitgeber trotzdem einen Anteil übernehmen möchte, sollte das im Rahmen der für Sachbezüge geltenden monatlichen Freigrenze tun.

Wichtig ist, dass der Arbeitgeber Vertragspartner des Studios oder des Vereins ist und nicht der Arbeitnehmer. Steuerberater, aber auch Krankenversicherungen, geben Tipps, wie die Verträge gestaltet werden müssen, damit die Zahlungen abgabefrei bleiben.

Die gesetzliche Regelung können Sie nachlesen unter Artikel 3 Nr. 34 EStG, gesetze-im-internet.de.

Dieser Artikel wurde am 5. Oktober 2016 aktualisiert

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