Meisterstücke -

Meisterstücke Rosen, die die Welt zusammenschmieden

Zwei Norweger antworten auf ihre Weise auf die Anschläge von Oslo und Utoya. An dem von ihnen geplanten Mahnmal arbeiten Handwerker aus der ganzen Welt mit – auch aus Deutschland.

Anschlag von Utoya
Im Schmiedecontainer hält Schlossermeister Karl-Heinz Schopbach (Mitte) den Rundstahl ins Feuer, Isabell Burdack und Dominik Löhrmann warten auf ihren Einsatz. -

Ein Meer aus Rosen – damals. Nach dem 22. Juli des vergangenen Jahres legten die Norweger überall in ihrer Hauptstadt Rosen ab. Rosen als Zeichen der Liebe gegen den Hass des Anders Behring Breivik, der 77 Menschen getötet hatte. Den Opfern zum Gedenken entsteht ein Mahnmal, für das auch deutsche Handwerker Rosen schmieden – wie ihre Kollegen in der ganzen Welt.

Ein Zeichen gegen den Hass

Vor genau einem Jahr hatte der Atten­täter zunächst in Oslo eine Autobombe gezündet, war dann zur 40 Kilometer entfernten Insel Utoya gefahren und hatte dort wahllos auf Kinder und Jugendliche in einem Ferienlager geschossen. Das Grauen, das er über sein Land brachte, bezeichnet Breivik als Notwehr gegen den Multikulturalismus.

Während sich in Oslo Breivik vor Gericht zum Helden im Kampf gegen die "Islamisierung Europas" stilisiert, setzen in Chemnitz Menschen auf ihre Art ein Zeichen gegen den Hass. Sie halten einen Stab aus Rundstahl ins Feuer, bis er rot glüht, 850 °C heiß. Mit Hammer und Zange bearbeiten sie ihn, bis das untere Ende nur noch zwölf Millimeter dick ist. Dann erhitzen sie den Stab wieder, spalten das obere Ende mehrere Male fast bis zur Mitte. Wieder müssen sie den Stahl erhitzen, wieder spalten sie ihn, diesmal von der Seite, lassen flache Blätter entstehen, die sie dann in die Breite schmieden.

Die Blätter werden dünn wie Papier. Mit Schraubenzieher, Meißel und Hammer biegen sie sie auf, formen sie, erhitzen sie wieder, formen. Nach fünf Stunden: eine Rose. Drei Tage lang arbeiten sie, dann überreichen sie Andreas Pohlers von der Schmiedeinnung Chemnitz ihre Rosen: "Ich schicke sie diese Woche nach Norwegen", verspricht er. Dort, in Norwegen, sammeln sich mittlerweile hunderte von geschmiedeten Rosen.

Die beiden norwegischen Schmiede Tobbe Malm und Tone Mørk Karlsrud waren am 22. Juli 2011 unterwegs zu einem Schmiedetreffen gewesen, als Breivik seine Anschläge verübte. Sie waren schockiert, aber in der Schmiedegemeinschaft fühlten sie einen großen Zusammenhalt. Das brachte sie auf den Gedanken zu einem globalen Gemeinschaftsprojekt. "Lasst die Liebe wachsen – mit Hämmern und Feuern": Mit diesen Worten riefen die beiden via Facebook und über den internationalen Bund der gestaltenden Schmiede weltweit dazu auf, ein gemeinsames Mahnmal aus Rosen zu errichten. Der Chemnitzer Kunst- und Bauschlosser Karl-Heinz Schopbach liebäugelte sofort mit dem Projekt.

Zu Tränen gerührt

So war es Fügung, dass die örtliche Schmiedeinnung beschlossen hatte, sich im Rahmen der 100-Jahr-Feier der Handwerkerschule Chemnitz am Rosen-Projekt zu beteiligen. Drei Tage lang sollten sechs Schüler des beruflichen Schulzentrums in einem eigens für das Jubiläum aufgestellten Schmiedecontainer ihr Gewerk vorstellen, indem sie Rosen für Norwegen schmiedeten. Angeleitet hat sie unter anderem Karl-Heinz Schopbach. Der Gedanke, wofür sie arbeiteten, sei bei ihm immer im Hinterkopf gewesen, erzählt der 67-Jährige: "Wenn man daran denkt, wie viele Menschen sich für diese Sache engagieren, könnten einem die Tränen ­kommen."

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