Meisterstücke -

Atelier Nagel in Hirschaid-Rothensand Restauratoren im Handwerk: Neue Seitenaltäre für St. Sebastian

Nur eine Schwarzweißfotografie diente den Restauratoren im Handwerk, Julia und Thomas Nagel, als Vorlage, um die beiden neogotischen Seitenaltäre der Kirche St. Sebastian im oberfränkischen Hallerndorf zu rekonstruieren.

Zwei ältere Frauen sitzen in der ersten Reihe der Pfarrkirche St. Sebastian im oberfränkischen Hallerndorf. Sie bewundern den rechten Seitenaltar. "Wunderschön, jetzt sieht die Kirche wieder aus wie in meiner Jugend", hört man eine von ihnen flüstern. Auch das Restauratorenpaar Julia und Thomas Nagel steht ganz still, geradezu ehrfürchtig im hinteren Kirchenschiff und blickt auf sein Werk.

Pfarrer sammelt Spenden

Bis in die 1950er-Jahre schmückten die katholische Kirche zwei Seitenaltäre. Dann verschwanden sie aus St. Sebastian. "Für den Zeitgeschmack waren sie unmodern, außerdem sollen sie wurmstichig gewesen sein, aber das ließ sich nicht sicher bestätigen", sagt Restauratorin Julia Nagel. Jahrzehntelang blickten die Kirchenbesucher danach auf kahle Wände. Nur Mensa und Predella, also der Unterbau mit Heiligenfigur, standen noch.

Rekonstruktion der Seitenaltäre von St. Sebastian

Pfarrer Matthias Steffel – selbst gelernter Schreiner – fasst nach 60 Jahren den Entschluss, dass St. Sebastian wieder seine Seitenaltäre bekommen soll. Er sammelt Spenden und engagiert das Restauratorenpaar Julia und Thomas Nagel. Die aufwändige Rekonstruktion der neogotischen Seitenaltäre dauert etwas über ein Jahr. Denn die Ausgangslage ist denkbar schwierig. Als Vorlage kann nur eine einzige Schwarzweißfotografie dienen.

"Das war knifflig, weil man Formen und Gestaltung nur erahnen konnte", sagt Thomas Nagel, Maler- und Lackierermeister mit Schwerpunkt Kirchenmalerei und Denkmalpflege. "Auf der Fotografie ist nicht zu erkennen, ob die Haupttürme dreieckig, viereckig oder vielleicht sogar fünfeckig sind." Deshalb haben die Nagels die Schwarzweißfotografie vergrößern und in Originalgröße auf Leinwand drucken lassen. "Das war teuer, aber mit diesem Druck konnten wir besser nachvollziehen, wie die beiden Altäre tatsächlich früher ausgesehen haben", sagt der 37-Jährige.

Reinste Detektivarbeit

"Ein wenig konnten wir uns noch an den Verzierungen der noch vorhandenen Unterbauten und der Kanzel, die aus der gleichen Zeit stammt, orientieren." Trotzdem muss Thomas Nagel viel zeichnen, tüfteln und konstruieren, mit Materialstärke und Winkeln experimentieren. "Das war richtige Detektivarbeit", sagt der Restaurator im Handwerk. "Wir haben viel ausprobiert und auch manchen Ausschuss produziert." Am Ende passen für den Perfektionisten die Proportionen und Dimensionen.

Mit Hilfe eines befreundeten Tischlermeisters baut Thomas Nagel die Holzrahmenkonstruktionen für die Seitenaltäre. Mit je sechs Metern Höhe und 2,5 Metern Breite passen sie nur in die Scheune des Bauernhofs, in dem die Nagels mit ihren drei Kindern wohnen und arbeiten – und auch nur, weil die Scheune die dafür passende Öffnung hat. Kennengelernt haben sich Julia und Thomas Nagel 2003 bei der Gesellenausbildung zum Vergolder in München. Doch erst als die gebürtige Schwäbin nach drei Jahren auf der Walz bei Thomas Nagel anfängt zu arbeiten, wird aus den beiden auch privat ein Paar.

Detailgenau rekonstruiert

Der Holzrahmenbau ist aber nur ein Teil der Rekonstruktion. Die neogotischen Maßwerkelemente – das sind zum Beispiel die geschnitzten Elemente rechts und links der Heiligenfiguren – müssen alle per Zirkelschlag konstruiert und aufgezeichnet werden. Einige Zierelemente wie die Gesprenge hat Thomas Nagel aufgezeichnet, in Gips modelliert und dann von Hand aus Lindenholz geschnitzt.

Zu den Holzarbeiten kommen die Verzierungen aus Porzellangips. Zahlenmäßig eindeutig in der Überzahl: 144 kleine und 220 große Krabben sowie 36 kleine und 34 große Kreuzblumen sind nur ein Bruchteil der Menge, die produziert werden musste. Jedes Element wird detailgenau rekonstruiert und in eine eigens angefertigte Silikonform gegossen. Nach und nach entstehen so Krabben, Kreuzblumen, Kriechblumen, Rosetten und Schlusssteine, die alle vergoldet werden müssen.

Polieren mit Achat

Das Vergolden ist das Metier von Julia Nagel. Im vergangenen Monat hat sie letzte Hand an zwei Gesprenge gelegt, die dem linken Seitenaltar noch fehlten. Auf die Holzschnitzereien bringt die 37-Jährige bis zu zehn Grundierungen auf, bevor es ans eigentliche Vergolden geht. Bei der Polimentglanzvergoldung wird das Werkstück mit einem Alkohol-Wassergemisch benetzt. Dann zerteilt Julia Nagel das Blattgold auf dem Vergolderkissen mit einem zweischneidigen Vergoldermesser.

Mit ruhiger Hand legt sie das hauchdünne Goldblättchen mit Hilfe eines breiten Pinsels auf das polimentierte Werkstück. Anschießen nennen die Vergolder diesen Vorgang. Vorsichtig arbeitet sie mit einem weiteren Pinsel nach, damit sich das Gold in jede Vertiefung der Schnitzerei anschmiegt. Ist das Werkstück getrocknet, erfolgt der letzte Schritt: Um dem Gold seinen Glanz zu verleihen, poliert es die Restauratorin mit einem Werkzeug, an dessen Spitze ein blanker, leicht gebogener Achat montiert ist. "Damit erzielt man das beste Ergebnis", sagt Julia Nagel. Früher wurden für diesen Arbeitsschritt auch Hundezähne oder der Hauer eines Wildschweins verwendet.

In den letzten Projektwochen hatten die Restauratoren noch einmal alle Hände voll zu tun, bis alle Teile zusammengebaut und montiert, gefasst und vergoldet waren. Ende Oktober wurden die Seitenaltäre vom Erzbischof von Bamberg geweiht. Julia und Thomas Nagel waren beim Gottesdienst natürlich dabei. Ihr Werk wird nun die nächsten Generationen von Kirchenbesuchern begleiten. Und ähnlich dem Brauch der Bulle bei der Grundsteinlegung wurde in den beiden Seitenaltären noch etwas mehr für die Nachwelt hinterlassen – unter anderem eine Urkunde von Pfarrer Matthias Steffel, eine Tageszeitung und eine Chronik von Hallerndorf.

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